Welt : Sucht und Siechtum

Bas Kast

Ab 0,5 Promille setzt die Entspannung ein. Doch bereits nach einem Promille - sprich: vier, fünf Schnäpsen - schlägt die beflügelnde Wirkung des Alkohols um in Schläfrigkeit, manchmal aber auch in das Gegenteil, in Erregung oder Aggression. Wer dann noch weitertrinkt und seinen Spiegel auf 1,5 hochtreibt, muss mit Wortfindungsproblemen, Koordinationsschwierigkeiten und Gedächtnisverlusten rechnen.

Sucht. Über vier Millionen Deutsche sind Alkoholiker. Jedes Jahr sterben in Deutschland 42 000 Menschen an den Folgen von Alkoholismus. 70 Prozent der Alkoholiker, sagt Rüdiger-Rolf Salloch-Vogel, Chefarzt am Jüdischen Krankenhaus in Berlin, sterben an ihrer Krankheit.

Dabei setzt der Tod schleichend ein. "Schon einige wenige Gläschen können Hirnzellen zerstören", sagt Andreas Hartmann, Neurologe am Berliner Uniklinikum Benjamin Franklin. Hirnzellen sterben auch normalerweise täglich ab. Bei mäßigem Alkoholgenuss fallen die wenigen zusätzlichen nicht ins Gewicht. 90 Prozent der Deutschen belassen es, wenn sie trinken, bei etwa 0,8 Promille. Doch bei zehn Prozent bleibt es nicht beim mäßigen Genuss: "Diese zehn Prozent versaufen die Hälfte des ganzen Alkoholvolumens", sagt Salloch-Vogel. Und irgendwann zeigen sich die ersten Ausfallsymptome. Im Hirn sind vor allem Gedächtnisstrukturen betroffen. Dabei zerstört der Alkohol die Zellen nicht nur direkt. Viele Alkoholiker ernähren sich über längere Zeit fast nur noch vom Stoff - andere Nahrungsstoffe fehlen. Vitamin-B1-Mangel führt zu einem dramatischen Absterben der Gedächtniszellen im Hirn. Ärzte sprechen von der "Wernicke-Enzephalopathie".

Sie führt oft zum "Korsakow-Syndrom" - der Alkoholiker verliert nicht nur sein Gedächtnis, sondern auch die Orientierung. Die Gedächtnislücken werden durch spontane Einfälle ("Konfabulationen") ausgefüllt. "Hat man einmal dieses Stadium erreicht, gibt es häufig keinen Weg mehr zurück", sagt Hartmann. Denn die Hirnzellen wachsen nicht mehr nach. "Es gibt in diesem Stadium noch Patienten, die man erfolgreich behandeln kann", sagt Salloch-Vogel. "Aber andere fragen noch nach zwei Jahren Behandlung: Wo bin ich hier eigentlich?"

Gibt es Wege aus der Sucht, bevor es zum Korsakow-Syndrom gekommen ist? Die gibt es. "Das Problem ist nur häufig, dass sich der Alkoholiker sagt, er sei im Grunde keiner", sagt Salloch-Vogel. "So sehen sich auf meiner Station viele Kranke als Sonderfälle." Dass man süchtig sei, erkenne man vor allem an zweierlei: man ist unfähig, mit dem Trinken aufzuhören ("Kontrollverlust"). Und wenn der Alkohol ausbleibt, kommt es zu Entzugserscheinungen, wie Unruhe, Zittern, Schweißausbrüchen, Herzrasen.

Salloch-Vogel empfiehlt Selbsthilfegruppen und Psychotherapie. Denn Alkoholismus ist nicht etwa eine Sache von starkem oder schwachem Willen. "Man kann nicht einfach mit gutem Willen von der Flasche wegbleiben", sagt der Suchtexperte. Die Krankheit hat nämlich immer eine lange Vorgeschichte. Zum einen gibt es genetische Dispositionen. Und dann gibt es das, was Salloch-Vogel "soziale Vererbung" nennt: Viele Süchtige stammen aus Familien, in denen der Missbrauch bereits vorgelebt wurde. Sie haben erst gar nicht gelernt, anders auf Probleme des Alltags zu reagieren als mit dem Griff zur Flasche.

Eine "Pille gegen Alkohol" gibt es nicht. Zwar mildern manche Medikamente den "Saufdruck" ab, auch Juhnke hat sie probiert. Doch ihre Wirkung ist begrenzt. "Alkohol beeinflusst alle Botenstoffe des Hirns", verdeutlicht Salloch-Vogel das Problem.

Alkoholiker sind ihr ganzes Leben lang Alkoholiker, auch wenn sie trocken sind. Es gibt nur eine lebenslange Behandlung.

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