Welt : Sturm über Deutschland

Vor allem im Osten richtet das Unwetter schwere Schäden an / Ex-Hurrikan „Katia“ in Großbritannien

von und Anna-Sophie Sieben
Eine dicke Hagelschicht hinterließ der Sturm im saarländischen Heusweiler. Foto: dpa
Eine dicke Hagelschicht hinterließ der Sturm im saarländischen Heusweiler. Foto: dpaFoto: dpa

Peißen/Heusweiler - Andrea Gutenmorgen geht fassungslos durch ihr Wohnhaus in Peißen. „Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll.“ Das Dach ist abgedeckt, Fenster und Jalousien sind zerschlagen, Böden und Wände nass und schmutzig, Möbel völlig durchnässt. Im Wohnzimmer stecken sogar noch Glassplitter in der neuen Tapete. Das Schlafzimmer unter dem Dach musste sie ausräumen.

Ein schweres Unwetter mit Starkregen, Hagel und Sturmböen zog am Sonntagabend über den Süden und Osten Deutschlands hinweg.

Mit am schwersten betroffen ist der Salzlandkreis in Sachsen-Anhalt. Eine 51-jährige Frau kam in Preußlitz offenbar im Zusammenhang mit dem Unwetter ums Leben. Die genaue Todesursache wird aber noch geprüft. Die Frau war leblos auf ihrer Terrasse gefunden worden. Sie könnte von einem herabstürzenden Dachziegel getroffen worden sein.

Oberbürgermeister Henry Schütze (parteilos) sagt am Montag im Feuerwehrhaus, etwa 200 Häuser, rund 80 Prozent von Peißen seien betroffen. Den 1200 Einwohner zählenden Ortsteil habe es besonders schwer getroffen. Schütze sagt, es habe ausgesehen „wie nach einem Kriegsereignis“. Hagelkörner hätten die Fassaden derart beschädigt, als wäre darauf geschossen worden. Die Wetterseiten der Häuser seien fast zu hundert Prozent zerschlagen worden.

Reste von zusammengebackenen Eisbrocken liegen am Montag noch immer in den Straßenecken. Überall sind die insgesamt 280 Einsatzkräfte von Feuerwehr und Technischem Hilfswerk mit Sicherungs- und Aufräumarbeiten beschäftigt. Mit zehntausenden Quadratmetern Folie werden die Dächer provisorisch abgedichtet. Im Nachbarort Leau ist die Kita Sonnenschein geschlossen, auch hier wurde das Dach fast komplett abgedeckt. Einige Spielgeräte, die auf der Wiese vor dem Haus liegen, sind beschädigt. Ein solches Unwetter habe es hier in der Gegend noch nicht gegeben, ist sich Schütze mit anderen Einwohnern sicher. Andrea Gutenmorgen beschreibt, wie am Sonntagabend plötzlich der Sturm aufzog. Sie habe im Fernsehen einen Film gesehen, bis das Bild verschwand. Dann habe der Hagel ihr Haus durchlöchert, sie sei in den Keller gerannt und habe gewartet, die Arme über dem Kopf zusammengeschlagen. Die 48-Jährige kämpft mit den Tränen, kann sie kaum zurückhalten. „Wir haben alle geweint, als wir unser Haus danach gesehen haben. Alle.“ Eigentlich habe sie noch Urlaub, eigentlich wollten sie am Dienstag den Geburtstag ihres Mannes feiern. Auf dem Wohnzimmerschrank liegen zwei eingepackte Geschenke.

Auch in Dessau, wo das Umweltbundesamt seinen Sitz hat, hat das Unwetter gewütet. Den Wintergarten von Uwe Weber haben die Hagelkörner zerschlagen, das Auto hat dicke Beulen. An schnelle Hilfe von der Versicherung ist nicht zu denken. Bei der Schadensmeldung heute sei er Nummer 7000 gewesen, berichtet der Mitarbeiter des Umweltbundesamtes. Bis der Gutachter kommt, würden sicherlich zwei Wochen vergehen. Andere habe es aber noch schlimmer getroffen – die Nachbarn, die in ausgebauten, verglasten Dachgeschosswohnungen leben. Doch auch der Behördenmitarbeiter hat einen Verletzten zu beklagen: seine Katze, die sich an den Scherben des Wintergartens geschnitten hat.

Außer in Sachsen-Anhalt wütete das Unwetter vor allem in Rheinland-Pfalz, Thüringen, Sachsen, Brandenburg und dem Saarland. Aber auch Teile von Baden-Württemberg, Bayern und Niedersachsen waren betroffen.

In Bayern blockierten umgestürzte Bäume die Fahrbahn und beschädigten Autos. Viele Straßen wurden durch den Starkregen überschwemmt. In der Region Forchheim wurde eine 36-jährige Frau während der Fahrt von ihrem Motorrad geweht und verletzt. In der Oberpfalz blockierte ein vom Sturm entwurzelter Baum die Gleise der Bahnlinie Regensburg-Hof. Der Lokführer eines heranfahrenden Zuges konnte eine Kollision durch eine Notbremsung verhindern. Im saarländischen Heusweiler bei Saarbrücken lag der Hagel fast einen Meter hoch.

Großbritannien und Irland bekommen derzeit den ehemaligen Hurrikan Katia zu spüren. Mit Windgeschwindigkeiten von mehr als 130 km/h fegt das Sturmtief über die Inseln. In mehreren zehntausend Haushalten fiel der Strom aus, zahlreiche Straßen mussten gesperrt werden. Noch bis Mittwoch soll sich der vermutlich schwerste Sturm seit 15 Jahren über den Britischen Inseln halten. In Deutschland dürfte Katia keinen größeren Schaden anrichten, erklärt Marcus Beyer vom Deutschen Wetterdienst. „Es kann zu starken Böen im Flachland und leichtem Regen kommen. Aber insgesamt bekommen wir nicht viel ab.“ mit dapd

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