Welt : "Sutters Glück": Ach, wie weh ist mir zumute

Jan Schulz-Ojala

Literarisch hat Adolf Muschg in den letzten Jahren einem merkwürdigen Vergessen entgegengelebt. Von sich reden machte er vor allem als eine Art poetischer Leitartikler in Sachen Schweiz, etwa in voluminösen Attacken auf die Siegelbewahrer des eidgenössischen Nazi-Golds. Aber in all dem aufrechten Gang schwang so viel Eitelkeit mit, dass auch gewogene Muschg-Beobachter auf manches Tönerne, ja Schrille in diesem spät erwachten Präzeptorentum hinwiesen. Hatte sich die Nummer Drei unter den Schweizer Großschriftstellern, so las es sich zwischen den Zeilen, nach dem Tod von Dürrenmatt und Frisch in ihrer Rolle als Gewissen der Nation womöglich übernommen?

Andererseits, ein Großschriftsteller - so fordert es die Öffentlichkeit von dieser aussterbenden Spezies - muss große Bücher schreiben. Rechtsrum herumwalsern und linksrum drausflosmuschgen, schön und gut - aber wo, bitte, bleibt der nächste Roman? Muschgs letzter, das Parzival-Epos "Der Rote Ritter", liegt acht Jahre zurück: Auch leidenschaftlichen Rezensenten ist er vor allem als große Anstrengung erinnerlich, mit 1006 Druckseiten wenigstens einmal den belletristischen Vierstelligkeitsolymp zu bezwingen. Muschg selbst gestand vor fünf Jahren der "Süddeutschen Zeitung": "Ich will kein dünnes Altersbüchlein schreiben, das niemanden interessiert."

"Sutters Glück", der achte Roman des nunmehr 66-Jährigen, ist mit seinen 335 Seiten beileibe nicht dünn geraten. Aber ein Altersbüchlein ist es auf eigene Weise doch. Und ob es jemanden interessiert, über das gute und notwendige Interesse hinaus, das der neue Roman eines Adolf Muschg auslöst, der so schöne Sachen wie den "Sommer des Hasen", "Albissers Grund" und "Baiyun" geschrieben hat (zu schweigen von den zahllosen klugen, zarten und zugleich kühlen Erzählungen), bleibt abzuwarten. Denn dieses Buch hebt schön an und verfranst sich bald. Es lockt mit den Mitteln des Krimis und ist hierfür nicht exakt genug. Es sucht die sympathisierend psychologische Ergründung und drischt am Ende nur noch auf seine Figuren ein. Und - traurigster Befund - der elegante Eros der Sprache, einst Muschgs Markenzeichen, ist einer merkwürdigen Verkarstung gewichen.

Streit mit dem Knatterhorn

Sutter also. Mit bürgerlichem Namen Gottlieb Emil Gygax, geboren am 23. November 1934, ein halbes Jahr nur jünger als sein Erfinder. Lauert da das gute alte Alter Ego? Seit seine Frau Ruth, krebskrank, sich das Leben genommen hat, letzten September in einem Bergsee bei Sils, wo das offenkundig harmonierende Ehepaar alljährlich Urlaub machte, klingelt bei Sutter fast jeden Abend, exakt um 23.17 Uhr, das Telefon. Und aufgelegt. Telefonterror: eine kleine Erinnerung an das, was Muschg durchmachen musste nach seinem öffentlichen Streit mit Christoph Blocher von der Schweizerischen Volkspartei, den sie dort nur das "Knatterhorn" nennen? Nein, wir sind in einem Roman. Sutter ist eine Erfindung. Genau genommen eine Erfindung Ruths, die ihm beim ersten Kennen lernen in einer Galerie, in dem die Werke eines gewissen Soutter ausgestellt worden waren, den Namen übergebunden hatte wie zum Spaß oder eine neue Krawatte.

Diese Erfinderspiele des Paares Ruth und Sutter, in ein paar verstreuten Rückblenden aufleuchtend, sind die Glanzstücke eines sonst merkwürdig stumpf geratenen Buchs. Schmerzhaft sanfte Erinnerungen eines einsamen, alternden Mannes an den Duolekt und intimen Kommunikationskodex, der am schönsten in einer langen Ehe gedeiht. Doch die zarten Redensarten sollen trügen. Sie sollen nur nachgetragene Liebe eines Witwers sein, der sich eines Tages eingestehen muss: "Nie hat mir Ruth etwas von sich erzählt." Gut, man muss nicht alles erzählen im Leben, das hat auch Sutter nicht getan. Aber gar nichts? Bahn frei also für einen langjährigen Bekannten, einen Maler à la mode namens Jörg von Ballmoos: Der sagt Sutter eines noch späteren Generalabrechnungstages auf den Kopf zu, Ruth sei an nichts anderem als "an ihrer Ehe" gestorben.

Es sind nicht allein die überfallartigen Be- und Erkenntnisse, die verstören an diesem Buch. Es ist, viel früher schon, sein Plot. Das erste Drama zum Beispiel: Ein halbes Jahr nach Ruths Tod wird Sutter am hellichten Tag lebensgefährlich angeschossen. Muschg aber interessiert sich nicht wirklich für die Aufklärung des Verbrechens. Stattdessen breitet er - sehr breit - eine nachgerade groteske Vorgeschichte aus. Sieben Jahre zuvor hatte Sutter, damals ein angesehener Gerichts-Kolumnist, über einen Prozess berichtet, in dem eine junge Gattenmörderin mit einer glimpflichen Freiheitsstrafe davonkam. Ihr Geliebter: Jörg von Ballmoos. Und kein Geringerer als Sutter führt in flammenden Artikeln zugunsten der Angeklagten das milde Urteil herbei. Ist die Schweiz so klein, dass Journalisten nur über Prozesse berichten können, mit deren Zeugen sie privat bekannt sind?

Nein, Muschg ironisiert das nicht. Er hat keine Satire geschrieben. Diese seine Schweiz mit diesen seinen Figuren steht so da: eins zu eins. Seinen Sutter muss man sich so einflussreich wie Gerhard Mauz zu dessen stärksten Zeiten vorstellen - nur gelingt es ihm offenbar, mit reiner Küchenpsychologie und Hobby-Ethnologie unmittelbar Einfluss auf die Richter zu nehmen. Sutter: eine Art eidgenössischer Generalbundesanwalt für alle Mühseligen und Beladenen.

So ist es leider viele, viele Seiten lang. Dieser Roman, der fortwährend von sich selbst ablenkt, wenn er nicht auf der Stelle tritt, ist - in eisern realistisch gehaltenem Ambiente - erst ungenau (mal ist der Prozeß zwei und im fast gleichen Atemzug vier Jahre her, mal ist ein Kind fünf Jahre alt und drei Seiten weiter zur selben Zeit acht), dann unglaubwürdig, schließlich - in einer ächzend herbeigeführten und noch ächzender vollzogenen Zusammenführung mehrerer Restbeteiligter ein Jahr nach Ruths Tod - dramaturgisch-kompositorisch unhaltbar. Am Ende wird es nochmal intim. Wer mit wem und warum - und vor allem: wie? Lesen Sie selbst, wenn Sie denn lesen mögen.

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