Stressige Feiertage : Heiligabend - Schrille Nacht

Unsere Zwangsvorstellung, dass Heiligabend der richtige Tag sei, um hektisch aufzubrechen und mit letzter Kraft irgendwo anzukommen, entstammt sentimentalen Hollywoodfilmen mit verlogenem Happy-End, meint Bernd Matthies.

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Weihnachten in der Familie ist so eine Sache. Das wissen wir nicht erst, seit Loriots Opa Hoppenstedt seinen Lieben den Helenenmarsch geblasen hat. Vielen droht eine eher schrille Nacht, in der überkommene Rituale krampfhaft am Leben erhalten werden, eine Familienaufstellung wider Willen mit Verlegenheitsgeschenken und reichlich Alkohol. Viele brauchen nur einen kleinen Impuls, der sie dazu brächte, einmal alles anders zu machen.

Der aktuelle Verkehrsnotstand könnte dieser Impuls sein. Das Chaos hat dem Fest, wie es scheint, die Gnade der Freiwilligkeit zurückgegeben, es ermöglicht uns, ohne Gesichtsverlust aus dem Hamsterrad der Rituale und Pflichtübungen auszusteigen. Einfach mal absagen! Eine halbe Million Koffer liegt angeblich in Heathrow herum – weshalb sollten wir unseren noch dazulegen? Wer würde Frau und Kinder sehenden Auges in den absehbaren Megastau zwischen Aschaffenburg-West und dem Kreuz Biebelried lenken? Oder sich auf das Abenteuer einlassen, von überfüllten Bahnsteigen auf Verdacht in den nächsten, auch wieder falschen Zug zu steigen, nur um dem Ziel irgendwie ein Stück näherzukommen?

Unsere Zwangsvorstellung, dass Heiligabend der richtige Tag sei, um hektisch aufzubrechen und mit letzter Kraft irgendwo anzukommen, entstammt sentimentalen Hollywoodfilmen mit verlogenem Happy-End. Würden einfach nur jene fahren, die es mit voller Lust und Vorfreude tun, wäre schon viel gewonnen. Aber es tun alle – und sie treffen sich auf dem Weg unentwirrbar mit jenen, die eher den Skilift im Sinn haben und damit eine weitere Form des Staus, der uns längst in allen Lebenslagen umzingelt hat.

Die Mobilität, das wichtigste Projekt der Moderne, quält sich gerade ihrem selbst verschuldeten Ende entgegen. Wir können nichts Besseres tun, als uns auf das darin verborgene Angebot der Entschleunigung einzulassen, auf die ungeheuerliche Zumutung einzugehen, die darin besteht, zu bleiben, wo man ist. „Alles Unglück des Menschen“, sinnierte Blaise Pascal, „entspringt seiner Unfähigkeit, in Ruhe in seinem Zimmer sitzen zu bleiben.“ Und da waren moderne Verkehrsmittel noch nicht einmal eine Idee am Horizont.

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