Straßenkinder : Suche nach Anonymität

In Deutschland leben bis zu 3000 Jugendliche auf der Straße - sie haben ihre Familien verlassen. Ihren Lebensunterhalt bestreiten sie mit Betteln, Prostitution und Kleinkriminalität.

Nils Michaelis

Etwa 2500 bis 3000 Jugendliche zwischen zwölf und 23 Jahren leben in Deutschland auf der Straße – manche nur für wenige Wochen, andere über Jahre. Diese Angaben macht die Organisation Off Road Kids. Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend geht von bis zu 7000 Minderjährigen und jungen Erwachsenen aus, die die meiste Zeit des Tages auf dem Asphalt unterwegs sind. Weil viele von ihnen nur für eine gewisse Zeit ohne festen Wohnsitz sind und meist nicht bei den Behörden ihres zeitweiligen Aufenthaltsorts gemeldet sind, gibt es keine genauen offiziellen Statistiken.

Nach Angaben des Deutschen Jugendinstituts, das von ähnlichen Zahlen wie Off Road Kids ausgeht, haben sich diese Jugendlichen von Familie und Ausbildung losgesagt. Sie versuchen mittels Kleinkriminalität, Betteln oder Prostitution zu existieren und sehen in der Straße den einzigen Bezugspunkt. Viele von ihnen kommen nachts bei Freunden unter oder nächtigen bei ihren Freiern – dort bekommen sie gegen Sex eine warme Mahlzeit und einen Schlafplatz. Markus Seidel, Chef von Off Road Kids nennt sie lakonisch „Erbsensuppen-Stricher“.

„Die meisten der Jugendlichen suchen die Anonymität“, erklärt der 39-Jährige das Phänomen, dass es die jungen Heimatlosen vor allem in die Metropolen zieht. 177 Jugendliche haben die Mitarbeiter von Off Road Kids nach Seidels Angaben im letzten Jahr von der Straße geholt und anschließend betreut. Insgesamt 1068 seien es seit der Gründung des Vereins vor 14 Jahren.

Entweder ziehen die jungen Leute vorübergehend ins abgeschiedene Vereinsheim im Schwarzwald – oder sie versuchen sich an einem geregelten Leben, indem sie eine geförderte Berufsausbildung beginnen.

Neben Köln, Hamburg und Dortmund ist Off Road Kids mit einer Zweigstelle in Berlin tätig. Vier hauptamtliche Sozialarbeiter haben hier während der vergangenen sechs Jahre etwa 600 junge Menschen betreut, berichtet Seidel. „Sie versuchen, den Jugendlichen, die sich von ihrer Clique rund um den Bahnhof Zoo oder am Alexanderplatz lösen wollen, Alternativen aufzuzeigen, anstatt Druck auszuüben“, erklärt er.

Doch so sehr sich Seidel über die Erfolge seiner Organisation freut – von der Politik fühlt er sich alleingelassen: „Wie kann es sein, dass in diesem wohlhabenden Land Tausende junger Menschen durchs soziale Raster fallen, weil sich keine Behörde zuständig fühlt?“ Entsprechend pessimistisch beschreibt er die Zukunft seiner Klientel: „Zur Betreuung von Straßenkindern sind die Kommunen nicht verpflichtet. Deshalb werden besonders Großstädte immer eine solche Szene haben.“

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