Studie : Evolution im Eiltempo

Das Erbgut des Menschen verändert sich heute schneller als je zuvor, zeigt eine Studie US-amerikanischer Forscher. Damit wird die gängige Ansicht widerlegt, dass Zivilisation die Evolution hemmt.

Dagny Lüdemann

Der Mensch entwickelt sich rasanter als je zuvor. Eine Studie hat ergeben, dass sich das Erbgut von Homo sapiens in den vergangenen 5000 Jahren bis zu 100 Mal stärker verändert hat als zu irgendeinem anderen Zeitpunkt, seit sich der moderne Mensch vor sechs Millionen Jahren von einer gemeinsamen Entwicklungslinie mit den Schimpansen abspaltete.

Die verbreitete Ansicht, dass sich die Evolution durch die Zivilisation verlangsamt habe, weil es durch technische Errungenschaften und den medizinischen Fortschritt leichter sei, zu überleben, sei damit hinfällig. Das sagte der Leiter der Studie John Hawks von der Universität Wisconsin. „Wir beherrschen die Natur nicht, sondern haben sie so verändert, dass neue Formen des Selektionsdrucks auf uns wirken“, sagte der Anthropologe.

Zudem hat die Studie, die online im Fachmagazin „PNAS“ der US-Akademie der Wissenschaften erschienen ist, gezeigt, dass sich die Völker der Erdteile immer weiter auseinanderentwickeln. Die Erbinformationen, die zum Beispiel Asiaten tragen, unterscheiden sich zunehmend von denen der Europäer oder Afrikaner, was aber dadurch aufgehalten werden könnte, dass im Zuge der Globalisierung immer mehr Kinder von Eltern verschiedener Ethnien geboren werden.

Die Forscher aus Wisconsin und Kollegen von der Universität Utah verglichen genetische Merkmale bei 270 Personen aus vier Gruppen: Chinesen, Japaner, Westafrikaner und Nordeuropäer. Die Daten dafür lieferte das „HapMap Project“ – eine internationale Datensammlung, um Ähnlichkeiten und Unterschiede im Genom aufzuspüren. Der Vergleich ergab, dass sich mindestens sieben Prozent der Gene für bestimmte Merkmale innerhalb der vergangenen 5000 Jahre verändert haben müssen. Die größten Neuerungen stehen nach Ansicht der Forscher in Zusammenhang mit der Zivilisation.

So haben sich vererbbare Resistenzen gegen Krankheiten entwickelt, die erst durch das enge Zusammenleben bedrohlich geworden sind. Und die Ernährungsweise seit der Entdeckung der Landwirtschaft hat dazu geführt, dass sich bei Europäern die Fähigkeit durchgesetzt hat, den in Kuhmilch enthaltenen Milchzucker (Laktose) zu verdauen. Bei den meisten Asiaten produziert der Körper das dafür notwendige Enzym nur im Kindesalter. Als Erwachsene vertragen sie keine Milch, da ihnen die Erbinformation fehlt, um das Enzym auch dann noch bilden zu können.

Ein Grund für die Beschleunigung der Evolution könnte die wachsende Weltbevölkerung sein. Je mehr Menschen es gibt, desto häufiger entstehen Mutationen – und die genetische Vielfalt wächst.

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