Südafrika : Sextourismus - nach dem Spiel ist Vorspiel

Ihre Eltern denken, sie sei als Fifa-Hostess nach Johannesburg gegangen. Aber Jessica hatte eine bessere Idee. Sie stript in einem Club. Denn im Land mit der höchsten Aids-Rate floriert der Sextourismus. Wie die Männergesellschaft des Fußballs Südafrika verändert hat.

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Die Frauen auf dem Straßenstrich in Johannesburg haben während der WM kein gutes Geschäft gemacht.
Die Frauen auf dem Straßenstrich in Johannesburg haben während der WM kein gutes Geschäft gemacht.Foto: Antoine de Ras

Seit fünf Wochen ist alles anders: Jessica sagt „damals“, wenn sie von Anfang Juni spricht. Damals stand sie noch um acht Uhr auf und ging meist schon gegen 22 Uhr ins Bett. Heute isst sie abends um zehn zu Mittag.

Jessica packt drei Kirschtomaten, einen Beutel fertig geschälte Babykarotten und einen Erdbeer-Smoothie aus dem Kühlschrank in die rosa Thermotasche, „Lunchbox“ steht darauf. Sie wartet auf den Fahrer, der sie pünktlich zum Schichtbeginn in den Club bringen wird. Gute Ernährung, sagt Jessica, ist wichtig. Andere Mädchen holen sich in der Pause Cheeseburger, das sieht man ihnen dann schnell an. Speckrollen haben schon die Ehefrauen zu Hause.

Jessica ist Tänzerin in einem Stripclub in Johannesburgs nördlichen Vororten. Es ist eine bürgerliche Gegend, der Club steht mitten zwischen hoch ummauerten Mehrfamilienhäusern, gleich um die Ecke befindet sich ein deutsches Restaurant. Wer in den Club will, muss an zwei Parkwächtern, zwei Türstehern und an der Kassiererin vorbei, die mit ihren straff nach hinten gekämmten pechschwarzen Haaren und dem hochgeschlossenen Pullover aussieht wie eine Ballettlehrerin. Die schmale Drehtür schaufelt Nacht für Nacht hunderte Männer herein. In den letzten Wochen sind es vor allem solche, die mit der WM ins Land gekommen sind.

Wie viele von den 450 000 WM-Touristen männlich sind, weiß niemand. Fest steht aber: Die Fußball-Weltmeisterschaft ist in Südafrika eine Kumpelveranstaltung, für viele Fans ein nostalgischer Abstecher ins Junggesellendasein. Die Ehefrauen und Familien sind weit weg, die Preise niedrig. Die südafrikanischen Sexarbeiterinnen glaubten fest an goldene Zeiten. Für Frauen wie Jessica war die WM der Einstieg in das Geschäft.

Nun hat sie im Obergeschoss zu tun, wo man rauchen darf. Jessica bedient gleich drei Kunden auf einmal, es sind Touristen aus der Türkei, sie sitzen nebeneinander auf dem Sofa, ihre Köpfe glühen mit dem Heizpilz um die Wette. Mit einer beiläufigen Handbewegung hakt sie ihren BH auf, hüpft im Takt der Black Eyed Peas von einem Schoß auf den nächsten, schüttelt ihr Haar, schlingt ihre Beine um Hälse. Im Hintergrund flimmert die Zusammenfassung des Spiels Argentinien–Mexiko über den Flachbildschirm, gerade wird eine Nahaufnahme Maradonas gezeigt. Niemand schaut hin.

Nicht weit entfernt, an einer dunklen Straßenecke, stehen drei Frauen, auf die auch niemand schaut. Zu den Mittzwanzigerinnen kommt, wer schnellen Sex haben will, den es in Jessicas Club offiziell nicht gibt. Sie stehen an der Oxford Street in Rosebank, wo viele Hotels sind, und versuchen, die Kälte nicht durch ihre Netzstrümpfe dringen zu lassen. Keine Namen, keine Gesichter, bitten sie, und etwas Geld. Dann könne man sich unterhalten, aber nur im fahrenden Auto.

Prostitution ist in Südafrika immer noch illegal, obwohl 2009 der Premierminister der einflussreichen Provinz Gauteng, in der Johannesburg liegt, angekündigt hatte, die Angelegenheit „ohne Vorurteile“ zu überdenken. Auch eine Freigabe für die WM wurde diskutiert – mit dem Ergebnis, dass die Polizei jetzt nicht mehr nur den Prostituierten nachstellt, sondern auch den Freiern. Ein großer Misserfolg für die südafrikanische Organisation „Sweat“, die für die Legalisierung des Gewerbes und damit auch für die Rechte der Frauen kämpft.

„Eeish, die Cops stehlen mir meine Zeit“, sagt Eva. „Und das Schlimme ist: Sie lauern überall.“ Wie zum Beweis steht ein Polizeiauto mit ausgeschalteten Scheinwerfern am Straßenrand. Sie hat nicht gezählt, wie oft sie der Johannesburger Metro Police kostenfrei zur Verfügung stand.

Das sei ein ziemlich guter Abend gewesen, sagt Jessica später, die Türken waren in Ordnung. Ein guter Abend ist, wenn sie sich sexy fühlt, genug verdient und gute Laune hat. Ein schlechter Abend ist, wenn sie keine Lust hat, die Zeit einfach nicht vergehen will und die älteren Kolleginnen mit klugen Ratschlägen nerven.

Die Kunden mögen Jessica ein bisschen mehr als die anderen, nicht nur wegen ihres makellosen Körpers und der milchkaffeebraunen Haut, sondern auch, weil ihr Lachen frisch ist. Sie trinkt nicht und raucht nicht und kokst nicht. Ihr Busen ist echt. Während der Anbahnungsgespräche erzählt sie den Männern, ihre Mutter habe sie wirklich Jessica genannt, ja, ganz im Ernst. Zum Beweis präsentiert sie den Kettenanhänger in Form eines mit Glitzersteinen besetzten „J“. Es ist nur eine kleine Lüge, aber sie verfestigt sich von Nacht zu Nacht.

Als die Mutter sie vor 21 Jahren zur Welt brachte, hat sie ihr einen indischen Namen gegeben. Der Vater ist praktizierender Muslim, die Eltern führen ein stilles Leben in einer Kleinstadt und wiegen sich in dem Glauben, ihre Jüngste, die auf eigene Faust nach Johannesburg gezogen ist, habe einen Job als Fifa-Hostess angenommen. Am Telefon stellen sie nur selten Fragen, Jessica ist erleichtert.

Die Eltern verlangten, dass die Tochter Buchhaltung lernt, um mit Geld umgehen zu lernen. Jessica gehorchte widerwillig – und hat mit dem ihr eigenen kühlen Kopf eine Rechnung aufgestellt: Die Hotels sind ausgebucht, die Stadt ist voller allein reisender Männer, die je nach Turnierverlauf feiern oder getröstet werden wollen. Es sind Fans, Funktionäre, PR-Leute, Techniker, Journalisten, Geschäftsmänner. Nach ein paar Drinks steigen sie in ein Taxi, und in Johannesburg kennt jeder Taxifahrer den Club. Jessicas Bilanz: ungefähr 6000 Euro seit Anpfiff des Eröffnungsspiels.

Im Club hängen an jeder Wand Preisschilder, damit keine Missverständnisse aufkommen. Lapdance: 20 Euro (zwei Songs, ohne Anfassen), Lapdance im Hinterzimmer: 35 Euro (drei Songs, mit Anfassen). Jeder weitere Song kostet extra. Eine halbe Stunde Reden: 60 Euro, eine ganze Stunde: 100 Euro (Flatrates). „Niemand soll mir mehr vorschreiben, was ich zu tun oder zu lassen habe, schon gar nicht mein Vater“, sagt sie. „Ich kann mir jetzt endlich kaufen, was ich will.“

Sich außerhalb des Clubs zu unterhalten, duldet ihre Chefin nicht. Trotzdem macht Jessica eine Ausnahme – unter der Bedingung, dass niemand erfährt, wer sie ist. In Jeansjacke und Trainingshose, die dunklen Haare zu einem Knoten gezwirbelt, sitzt sie zwischen lauter frisch geföhnten Hausfrauen in einem schicken Bistro. Ohne ihre Plateauschuhe wirkt sie klein. Die Abdeckcreme hat sie diesmal weggelassen, unter ihren hübschen braunen Augen lauern Schatten. Jessica schaut auf ihr Croissant, das auf einem Teller vor ihr liegt, und sagt: „Ich bin übrigens noch Jungfrau.“ Der erste Mann, der sie ohne Slip gesehen habe, sei ein dicklicher Weißer mit Afrikaans-Akzent gewesen, erzählt sie, und der habe gleich alles sehen wollen, wirklich alles. Sie beginnt zu weinen. Mit spitzen Fingern zieht sie ein Taschentuch aus der Verpackung und entschuldigt sich. Mitleid erwartet sie nicht, sie wollte das einfach mal loswerden.

Wie viel Jessica der Besitzerin des Clubs zahlen muss, darüber darf sie nicht sprechen. Aber sie deutet an, dass es weniger ist, als man annehmen würde. Sie sagt, dass die Frau eine faire Geschäftsfrau ist. Vielleicht, weil sie selbst früher einmal Stripperin war.

Jessica bewundert die Chefin, seit sie im Haus ihrer Schwester eine alte Ausgabe der südafrikanischen „Elle“ entdeckt hat. Ihr vierjähriger Neffe hatte seinen Trinksaft verschüttet, Jessica suchte im Schrank nach Papierhandtüchern. So entdeckte sie eine Geschichte über die geschäftstüchtige Blondine. Darin stand, dass sie das schmutzige Image der Szene aufpolieren wolle, überhaupt sei Stripperin ein ernst zu nehmender Beruf, der nichts mit Prostitution zu tun habe – und dass sie sich zur Fußball-Weltmeisterschaft ein besonders gutes Geschäft erwarte. Die Chefin ist die Gewinnerin des südafrikanischen Dschungelcamps und spendete die Hälfte ihres Preisgeldes einem Hospiz.

Jessica schrieb eine E-Mail und wurde eingeladen, ein paar Wochen lang wog sie Für und Wider in ihrem Kopf ab, bevor sie den Flug nach Johannesburg buchte. Das Vorstellungsgespräch fand in Unterwäsche an der Stange statt. Von Kindesbeinen an macht sie Yoga, das zahlte sich nun aus. Wenn sie tanzt, als eine von 60 Stripperinnen, stellt sie sich vor, sie sei Spiderman. Die anderen finden, sie sieht aus wie Pocahontas, die Indianerprinzessin. Sie krempelt die Ärmel ihrer Jeansjacke hoch. An ihren Handgelenken, die ihr Gewicht an der Stange halten müssen, haben sich runde Knubbel gebildet. „Daran erkennt man uns“, sagt sie und schnäuzt sich lautlos.

Nach den ersten drei Nächten im Club hat Jessica noch in ihr Tagebuch geschrieben. Es war so viel, was sie sich merken musste. Wie sie einen Sicherheitsmann alarmiert, wenn ein Kunde ihr zu nahe kommt oder nicht zahlen will. Wie sie die Unterhaltung so steuert, dass ein Tanz dabei herausspringt. Dass man das Hinterzimmer umbauen muss, wenn der Kunde Rollstuhlfahrer ist, dass man die eigene Telefonnummer nicht weitergibt. Was sie lieber lassen sollte, damit der Mann nicht in seine Hose ejakuliert. Und auch, dass sie das Rückholfädchen ihres Tampons abschneiden muss, wenn sie ihre Periode bekommt.

Jetzt schreibt sie nichts mehr auf. Sie kommt gegen drei Uhr nach Hause in die WG, in der sie ein Zimmer bewohnt, wäscht ihr Make-up aus dem Gesicht und lässt sich auf ihr 90-Zentimeter-Bett fallen. An ihren Schrank hat sie ein Foto geklebt, auf dem sie mit ihrer Schwester zu sehen ist, auf dem Tisch liegt eine eingeschweißte Pocahontas-DVD. Ihre Mitbewohnerin ist die Einzige außerhalb des Clubs, die über Jessicas Leben Bescheid weiß. Nach der WM, wenn die Männergesellschaft der Fußballwelt wieder abreist, will sie aufhören, sagt sie. Ihr Traum ist es, eine Galerie zu eröffnen und eine Familie zu gründen. Heiraten will sie unbedingt: „Das würde mir die größtmögliche Sicherheit geben, nicht betrogen zu werden.“

Auch Eva wollte nur ein paar Monate in dem Geschäft arbeiten und dann mit dem Geld wieder zurück nach Mosambik gehen. Vor drei Jahren brach sie von dort nach Johannesburg auf und landete an der Ecke der Oxford Street, wo ihre Schicht erst richtig losgeht, wenn Jessica bereits schläft. Eva erzählt halb aufgebracht, halb belustigt von einem Vorfall aus der vergangenen Nacht. Sie sei ins Auto eines ausländischen Freiers gestiegen, der wurde von der Polizei angehalten. Nach einem kurzen Verhör seien sie in einen Polizei-Minibus gebracht worden, wo sie über eine Stunde eingeschlossen wurden. In der Zwischenzeit hätten die Polizisten Butterbrote gegessen und im Handy des Freiers nach der Nummer seiner Ehefrau gesucht. Gegen die Zahlung von Bargeld durften sie aussteigen. Der Ausländer sei überaus erleichtert gewesen.

Von der WM haben sich Eva und ihre beiden Kolleginnen deutlich mehr versprochen. Sie glauben, dass die meisten Ausländer Angst vor Aids haben oder davor, sich nicht verständigen zu können. Nur der Amerikaner neulich, der sei toll gewesen, sagt Eva. Die beiden anderen nicken anerkennend. 700 Rand hat er ihr für „Full House“ gezahlt, rund 70 Euro, und dann noch mal 400 Dollar obendrauf. Verlangt hatte sie nur 300 Rand.

Zu Fremden ins Auto steigen, damit hat Eva kein Problem. Sie vertraut auf ihr Gefühl, und bis jetzt hat sie Glück gehabt. Viel schwieriger ist bloß, wieder auszusteigen.

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