Welt : Stück für Stück: Kunstraub in der Eremitage

Jahrelang verschwanden Juwelen, Ikonen und Emaille-Schmuck im Gesamtwert von 3,8 Millionen Euro

Elke Windisch

Moskau - Das sei nicht erst gestern und auch nicht vorgestern passiert, ahnten Mitarbeiter der Eremitage in St. Petersburg, als am vergangenen Montag der Raub von sage und schreibe 221 Meisterwerken russischer Juwelierkunst im Wert von mindestens 120 Millionen Rubel (3,8 Millionen Euro) bekannt wurde. Und sie behielten Recht: Samstag früh meldete sich ein Moskauer Antiquitätenhändler, der eines der Stücke vor sechs Jahren gekauft hatte und anschließend restaurieren ließ – ohne zu ahnen, dass es sich bei dem Abendmahlskelch um Diebesgut handelt. Kurz zuvor war in St. Petersburg in einem Müllcontainer der Rahmen einer ebenfalls vermissten Ikone gefunden worden.

Die ältesten der gestohlenen, teilweise sehr kleinen Kunstwerke stammen aus dem 15. Jahrhundert und wurden aus gehämmertem Silber gefertigt, auf das die Künstler eine hauchdünne farbige Emailleschicht auftrugen. In Westeuropa, sagte der Petersburger Kunsthistoriker Andrej Ananow gegenüber der Moskauer Tageszeitung „Kommersant“, seien einschlägige Techniken erst rund 300 Jahre später bekannt geworden.

Die Polizei konzentriert sich bei den Ermittlungen inzwischen auf zwei Angestellte der Eremitage. Einer von ihnen ist der Ehemann der für die Sammlung verantwortlichen Kuratorin. Diese verstarb aus bisher nicht geklärten Gründen, als Prüfer in der vorvergangenen Woche bei einer Routinekontrolle die Inventarlisten mit dem tatsächlichen Bestand abglichen und dabei die Lücken feststellten.

Als Helfer kommen auch Praktikanten in Frage: Kunststudenten, die vor etwa einem Monat beim Putzen und Aufräumen halfen. Als Auftraggeber vermuten Fahnder und Kultusbeamte reiche Privatsammler in Russland und aus dem Ausland.

Aus den Vorgängen, so Boris Bojarskow, zuständig für den Schutz des nationalen Kulturerbes bei Radio „Echo Moskwy“, müssten dringend Konsequenzen für die Sicherung der Kunstwerke und die Überwachung von Besuchern und Mitarbeitern gezogen werden. Weil deren „moralische Integrität bislang über jeden Zweifel erhaben gewesen“ sei, wurden Modernisierungsarbeiten immer wieder verschoben. In vielen der über 1000 Räume der Eremitage gibt es nicht einmal Klimaanlagen – die Frischluftzufuhr regeln Aufseher durch Öffnen der Fenster.

Der Diebstahl, so Bojarskow, sei leider kein Einzelfall. Im März 2001 schlitzten Diebe in der Eremitage eine ganze Leinwand aus dem Rahmen: Das „Bad im Harem“ (1876) von Jean Leon Gerome, auf eine Million Dollar taxiert. Bei inzwischen in allen russischen Sammlungen anberaumten – und bisher verschleppten – Inventuren fürchtet der Beamte weitere „böse Überraschungen“.

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