Stress, Depression und Burnout : Wenn alles zu viel wird

Jeder dritte Berufstätige fühlt sich ausgebrannt. Das ergab eine neue Stressstudie der Techniker Krankenkasse. Auch dem ehemaligen Weltklasseskispringer Sven Hannawald ging es so. Jetzt spricht er darüber.

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Sven Hannawald litt lange Zeit unter einem Burnout-Syndrom.
Sven Hannawald litt lange Zeit unter einem Burnout-Syndrom.Foto: dpa

Mehr geht nicht. Sven Hannawald hat alles erreicht, was sein Sport an Titeln zu bieten hat. Er wurde Olympiasieger, Weltmeister und er brachte das Kunststück fertig, alle Springen der Vierschanzentournee zu gewinnen. Das ist keinem Skispringer vor ihm gelungen, und bisher hat es auch danach keiner geschafft. Sven Hannawald hat allen Grund, der zufriedenste und glücklichste Mensch der Welt zu sein. Nur ist er es lange nicht gewesen. Selbst der größte Triumph fühlte sich für ihn irgendwann „nach gar nichts an“, wie er sagt. „Meine Energie war erloschen.“ Auf einmal war da nur noch – Leere.

Dem ehemaligen Profisportler erging es damit nicht anders als Millionen anderen Deutschen. Nach einer neuen Stressstudie, die am Mittwoch von der Techniker Krankenkasse veröffentlicht wurde, fühlen sich 40 Prozent der Berufstätigen abgearbeitet und verbraucht, jeder Dritte sogar ausgebrannt. Mehr als jeder Zweite hat zudem das Gefühl, dass sein Leben in den vergangenen drei Jahren stressiger geworden ist. Jeder Fünfte gibt an, unter Dauerdruck zu stehen. Für Jens Baas, den Vorstandsvorsitzenden der Krankenkasse, sind das „echte Alarmzeichen“. Zwar sei Stress nicht per se gesundheitsgefährdend, „aber es wird dann problematisch, wenn die Betroffenen da nicht mehr herauskommen“. Rückenleiden können die Folge sein, Tinnitus – aber eben auch Depressionen oder ein Burnout-Syndrom.

Mehr Fehlzeiten wegen Burnout

Sven Hannawald merkte, dass etwas nicht stimmt. Nur was genau, das wusste er nicht. Also rannte er zu allen möglichen Ärzten, gab Blutproben ab, ließ seine Organe untersuchen. Gefunden wurde lange nichts. Und dennoch hat er „nach und nach den Halt verloren“ und sich zurückgezogen. Bis im April des Jahres 2004 schließlich öffentlich wurde, worunter der Skispringer litt: Wegen eines Burnout-Syndroms musste er sich in eine Klinik begeben. Alleine konnte er seine Probleme einfach nicht mehr bewältigen. Vorbei auch die große Skisprungkarriere.

Burnout und Depressionen: Obwohl es den Anschein hat, gibt es keine verlässlichen Zahlen darüber, dass psychische Leiden in Deutschland mehr geworden sind. Was definitiv zugenommen hat – seit 2006 um 75 Prozent –, sind die Fehlzeiten wegen psychischer Krankheiten. „Der gefühlte Stress ist in den vergangenen Jahren mehr geworden“, sagt auch Franziska van Hall. Die neue Studie, für die das Forsa-Institut 1000 Menschen befragte, bestätigt das, was die Oberärztin an der psychiatrischen Klinik der Charité beobachtet hat.

Demnach reiben sich vor allem die 35- bis 45-Jährigen und überdurchschnittlich häufig Frauen auf, weil bei ihnen vieles zusammenkommt: Job, Familie, Kinder. Oft haben Frauen auch einen größeren Anspruch an die eigene Leistungsfähigkeit. „Frauen sind fast doppelt so häufig von Depressionen betroffen wie Männer“, sagt van Hall. Als positiv betrachtet die Oberärztin, dass man inzwischen offener und sensibler mit dem Thema umgehe. Dazu beigetragen haben auch Sportler wie Sebastian Deisler oder Lindsey Vonn, die ihr Schicksal publik machten - oder zuletzt der Berliner Eishockeyprofi Constantin Braun.

Der 38 Jahre alte Hannawald hat ein Buch geschrieben: „Mein Höhenflug, mein Absturz, meine Landung im Leben.“ Er spricht in Talkshows über seine Geschichte und am Mittwoch bei der Präsentation der Stressstudie, in hellen Jeans und dunklem Sakko, die Haare zurückgegelt. Er habe gelernt, die Dinge anders anzugehen, erzählt er. Sven Hannawald nimmt jetzt an Autorennen teil, und manchmal, so sagt er es, geht er danach auch einfach mal feiern. In seinem Skispringerleben gab es das nicht.

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