Suche nach der Ursache : Ehec-Erreger: Die Spur der Sprossen

Bei der Suche nach der Quelle für die lebensgefährliche Ehec-Epidemie führt eine erste konkrete Spur zu einem Gartenbaubetrieb in Niedersachsen. Sprossen könnten die Ursache der schweren Erkrankungen sein.

Dirk Schmaler
Heiße Spur. Polizeiwagen fahren am Sonntag in Bienenbüttel im niedersächsischen Landkreis Uelzen auf das Gelände des Hofes, von dem die verdächtigen Sprossen stammen.
Heiße Spur. Polizeiwagen fahren am Sonntag in Bienenbüttel im niedersächsischen Landkreis Uelzen auf das Gelände des Hofes, von...Foto: dapd

Nach Angaben des niedersächsischen Landwirtschaftsministers Gert Lindemann (CDU) konnten in dem Betrieb im Landkreis Uelzen produzierte Sprossen mit allen größeren Ausbruchsorten und dort Erkrankten in Zusammenhang gebracht werden. „Die Indizienlage ist so deutlich, dass wir dem Verbraucher empfehlen müssen, derzeit auf den Verzehr von Sprossen zu verzichten“, sagte Lindemann am Sonntagabend auf einer kurzfristig anberaumten Pressekonferenz. Der Betrieb ist seit Sonntag gesperrt, die Waren werden vom Markt genommen.

Der Gemüsehof beliefert Gastronomiebetriebe, Groß- und Wochenmärkte, außerdem sind die Sprossen in Reformhäusern unter der Bezeichnung „Milde Sprossenmischung“ erhältlich. Das Ministerium schließt nicht aus, dass auch andere Sprossenproduzenten betroffen sein könnten. Bisher standen vor allem Salatgurken sowie Tomaten und Salat unter Verdacht, den Ehec-Erreger zu transportieren, an dem bis zum Sonntag 21 Menschen gestorben sind. Lindemann wollte am Sonntag trotz der neuen Erkenntnisse noch keine Entwarnung für das Gemüse geben. „Es ist nicht ausgeschlossen, dass es neben den Sprossen als wahrscheinlicher Quelle noch eine zweite Quelle gibt“, sagte der Minister.

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Vor allem die Handelswege haben die Experten vom niedersächsischen Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit auf die Spur des Gärtnerhofes in Bienenbüttel gebracht. Der Betrieb belieferte über Zwischenhändler mehrere Restaurants, Kantinen und Wochenmärkte, die Ehec-Erkrankte, etwa in Lübeck, Lüdersburg, Rotenburg (Wümme), aber auch in Darmstadt und Frankfurt besucht hatten. Zudem sind nach Ministeriumsangaben zwei Mitarbeiterinnen des Bio-Hofes an Durchfall erkrankt, bei einer ist der Ehec-Erreger bereits nachgewiesen.

In Bienenbüttel werden insgesamt 18 Sprossensorten angebaut, darunter die japanische Adzukibohne. Das Saatgut bezieht der Betrieb aus Deutschland, europäischen Ländern und aus Fernost – woher genau, wollte Lindemann jedoch aus Rücksicht auf „neue internationale Debatten“ vorerst nicht bekannt geben. Sprossen waren 1996 in Asien Ursache für eine schwere Ehec-Epidemie mit mehreren Tausend Toten. Nach Angaben von Michael Kühne, Abteilungsleiter beim Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit, ist es wahrscheinlich, dass der Erreger durch das Saatgut nach Norddeutschland eingeschleppt wurde. Erste Testergebnisse hierzu sollen an diesem Montag vorliegen.

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Die Experten vom niedersächsischen Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit konnten einen Zusammenhang herstellen zwischen den mittlerweile vielen hundert Ehec-Erkrankten und dem, was diese gegessen haben. Sie konnten dabei unter anderem ausgehen von dem Lübecker Restaurant „Kartoffelkeller“, wo sich 17 Frauen mit dem gefährlichen Darmkeim angesteckt hatten. Die vorläufige, aber durchaus plausibel klingende Antwort der Experten: Die Ursache lag nicht in Gurken und Tomaten, sondern in Sprossen. Über Zwischenhändler hat auch der Lübecker „Kartoffelkeller“ von dem Bienenbütteler Betrieb Sprossen erhalten – so wie auch mehrere andere Restaurants, deren Gäste auffallend oft an dem lebensgefährlichen Blutdurchfall erkrankt sind.

Auch ein Fall aus Niedersachsen passte in das Schema der Experten. 30 Mitglieder eines schwedischen Golfclubs kamen Mitte Mai zu einem Kurzurlaub in ein Hotel mit nahem Golfplatz in Lüdersburg. Die Hälfte von ihnen erkrankte später an Ehec, eine Frau starb. Schwedische Fahnder nahmen sich das Hotel vor: „Unser Haus wurde auf den Kopf gestellt“, sagte der Direktor dem Nachrichtenmagazin „Spiegel“. Selbst von ungeöffneten Mineralwasserflaschen wurden Proben genommen. Die Mitarbeiter wurden nach ihren Essgewohnheiten befragt, auch eine Stuhlprobe wurde verlangt. Seine Lebensmittel bezog das Hotel vom Hamburger Großmarkt. Auch in dem Hotel jedoch fanden die Kontrolleure keine Ehec-Spur. Allerdings ließ sich nun auch hier die Spur zurückverfolgen zu dem Sprossenhersteller aus dem Landkreis Uelzen.

So erschreckend solche Häufungen von Krankheitsfällen wie die im Lübecker „Kartoffelkeller“ oder im Golfhotel in Lüdersburg auch wirken – sie boten den Ermittlern auch die Chance, dem Erreger auf die Spur zu kommen.

Allerdings ist noch nicht einmal klar, wie der Erreger auf die Sprossen gelangt sein könnte. Zum einen könnte die Temperatur von 38 Grad bei der Zucht die Vermehrung von Bakterien begünstigen. Erste Tests in diese Richtung verliefen aber negativ. Einige Sprossenmischungen, die als Ehec-Quelle infrage kommen, stammen auch aus dem Ausland. Aus welchem Land genau Sprossenkeimlinge nach Niedersachsen importiert wurden, ist zwar noch nicht bekannt. Allerdings halten Experten vom Landesamt für Verbraucherschutz die Quelle aus dem Ausland für die wahrscheinlichste.

Der Geschäftsführer des betroffenen Biohofs in Bienenbüttel, Klaus Verbeck, ist ebenfalls ratlos. Er sagte der „Neuen Osnabrücker Zeitung“, dass die Salatsprossen nicht gedüngt würden. Auch in anderen Geschäftsbereichen des Hofes werde kein tierischer Dünger verwendet.

Niedersachsens Landwirtschaftsminister Lindemann sieht darin keinen Widerspruch: Mit Gülle oder Dünger müsse das nichts zu tun haben, betonte er. „Das ist für uns die plausibelste Erkrankungsursache“, sagte er, nahm den Betrieb jedoch sofort in Schutz: „Wir können nicht erkennen, dass der Betriebsinhaber ein Verschulden an der Entwicklung trägt oder fahrlässig gehandelt hat.“

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