Studie : Lose Familienbande

Deutsche verlassen sich lieber auf den Staat als auf die liebe Verwandtschaft. Laut einer Harvard-Studie zählt man in Litauen, Deutschland und den Niederlanden im internationalen Vergleich am wenigsten auf die Familie.

Michael Schmidt

BerlinIn kaum einem anderen Land der Welt zählt die Familie so wenig wie in Deutschland – ökonomisch gesprochen. Will sagen: In kaum einem anderen Land der Welt zählt man so wenig auf die Familie, verlässt sich so wenig auf die Verwandten, wenn es darum geht, soziale Sicherheit zu gewährleisten. Das geht aus einer am Montag vom Bonner Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA) veröffentlichten internationalen Vergleichsstudie hervor.

Die beiden Forscher Alberto Alesina und Paola Giuliano von der US-Eliteuniversität Harvard haben für ihre Untersuchung Umfragedaten des „World Value Surveys“ aus 78 Ländern ausgewertet. In dieser Umfrage zu Werten und Normen wird unter anderem danach gefragt, wie groß der Stellenwert der Familie für die Befragten ist, wie groß der Respekt gegenüber den Eltern ist und ob Eltern ihr eigenes Wohlergehen zu Gunsten ihrer Kinder zurückstellen sollten. Die Forscher fassten das zu einem internationalen Ranking zusammen. Das Ergebnis: In Litauen, Deutschland und den Niederlanden seien die Familienbande am schwächsten. Vergleichsweise gering sei die Bedeutung von Verwandten aber auch in den Ländern Skandinaviens. Besonders wichtig dagegen in Afrika, Asien und Südamerika. Die größte Bedeutung habe die Familie in Nigeria, Simbabwe und Ägypten.

Familie als Versicherung

Die Formel „reiche Länder = schwache Stellung der Familie“ treffe aber nicht zu, sagt Werner Eichhorst, stellvertretender Direktor für Arbeitsmarktpolitik beim IZA: Die Vereinigten Staaten belegten ebenso wie Kanada, Irland oder auch Frankreich einen Platz im Mittelfeld. Und in ehemals kommunistischen Staaten seien auch fast 20 Jahre nach der Wende die familiären Bande immer noch schwächer ausgeprägt als im Westen. Eine Folge der „Omnipräsenz staatlicher Regelungen“, so Eichhorst, weshalb man auch von einer „erheblichen innerdeutschen Diskrepanz in dieser Hinsicht“ ausgehen könne.

Was die Autoren aber nun eigentlich meinen, wenn sie sagen: Nur in Litauen sind die familiären Bande noch schwächer ausgeprägt als in der Bundesrepublik, ist eben nicht, dass die Familie als Lebensform in Deutschlang gering geschätzt werde – vielmehr geht es Alesina und Giuliano ausdrücklich um die Familie als sozio-ökonomische Einheit. Was sie wirklich suchen, sind Antworten auf die Fragen: Wie beeinflussen die familiären Bande das soziale und wirtschaftliche Verhalten? Wie das Rollenverständnis von Mann und Frau? Und wer ist zuständig für die soziale Sicherung: die Politik, der (Arbeits-)Markt, oder die Verwandtschaft?

Die Antwort lautet: In vielen Ländern, wo viel Wert auf Familie gelegt wird, verlässt man sich weniger auf den Staat, sondern auf die Familie. In diesen Ländern wären die Menschen zum Beispiel auf Nachfrage weniger häufig bereit, für gut funktionierende Sozialsysteme höhere Steuern zu bezahlen, so die Autoren. Hier springe im Notfall eben die „Familie als Versicherung“ ein. Hier werde im Übrigen auch öfter angegeben, es gehe zu Lasten der Kinder, wenn deren Mütter arbeiteten. Mit anderen Worten: Die hohe Wertschätzung der Familie gehe oft einher mit einem eher traditionellen Rollenverständnis bei Männern und Frauen.

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