Welt : Sündenfall im Erdbeerparadies

Rätselhafte Waldbrände, schwindendes Wasser: Weil Europa auch im Winter Früchte essen will, verödet Südspanien

Deike Diening[Huelva]

Seitdem sich die Palette der menschlichen Tugenden um „klimaneutral“ erweitert hat, tun die Menschen seltsame Dinge. Einige tauschen ihren Touareg gegen ein Hybridauto, andere zahlen einen Klimaablass für Flüge von A nach B, doch vermutlich beißen auch sie noch voller Unschuld im Februar in eine Erdbeere.

Guido Schmidt steht mitten im Wald, unter Schirmpinien in Andalusien. Einem Schild zufolge darf man an diesem Ort keinen Plastikfolie entsorgen, nicht das kleinste bisschen der 4500 Tonnen, die in dieser Gegend im Jahr anfallen, bei 600 Euro Strafe. 4500 Tonnen Folie spannen die Erdbeerbauern jedes Jahr dünn über ihre Felder, und noch vor ein paar Jahren haben sie den Müll einfach in die Wälder getragen. Dies ist die Region Huelva, die größte Erdbeerproduktion Spaniens, und weil der kalte Rest Europas Lust auf Erdbeeren hat, auch von Dezember bis Juni, und weil dann ab und zu hier der Wald brennt und es kurz darauf ein Erdbeerfeld zusätzlich gibt, in günstigem Klima und mit sandigem Boden, deshalb werden die Schirmpinien, unter denen Guido Schmidt jetzt steht, immer weniger.

Guido Schmidt arbeitet für die weltweite Umweltstiftung WWF in Spanien und hält die Machenschaften der Erdbeerindustrie für einen Skandal – 200 000 Tonnen Erdbeeren werden in Huelva jährlich produziert, 100 000 exportiert, 45 Prozent davon gehen nach Deutschland. Knapp 6000 Hektar Erdbeerfelder verbrauchen in der Region 20 Millionen Kubikmeter Wasser. 70 Prozent des Wassers für die Felder werden illegal aus Bohrlöchern gezapft. Das sagt der WWF, und aus der Industrie und der Politik widerspricht keiner.

Von Jahr zu Jahr, sagt Schmidt, bohren die Bauern tiefer, das Grundwasser sinkt, viele zapfen und zahlen nichts. Das Wasser fehlt der Region im Sommer, fehlt dem Nationalpark Doñana, dem größten Vogelschutzgebiet Europas, Marschenland, Flussdelta, Nadelöhr für 600 000 Zugvögel, Heimat für Flamingos, Adler, Gleitaare und Rotmilane. Guido Schmidt kann die Vorboten des apokalyptischen Szenarios schon sehen: Flüsse führen dramatisch weniger Wasser, Arten sterben aus, das Land verdorrt – und die frühe Erdbeere? Liegt jetzt wieder in unseren Regalen, schuldbeladen wie kein Obst seit Evas Apfel.

„Probieren Sie“, sagt Laura Gandia mit dem Premiumlächeln einer Premiumerzeugerin, die nur die Besten beliefert: Tesco’s, Sainsbury, Monoprix, Albert Heijn, auch Edeka. In Huelva hat die Symmetrie der Plastiktunnel die Formation der Pinien ersetzt, Erdbeerfelder bis zum Horizont, und mittendrin liegt die Erdbeerfarm SAT Royal.

Auch sie selbst, sagt Laura Gandia, Tochter des Besitzers, zuständig für Marketing, würde jederzeit alles ungewaschen von ihren Feldern essen. Sie nennt die Erdbeeren „knackig“, als sei es ein Geschmacksmerkmal, aber die besondere Festigkeit der Sorte sorgt natürlich auch dafür, dass die Frucht den Transport nach Deutschland, England, Holland und Frankreich übersteht.

Erdbeerbauern sind wählerisch, sie müssen es sein. Sie betreiben Präzisionslandwirtschaft. Sie wollen zum Beispiel nicht das Wasser, das einfach vom Himmel fällt, denn das gilt als Bedrohung, die Frucht könnte sich damit vollsaugen und Krankheiten kriegen. Sie wollen nur Wasser, das direkt an die Wurzeln der Pflanzen gelangt. Wenn Erdbeerbauern alles richtig machen, bleiben am Ende 10 000 Euro pro Hektar und Saison übrig. Laura Gandia ist entschlossen, auf ihren 35 Hektar Land alles richtig zu machen.

Im letzten Juli, als ihre Saisonarbeit begonnen hat, haben sie also den Sand zu Reihen gehäuft, sie spritzten zwischen August und Oktober ihren Anteil an den 180 Tonnen giftigen Methylbromids in die Erde, die in Huelva 2006 laut Ausnahmegenehmigungen der Regierung erlaubt waren. Das sollte vor Pilzbefall schützen. Sie zahlten ihren Arbeitern pro Tag erst 35,42 Euro für das Pflanzen der Setzlinge, und später, ab Dezember, 33,97 Euro für das Ernten, woraufhin nun Rumänen und Polen alle drei Tage gebückt durch die Plastiktunnel laufen und sich bemühen, die Erdbeeren mitsamt Stiel abzuknipsen. Was nützt einem der schönste Wuchs, wenn die rumänische Pflückerin den Stiel abreißt?

Sie bemühen sich also, sagt Laura Gandia, lernen die Arbeiter an, achten auf Hygiene und darauf, dass die Erdbeeren nur einmal angefasst werden, um Druckstellen zu vermeiden. Sie zahlen verdammt noch mal 15 Cent pro Kubikmeter für ihr legales Wasser, auch den Grund haben sie legal erworben, sie haben deshalb bei den Handelsketten das Qualitätssiegel nicht in Bronze oder Silber, nein, in Gold erhalten, und dann, dann kommen die Umweltschützer und sagen, es sei alles nicht genug!

Die könnten sich das nicht vorstellen, all die mit den einfachen Lösungen. Nicht das Gebaren der Handelsketten, ihre Gier in Tonnen, verbunden mit ihrem Geiz pro Kilo. Kurz, der Druck, der auf den Produzenten lastet. Ein Kampf, der oft nicht belohnt werde. „Man muss dem Handel liefern, was er verlangt“, sagt Gandia. Und so kommt es also, sagt sie, inzwischen wütend, dass sie, die Anbieter, bei zu geringer eigener Ernte noch dazukaufen, von den anderen Bauern, die sich nämlich an gar nichts hielten und trotzdem die gleichen Subventionen kriegten wie die Guten – also sie selbst –, weil die Subventionen nicht daran gebunden sind, ob Land und Wasser legal genutzt werden.

Im Gesicht der 25-jährigen Erdbeer-Erbin arbeitet es. Es gibt Konkurrenz, sagt sie, gehörige. Chinesische Erdbeeren, marokkanische, der Markt verschiebe sich, der Off-Season-Erdbeermarkt werde längst nicht mehr von den Anbietern bestimmt. Zu sehen ist jetzt eine Erdbeer-Erbin, die auf Druck reagiert. Vielleicht muss der Druck einfach von der anderen Seite kommen?

Javier Serrano hat ein paar Kilometer weiter, mitten im Wald, ein illegales Bohrloch entdeckt. Er lässt einen Kiesel hineinfallen, dessen gleichgültiges „Plopp“ vier Sekunden später zu hören ist. Vierzig Meter. Jedes Jahr müssen sie tiefer bohren, um an Wasser zu kommen.

Serrano ist der vorderste, von Madrid gesandte Kämpfer in der andalusischen Wasserschlacht, er trägt den Titel „Wasserkommissar“. In den letzten beiden Jahren hat er von 10 000 illegalen Bohrlöchern 20 abdrehen lassen. Heißt das, dass in seinem Büro in Sevilla der Herr Serrano auf seinem Hinterschinken sitzt und nichts tut? So können nur effiziente Deutsche denken, die die spanische Mentalität nicht kennen und die Beharrungskräfte, angesichts derer Serrano tatsächlich als einer gilt, der hart durchgreift.

Liegt es also daran, dass man die im Wald getarnten Bohrlöcher nicht findet?

O nein, sagt Serrano, es ist einfach, die Löcher zu finden, man muss ja nur den Leitungen von den Feldern zurück in den Wald folgen. Tatsächlich haben sie in den letzten Jahren viele Bohrlöcher in ihre Landkarten eingezeichnet.

Könnte man nicht einfach das Wasser abdrehen?

Oh nein, das hat damit zu tun, dass an diesen Wasseradern auch die Arbeitsplätze hängen, der wirtschaftliche Erfolg der Region, und dass die Bürgermeister der Ortschaften natürlich für ihren Erhalt sind. Es hat außerdem damit zu tun, dass bis 1985 legal war, was heute illegal ist: Wer Grund besaß, dem gehörte auch das Grundwasser. Jeder konnte auf seinem eigenen Stück Land bohren und zapfen, wie er wollte. Dann änderte sich das Gesetz, aber leider das Unrechtsbewusstsein nicht mit.

Aber trotzdem werden doch noch neue Löcher gebohrt?

O ja, und das geschieht nicht mal im Geheimen, so eine tiefe Bohrung kostet 15 000 Euro, man braucht schweres Gerät, das kann man schwer verstecken, und den Turm, den man benötigt, sieht man weithin über die Bäume ragen. Aber was tun bei 110 Kontrolleuren für die 50 000 Quadratkilometer im Becken des Guadalquivir, Spaniens größtem Fluss? Die meisten Bauern haben irgendwelche Papiere, und zwar deshalb, weil die Regierung Andalusiens lange Zeit Teil des Spiels war. Es ist schließlich für alle was drin: der Pachtzins der Felder für die Gemeinden, die Arbeit für die Pflücker, die Ernte für die Bauern, die Wählergunst für die Bürgermeister, die Exportbilanz für Spanien und Erdbeeren für alle.

El Rocio ist eine Stadt am Eingang des Doñana-Nationalparks, dessen Existenz durch die Erdbeerfelder bedroht ist. Der Fluss La Rocina führt nur noch die Hälfte des Wassers, das er vor 30 Jahren hatte. Einmal im Jahr besuchen eine Million beseelte Menschen auf Pferden den Wallfahrtsort, aber es wohnen hier nur 120. Die leben den Rest des Jahres in einer Geisterstadt, deren Straßen wegen der Pferde nicht geteert, sondern sandig sind. In den Löchern schaukelt das Auto wie Noahs Arche, es ist längst Nacht, und nun regnet es auch noch, als wäre das unablässige Reden über die Dürre hier bloß ein dummer Witz. Weil die Architekten keinen Winter vorgesehen haben, so tief im Süden, sitzen die paar Bewohner in klammen Zimmern, die Klimaanlage hängt eine Fahne warme Luft hinein. Die einzige Kneipe in diesem Ort wird zuletzt auch noch unerreichbar. Denn die Straßen von El Rocio haben sich in gluckernde Bäche verwandelt. Dann fällt der Strom aus.

Ist dies der Untergang der Welt am Beispiel der Erdbeere? Es dreht sich irrsinnig im Kreis in diesem irrsinnigen Spanien, die Missstände in der Natur und die Maßnahmen zu ihrer Bekämpfung, alles hängt zusammen. Man kann in El Rocio im Dunkeln sitzen und drüber nachdenken.

In der Provinz Jaen, der Olivenregion Spaniens, haben sie jetzt entdeckt, dass man auch Oliven wässern kann. Gewässerte Bäume verdreifachen ihren Ertrag, und deshalb darf auch der genügsame Olivenbaum nicht mehr auf seiner Bescheidenheit bestehen, sondern muss ein effizienter Produzent werden. So viel zum Wasser.

In Doñana kommt der Iberische Luchs ins Spiel, die am meisten vom Aussterben bedrohte Raubkatze der Welt. Es gibt nur noch zwei Populationen mit insgesamt knapp 200 geschätzten Exemplaren, in der Sierra Morena und in Doñana. Doch die beiden Populationen können ihren Genpool nicht mischen, weil zwischen ihnen – Erdbeerfelder! – liegen.

Der Luchs braucht einen zusammenhängenden Lebensraum, und als Nahrung braucht er Kaninchen, keine Erdbeeren. Mit den Kaninchen ist es aber eigentlich noch schlimmer als mit dem Wasser. Von der Population von 1961 ist nur noch ein Prozent übrig, Kaninchen haben viele natürliche Feinde und werden immer noch gejagt. Der WWF hat also 2000 Exemplare ausgesetzt und zusätzlich für 70 000 Euro Jagdlizenzen erworben – mit dem einzigen Zweck, keine Kaninchen zu jagen.

Dass die Population sich erholt, könnte ein Erfolg sein, wenn die Kaninchen nicht wiederum eine Gefahr für die ebenfalls bedrohte Korkeiche wären. Auf den von der EU geförderten Feldern mit jungen Setzlingen muss deshalb jede einzelne Pflanze mit je einem grünen Plastikrohr ummantelt werden.

In ihrer Verzweiflung haben Wissenschaftler in El Acebuche 2004 begonnen, die Luchse in einer Aufzuchtstation in Gefangenschaft zu züchten. („Ja, kommen Sie rein, die Luchse haben die ganze Nacht kopuliert, aber jetzt haben sie leider gerade aufgehört.“) Sie haben das abgeschirmte Areal mit 32 Kameras und 22 Mikrofonen ausgestattet, und an vier Monitoren sitzen 24 Stunden lang Studienabgänger im Praktikum, die die letzten Luchse ihrer Art im Blick haben. Man muss wohl von einem Erfolg sprechen, neun Luchse wurden hier geboren. Leider wurden in den letzten sechs Jahren auf den Straßen 21 Luchse überfahren.

Wenn wieder ein seltenes Exemplar unter schnell drehenden Gummireifen sein Leben aushaucht, sind die andalusischen Zeitungen voll davon. Die Regierung hat deshalb unter die viel befahrenen Straßen Tunnel gesetzt, aber die Luchse – sie waren so frei – haben die Straße dann einfach 100 Meter weiter links überquert.

Es wird jetzt sehr unübersichtlich, und die Fronten werden immer zahlreicher. Da sind die platten Luchse, die Plastikröhrchen für die Korkeichen, die Bohrlöcher, die Kaninchen, die ungenutzten Jagdlizenzen, die Klimamonster im klammen Zimmer, die im Sommer viel zu viel kalte und im Winter kaum warme Luft verpusten, die Wassermassen und die Dürre und der Stromausfall und der traurige Überwachungsstaat für die letzten, vor Studienabgängern kopulierenden Luchse, deren Sperma in einer Samenbank in Madrid eingelagert ist, genauso wie die Eier, die man den bei Autounfällen getöteten Weibchen entnommen hat.

Ob Umweltschützer jemals mutlos werden? Guido Schmidt hatte am Tag einen Flamingo nachgemacht, hatte den Kopf schief gelegt, den Mund verzogen und auf einem Bein gestanden, als er erklärte, dass verschiedene Vogelarten verschiedene Wassertiefen brauchen, um im Marschenland an ihre Nahrung zu kommen. Auch die 600 000 Zugvögel, die auf dem Weg nach Afrika zwischenlanden. Ist ja nicht jeder so genügsam wie der Brachvogel, der seine Eier einfach in einen Kuhfladen drückt!

Am Morgen ist wieder Strom da in El Rocio, und der Faden, an dem man ziehen muss, um den ganzen, krausen Strickpullover aufzuribbeln, liegt bei den Erdbeerbauern und ihren inzwischen 80 Meter tiefen Rohren in den Untergrund. Der WWF hat mehrere Jahre recherchiert und verglichen: Die Menge Wasser, die zum Erhalt des Gebiets nötig ist, stimmt in etwa mit der Menge des illegal beförderten Wassers überein.

Das ist natürlich eine Koinzidenz, auch wenn es jetzt aussieht wie eine Kausalität.

Der WWF hat deshalb ein computergestütztes System als Pilotprojekt mit 20 000 Euro gefördert, das den Wasserverbrauch einer Erdbeerplantage bis zu einem Drittel senken soll. Der Besitzer José Cáceres läuft wie ein Westernheld und isst Erdbeeren am liebsten mit Kondensmilch. Und weil es den Guten nicht gibt in diesem Spiel, nimmt natürlich auch er Methylbromid, um den Boden zu präparieren, natürlich mussten auch für seine Felder Pinien weichen, aber irgendwo muss man ja schließlich anfangen.

Guido Schmidt, der Nimmermüde, zielt auf eine Zusammenarbeit mit europäischen Supermarktketten, die ihren Druck auf die Erdbeerbauern um eine Komponente erweitern sollen: Sie sollen darauf bestehen, dass alle eingekauften Erdbeeren auf legalem Land mit legal bezogenem Wasser gereift sind. Und siehe, schon in diesem Monat werden auch die Erdbeeren der Laura Gandia im holländischen Supermarkt Albert Heijn mit einem Leporello erscheinen, auf dem man über den Nationalpark Doñana lesen kann und die Tatsache, dass es sich hier nicht allein um qualitativ hochwertige, sondern auch um völlig „legale“ Erdbeeren handelt.

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