Stromausfall : Aufatmen im Münsterland

Der folgenschwerste Stromausfall in der deutschen Nachkriegsgeschichte ist vier Tage nach dem Zusammenbrechen der Netze nahezu behoben. Im Münsterland waren am Abend nur noch 2000 Menschen ohne Strom.

Münster - Am Freitag und Samstag waren 50 Strommasten unter der Last großer Schneemassen zusammengebrochen. Bis zu 250 000 Menschen in den Kreis Borken, Steinfurt und Coesfeld saßen tagelang in Dunkelheit und ohne Heizung bei Kerzenschein in ihren Wohnungen oder wichen zu Freunden und in Notquartiere aus.

«Die Frage nach den Kosten stellt sich momentan nicht. Wir konzentrieren alle Kräfte auf die Wiederherstellung der Vollversorgung der Bürger», sagte der Sprecher der Vertriebsgesellschaft RWE Energy, Michael Rosen, in Dortmund. Eine Haftung für die Schäden schloss RWE erneut mit dem Hinweis auf «höhere Gewalt» aus. Das Unternehmen bedankte sich am Dienstag bei ihren Stromkunden für die Geduld und bei Mitarbeitern und 4000 freiwilligen Helfern für den Einsatz in den zurückliegenden vier Tagen und Nächten.

Unterdessen werden erste Ausmaße der Schäden sichtbar: Allein bei den betroffenen Unternehmen im Münsterland haben Produktionsausfälle einen Schaden von mehr als 100 Millionen Euro verursacht, sagte Wieland Pieper, Geschäftsführer bei der Industrie- und Handelskammer Nord Westfalen. Mehrere tausend Firmen in der Region hätten zum Teil erhebliche Ausfälle zu beklagen.

Die Reparaturarbeiten an den Stromleitungen sowie das Schaffen provisorischer Stromnetze über Ersatzleitungen und Notstromaggregate seien sehr gut vorangekommen, sagte der Sprecher des Krisenstabes bei der Bezirksregierung Münster, Stefan Bergmann. Allerdings appellierten die Verantwortlichen an die Vernunft der Verbraucher, die provisorischen Stromnetze nicht zu überlasten. «Bitte jetzt keine Festbeleuchtung!», sagte der Bürgermeister der am Wochenende besonders hart betroffenen Stadt Ochtrup, Franz-Josef Melis (CDU).

Die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen will von einem unabhängigen Gutachter die Schuld am Stromchaos im Münsterland klären lassen. Dieser soll der Frage nachgehen, ob die Folgen der Wetterkapriolen vorhersehbar und damit vermeidbar gewesen wären. Die Bundesnetzagentur müsse auf der Grundlage eines Gutachtens klären, ob der Netzbetreiber RWE von technischen Vorgaben abgewichen sei oder ob es im Versorgungskonzept Versäumnisse gebe, forderten die Verbraucherschützer. Es dürfe nicht nur bei einem Bericht von RWE bleiben. Die Verbraucherschützer hatten auch kritisiert, dass sich die Investitionen in das deutsche Stromnetz in den vergangenen zehn Jahren auf 1,7 Milliarden Euro halbiert habe.

Die Bundesnetzagentur hatte RWE zuvor zu einem «detaillierten Bericht» zu den Ursachen der Stromausfälle aufgefordert. Dabei solle auch dargelegt werden, für welche Eislasten die Leitungen ausgelegt gewesen und welche Lasten aufgetreten seien. Ein entsprechendes Schreiben sei an die RWE Verteilnetz GmbH gegangen, sagte der Präsident der für Energieregulierung zuständigen Bundesbehörde, Matthias Kurth. «Ich warne vor voreiligen und spekulativen Bewertungen. Ich setze auf die sorgfältige und gründliche Auswertung der eingehenden Berichte und werde zu gegebener Zeit auch zu der Frage möglicher Konsequenzen Stellung nehmen.»

Der Bund der Energieverbraucher hat unterdessen die Bundesregierung aufgefordert, die Stromversorger künftig für Ausfälle haftbar zu machen. Die derzeitige Haftungsfreistellung sei angesichts der Milliardengewinne der Konzerne ungerecht gegenüber den Verbrauchern, erklärte der Bund am Dienstag in Bonn. Außerdem habe die Regelung auch nachteilige Folgen für die Versorgungssicherheit. Denn es gebe keinen finanziellen Anreiz für Investitionen in die Netze. Der Bundesverband WindEnergie (Osnabrück) forderte, mehr Überlandleitungen durch Erdkabel zu ersetzen.

Die Düsseldorfer SPD-Landtagsfraktion hat eine Sondersitzung zum Schneechaos beantragt. Die Parlamentsausschüsse für Inneres und für Energie sollen schon in den nächsten Tagen über Ursachen und Konsequenzen des Stromausfalls in Nordrhein-Westfalen beraten. (tso/dpa)

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