Suche geht weiter : Ehec-Verdacht bei Sprossen zunächst nicht erhärtet

Sprossen galten zuletzt als Quelle des Darmkeims Ehec, doch erste Proben weisen nun keine Spuren auf. Bundesverbraucherschutzministerin Aigner rät trotzdem zunächst weiter von dem Verzehr von Sprossen ab.

Die Ursache des Übels? Sprossen sind im Verdacht, der Auslöser der Ehec-Epedemie zu sein.
Die Ursache des Übels? Sprossen sind im Verdacht, der Auslöser der Ehec-Epedemie zu sein.Foto: dpa

Die ersten 23 von 40 untersuchten Sprossen-Proben aus dem verdächtigen Betrieb im niedersächsischen Kreis Uelzen sind Ehec-frei. Das teilte das niedersächsische Verbraucherministerium am Montagnachmittag mit.

Auch auf acht in Hamburg untersuchten Sprossen-Proben haben Experten keine Ehec-Darmkeime entdeckt. Fünf der Proben stammten aus dem inzwischen gesperrten Betrieb im niedersächsischen Bienenbüttel, teilte die Hamburger Gesundheitsbehörde mit. „Das bedeutet aber nicht, dass die Erkenntnisse des niedersächsischen Verbraucherschutzministeriums in Zweifel zu ziehen wären, da sich nach bisherigen Erkenntnissen Ehec nicht gleichmäßig auf die Produkte eines Betriebes verteilt.“ Das Institut für Hygiene und Umwelt hatte die Proben bei Schwerpunktuntersuchungen zum Ehec-Ausbruch analysiert.

Nach dem Ehec-Verdacht bei Sprossen sollen auch in Hessen alle möglicherweise betroffenen Produkte identifiziert und aus dem Handel genommen werden. „Es gibt eine Handelsbeziehung aus Niedersachsen nach Hessen“, sagte der Sprecher des hessischen Verbraucherministeriums, Thorsten Neels, am Montag in Wiesbaden. Auch die Kantinen in Darmstadt und Frankfurt, in denen sich zahlreiche Menschen mit dem Keim angesteckt haben, waren demnach mit den Sprossen beliefert worden.

Wegen Ehec wird nach wie vor auch vom Verzehr roher Tomaten, Gurken und von Salat abgeraten. Solange der Verdacht nicht vollständig ausgeräumt sei, sollte auch auf Sprossen verzichtet werden, sagte Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) in Berlin. Aigner betonte, dass die Hinweise aus dem niedersächsischen Betrieb eine "wichtige Spur", seien, die mit allem Nachdruck weiterverfolgt werden müsse. Man dürfe dabei aber nicht andere Ermittlungsansätze aus dem Auge verlieren, fügte sie hinzu. Bundesweit würden schwerpunktmäßig Produzenten von Sprossen und auch Samenimporte überprüft. Der Präsident des Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL), Helmut Tschiersky-Schöneburg, betonte in Berlin, es werde weiter "ergebnisoffen" nach allen möglichen Ursachen gesucht.

Der Handel und die Lebensmittelbehörden wurden noch am Sonntagabend aufgefordert, intensiv nach weiteren Sprossen-Produkten aus dieser Quelle zu suchen und sie aus dem Handel zu nehmen. Zudem sollen Proben genommen werden. Die Sprossen sollen über Zwischenhändler aus Niedersachsen nach Hessen gelangt sein. Das hessische Ministerium geht von einer heißen Spur aus, die aber noch nicht bewiesen ist. Verbraucher sollten dennoch keinesfalls Sprossen essen, betonte der Sprecher. Nach Auskunft des Gesundheitsministeriums ist die Zahl der schwer an Ehec Erkrankten mit 42 in Hessen zuletzt stabil geblieben.

Vor allem Sprossen von einem Biohof in Niedersachsen standen zunächst unter Verdacht, die Epidemie ausgelöst zu haben. Auch ein Restaurant in Lübeck ist im Visier der Ehec-Ermittler. Unklar ist, ob noch Ehec-verseuchte Ware im Handel ist. Die Warnung vor Gurken, Tomaten und Blattsalaten gilt bisher weiter. Ehec steht auch beim Treffen der EU-Gesundheitsminister an diesem Montag in Luxemburg auf der Agenda.

Dort hat Deutschland das eigene Vorgehen in der Ehec-Krise verteidigt. „Wir hatten den Verdacht und deshalb war es richtig die entsprechenden Verzehrempfehlungen zu geben“, sagte Staatssekretärin Annette Widmann-Mauz am Montag in Luxemburg. „Das sind wir den Menschen wirklich schuldig“. Der Erreger sei „derart aggressiv“ und die Häufung der Fälle in Norddeutschland so massiv, „dass wir jeder Ursache und jeder Spur nachgehen mussten.“ Widmann-Mauz sprach mit Blick auf die Warnungen vor rohen Gurken, Tomaten und Salat von einem „vorbeugenden Gesundheitsschutz“. Die Staatssekretärin vertrat Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) bei dem Treffen.

Die spanische Gesundheitsministerin Leire Pajin kritisierte das deutsche Vorgehen. Es habe - unbegründet - zu „gravierenden Folgen“ für spanische Bauern geführt. Spanische Gurken trugen entgegen erster Annahmen doch nicht den aktuell grassierenden Ehec-Keim an sich. Die Ministerin bekräftigte die Forderung nach Entschädigungen für betroffene Landwirte. Sie hätten infolge der Ehec-Krise Verluste in Millionen-Höhe erlitten. Pajin zeigte sich zufrieden, dass spanische Produkte nun doch sicher seien. Am Dienstag wollen die EU-Agrarminister kurzfristig über Hilfen für Bauern entscheiden. Auch Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) wurde beim Ehec-Sondertreffen in Luxemburg angekündigt.

Widmann-Mauz warnte die EU-Länder vor dem gefährlichen Erreger: „Ich möchte die Gelegenheit nutzen, deutlich zu machen, wie schwerwiegend diese Erkrankung ist.“ Sie hoffe auf eine Bestätigung aus Deutschland über die Infektionsquelle - am liebsten im Laufe des Treffens. „Wir wären sicherlich froh, wenn es gelingen könnte den Verursacher - nämlich im Zweifel diese Sprossen - dingfest zu machen.“ EU-Kommissar John Dalli sagte, EU-Experten hätten ihre Arbeit in Deutschland aufgenommen, um bei der Suche zu helfen.

Ob das Sprossengemüse aus Niedersachsen tatsächlich der Verursacher der Ehec-Seuche in Deutschland ist, steht nach Angaben von Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) aber noch nicht sicher fest. "Wir haben zwar deutliche Hinweise darauf, dass ein Betrieb aus Uelzen offensichtlich eine Infektionsquelle ist, aber wir müssen die Bestätigung der Labortests abwarten", sagte Bahr.

Das niedersächsische Agrarministerium hatte am Sonntag erklärt, dass der Biohof im Ort Bienenbüttel eine mögliche Ehec-Quelle sei. Der Hof vertreibt teils über Zwischenhändler Sprossenmischungen, die nun alle unter Infektionsverdacht stehen. Der letzte Beweis fehlt aber noch.

Nach Ansicht eines Mikrobiologen sind Sprossen als möglicher Ehec-Träger allerdings sehr plausibel. "Sprossen waren von Anfang an einer der üblichen Verdächtigen, die man hätte schon von Anfang an verhaften können", sagte Alexander Kekulé von der Universität Halle-Wittenberg am Montag im ARD-"Morgenmagazin". Sie seien ein typisches Gemüse, das auf vielen verschiedenen Mahlzeiten ist, in ganz Deutschland verteilt wird und über längere Zeit immer wieder Infektionen auslösen kann.

Der Ehec-Keim hat bereits 21 Menschen getötet, vor allem in Norddeutschland. Nach der Fehl-Warnung vor spanischen Gurken ging auch eine Spur zu einem Gasthaus in Lübeck. Der Wirt will diesen Montag Ergebnisse von Stuhlproben seiner Mitarbeiter verkünden. In dem Lokal sollen sich 17 Ehec-Patienten infiziert haben.

In Deutschland wird ein Spitzentreffen der zuständigen Landesminister mit Bahr und Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) in dieser Woche vorbereitet. Eine Garantie für die Aufklärung der Ehec-Seuche gibt es nach Ansicht von Experten auch nach der Identifizierung von Sprossen als möglichem Verursacher nicht. "Wir können nicht sicher sein, ob es die Sprossen wirklich selber sind", sagte der Präsident des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR), Andreas Hensel. In drei von vier Fällen führten solche Ausbruchs-Untersuchungen zu keinem Ergebnis.

Bundesweit stieg die Zahl der Ehec-Infektionen zwar am Wochenende weiter - allerdings etwas langsamer als zuvor, wie etwa die Behörden der schwer betroffenen Länder Hamburg und Niedersachsen mitteilten. (dpa/AFP/dapd)

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