Suizid : "Wieso habt ihr nichts gemerkt?"

11.000 Menschen nehmen sich in Deutschland Jahr für Jahr das Leben. Mit ihrer Wut, mit Scham und Schuld stehen die Angehörigen alleine da. Das Thema ist immer noch tabu.

Weimar/Bayreuth - Vor fast vier Jahren hat Ute Maibohm ihren Sohn verloren. Der 17-Jährige nahm sich das Leben. Von Trauer, Schmerz, Schuldgefühlen und der Frage nach dem Warum nahezu erdrückt, suchte die in der Nähe von Weimar lebende Buchhalterin professionelle Hilfe. "Doch bei Psychotherapeuten hätte ich frühestens in einem halben Jahr einen Termin bekommen", erinnert sie sich. Wenig später gründete die heute 43-jährige eine Selbsthilfegruppe. Bislang ist die Weimarer Gruppe "Angehörige um Suizid" (Agus) einzigartig in Thüringen. Bundesweit seien die Hilfsangebote für Suizid- Hinterbliebene unzureichend, bemängeln Fachleute.

Etwa 11.000 Menschen nehmen sich in Deutschland nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention (DGS) Jahr für Jahr das Leben. Das sind doppelt so viele wie in Deutschland im vergangenen Jahr bei Verkehrsunfällen ums Leben kamen. Jeder Suizid trifft fünf bis sieben weitere Menschen direkt: Ehepartner, Kinder, Eltern, Geschwister, Freunde. "Ideal wäre für sie ein flächendeckendes Netz von Selbsthilfegruppen, die von professionellen Helfern und Beratungsstellen betreut werden", sagt DGS-Geschäftsführer Michael Witte. Die Realität sieht anders aus. Im Agus-Dachverband mit Sitz in Bayreuth sind 45 Gruppen organisiert, die bundesweit rund 3500 Menschen erreichen. "Vor allem in Nord- und Mitteldeutschland gibt es kaum Hilfsangebote", sagt Agus- Geschäftsführerin Elisabeth Brockmann.

Die Selbsthilfebewegung der Hinterbliebenen setzte erst vor etwa 15 Jahren zögerlich ein. Anders als etwa bei Patientengruppen sei die Hemmschwelle bei Suizid-Betroffenen höher, berichtet Brockmann. "Selbsttötung ist noch immer ein großes Tabu-Thema." Bei den Angehörigen mische sich die Trauer um den abrupten Verlust eines geliebten Menschen mit starken Schuld- und Schamgefühlen. Häufig seien sie auch wütend, auf diese Weise verlassen worden zu sein. Von Außenstehenden gestellte Fragen wie "Wieso habt ihr nichts gemerkt?" oder gar Vorwürfe verschlimmerten die Bedrängnis. Das Erlebte präge sie oft ein Leben lang. Nicht jeder Betroffene hält das aus - laut DGS sind Suizid-Hinterbliebene häufig ebenfalls suizidgefährdet. "Es kommt vor, dass sich innerhalb einer Familie mehrere Menschen das Leben nehmen", sagt Witte.

Vernehmung nach dem Schock

Ute Maibohm findet, dass die Umwelt oft wenig sensibel reagiert. "Aus den Erstbefragungen der Angehörigen machen Polizisten mitunter regelrechte Vernehmungen." Elisabeth Brockmann berichtet von vermeintlich guten Ratschlägen an Hinterbliebene, etwa sich von den mitunter entstellten Toten lieber nicht zu verabschieden. "Unter dem fehlenden Abschied leiden sie dann besonders." Verbessert habe sich der Umgang von Unternehmen wie der Bahn mit Betroffenen. "Bis vor wenigen Jahren mussten Hinterbliebene hingegen noch mit Regressforderungen rechnen." Jedes Jahr registriert die Bahn bundesweit etwa 1000 Selbsttötungen auf ihren Strecken.

Wiederholt macht Hinterbliebenen der Umgang der Medien mit dem Thema Suizid zu schaffen. "Das Schlimmste ist dabei, wenn jemandem Schuld zugewiesen und nach einfachen Erklärungen gesucht wird", warnt DGS-Geschäftsführer Witte. Auch mit Formulierungen wie "Selbstmord", "Freitod" oder "freiwillig aus dem Leben geschieden" kämen Hinterbliebene meist nicht klar, berichtet Brockmann. "Wer sich umbringt, ist so verzweifelt, dass er keine Möglichkeit mehr zum Leben sieht. Das hat mit freiem Willen nichts zu tun und ist erst recht nicht mit Mord, der schwersten Straftat überhaupt, gleichzusetzen."

Ute Maibohm erlebt in ihrem Umfeld bis heute viel Hilflosigkeit. Wenn die Rede auf den Tod ihres Sohnes kommt, "wird krampfhaft abgelenkt." Die gemeinsamen Gespräche in der Selbsthilfegruppe tun ihr gut. "Es ist eine unheimliche Erleichterung zu erfahren, dass man mit dem Erlebten und seinen Empfindungen nicht alleine steht, dass es nicht falsch ist, was man fühlt." Von Katrin Zeiß, dpa

Internet: www.agus-selbsthilfe; www.agus-weimar.de.ms; ()

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