Welt : Suche nach einem neuen Image

SUSANNE OSTWALD

Nach der Kritik an der Monarchie gehen die Briten mit sich selbst ins GerichtVON SUSANNE OSTWALDDie Krise, in die das britische Königshaus in der vergangenen Woche angesichts des tragischen Verlustes seiner populärsten ehemaligen Vertreterin, Diana, gestürzt wurde, droht sich zu einer Identitätskrise der britischen Gesellschaft auszuweiten.Als Folge der Ereignisse setzen sich die Briten kritisch mit ihrem Selbstverständnis auseinander und vor allem mit dem, worauf es sich gründet. Dabei wird immer deutlicher formuliert, daß sich nicht allein die Monarchie einer Radikalkur in Richtung größerer Modernität unterziehen sollte, sondern das Image des gesamten Landes, nicht zuletzt auch im Ausland, auf einem Selbstverständnis ruhen sollte, das von dem Ballast überkommener Traditionen und der Hingabe an Vergangenes befreit ist. Die Debatte um das Für und Wider des britischen Traditionalismus, die schon seit geraumer Zeit bei jedem sich bietenden Anlaß immer wieder aufflammt, könnte nun in ihre entscheidende Phase treten.Am Königshaus mit seinem altmodischen Zeremoniell und einem Protokoll, das den Erfordernissen der Zeit nicht gerecht werde, könnte nun, so schreiben britische Kommentatoren, ein Exempel statuiert werden.Das Land, nach Ansicht von Hugo Young im "Guardian", das konservativste der Welt, scheint sich radikal von einem Image trennen zu wollen, das als antiquiert angesehen wird.Das Bild, das die Welt sich von den Briten und diese von sich selbst machten, sei nicht mehr zeitgemäß und repräsentiere nicht den Fortschritt und die enormen Leistungen, die in Großbritannien in vielen Bereichen - von der Kunst bis zur Wirtschaft - gemacht würden. Zu diesem Schluß kommt auch der Autor Mark Leonard in seinem Buch "Großbritannien: Die Erneuerung unserer Identität", das am heutigen Tag in die englischen Buchläden kommt - gerade richtig, um die Stimmung anzuheizen, die sich zunehmend gegen alles richtet, was als angestaubt gilt.Und das ist vor allem das Königshaus. Jüngsten Umfragen zufolge glauben nur 30 Prozent aller Briten, daß es in ihrem Land in 50 Jahren noch eine Monarchie geben wird.Und 55 Prozent äußerten die Auffassung, das Land wäre ohne das Königshaus besser, oder doch zumindest nicht schlechter dran.Polly Toynbee schreibt im "Independent", das Königshaus müsse alles tun, um einen weiteren Rückgang der Gunst des Volkes zu verhindern.Dazu zähle vor allem all das, was Diana gemacht habe: sich als zeitgemäß und volksnah zu präsentieren.Doch genau an diesem Punkt taucht, wie Roy Hattersley im "Guardian" schreibt, ein für die Monarchie unlösbares Dilemma auf.Wenn die Queen den an sie vom Volk gestellten Forderungen gänzlich nachgäbe und sich in jedem Punkt wie der Rest der Nation gebärdete, ginge das Königshaus seiner fundamentalen Rechtfertigungen verlustig.Denn hörten die Windsors auf, sich durch ihre Andersartigkeit abzusetzen, so würden sie auch aufhören, königlich zu sein und damit ihre eigene Abschaffung betreiben. Was Großbritannien benötigt, so der Reformer Leonard, sei ein neues Markenzeichen.Er fordert ein neues Ethos, das in der gegenwärtigen Realität wurzeln und sich nicht auf eine Mythenbildung stützen solle.Seine Worte werden in einer Nation, die auf eine Entmystifizierung ihrer Monarchie hinzustreben scheint, auf sehr fruchtbaren Boden fallen. Doch die Briten gehen in ihrer Forderung nach Erneuerung durchaus auch mit sich selbst ins Gericht.Das Bild, das man jetzt abzuschütteln trachtet, hat man schließlich in früherer Zeit nicht nur geliebt, sondern zu seiner identitätsstiftenden Wirkung auch permanent beigetragen.Es sieht so aus, als hielten sich die Briten in der Auseinandersetzung mit Dianas Tod und ihrem Umgang mit diesem einschneidenden Ereignis selber einen Spiegel vor und sähen darin ein gealtertes nationales Antlitz, in dem sie sich nicht wiedererkennen wollen. Lesen Sie zu diesem Thema:

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