Welt : Swinging City

Ein gigantisches Kulturfestival begleitet Olympia in London – da haben Besucher eigentlich kaum noch Zeit für Sport.

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Zwischen Sport und Kunst. Extrem-Tänzer auf dem Trafalgar-Square. Foto: dapd
Zwischen Sport und Kunst. Extrem-Tänzer auf dem Trafalgar-Square. Foto: dapdFoto: dapd

Kann etwas so groß sein, dass man es nicht mehr wahrnimmt? Oder gibt es „einfach zu viel Spaß in der Welt“? So stöhnte Bruce Springsteens Gitarrist Steven Van Zandt, als der historische Auftritt von Springsteen und Paul McCartney letzte Woche im Hyde Park abrupt beendet wurde, weil die Parkaufsicht den Stecker zog. Londoner können, wenn es um historische Kulturereignisse geht, erstaunlich blasiert bleiben. Die Anwohner an der Park Lane fühlten sich durch das Dröhnen der Bässe zur Nachtstunde gestört.

An diesem Wochenende wird es noch doller. Das Musikfestival „BT River of Music“ findet auf sechs Bühnen entlang der Themse statt. Eine Bühne pro Kontinent, zwei für Europa, 1500 Künstler. Vom Bandoneon zum Digeridoo, von der chinesischen Quin, einer Art Kniegeige, bis zur Zitter des vietnamesischen Instrumentalisten Vân-Anh Võ wird kaum ein Instrument der Welt ungehört bleiben – der Zitterspieler wird auf der „Asienbühne“ im Battersea Park vom Kronos Streichquartett begleitet. „Es ist die größte all unserer Veranstaltungen und ich glaube, ehrlich gesagt, das wird nun Maßstab und Norm für alle künftigen olympischen Spiele“, glaubt die Direktorin der „Cultural Olympiad“, Ruth McKenzie.

„BT River of Music“ ist nicht etwa der Auftakt zum Olympia-Kulturfest. „Die Kulturolympiade begann am Tag nach den Spielen in Bejing 2008“, klärt McKenzie auf. Verstanden hat das Konzept des Vier-Jahre-Festivals nie jemand so recht. Vier Jahre lang verwandelte sich diese Kulturolympiade durch viele Daseinsformen, war überall und nirgends, ohne Zentrum und Gesicht – und hinterließ doch überall im Land bleibende Eindrücke. „Die größte Feier von Kultur in der Geschichte der modernen olympischen Bewegung“, prahlt das Organisationskomitee LOCOG. McKenzie kann schon statistisch einen Kulturtsunami belegen, der vier Jahre lang im ganzen Land an Fahrt gewann und nun über London hereinschwappt. Über 18 Millionen Besucher, 12 000 Veranstaltungen, 25 000 Künstler, 8300 Workshops, ein Budget von 97 Millionen Pfund. „Eine erstaunliche Leistung“, lobt McKenzie. Worauf es aber wirklich ankommt: „Die Kreativität von Tausenden von Menschen wurde geweckt und gefördert.“

Fürs Finale hat dieses Kulturolympia nun den nicht sehr originellen Namen „London 2012 Festival“ erhalten. Londons Bürgermeister Boris Johnson hat „die größte Party der Geschichte“ versprochen und McKenzie will halten, was er verspricht. „Unser fundamentales Kriterium für alle Shows ist, dass sie nur einmal im Leben passieren werden.“

Als der Fernsehsender Channel 4 Ende Juni in Birmingham die Menschen nach dem Olympia-Kulturfestival fragte, schüttelten die meisten Menschen bedauernd den Kopf. Dabei fand eine der größten Produktionen vor ihrer Nase statt: „The Voyage“, ein Theaterspektakel mit Akrobatik, Musik, Massenchören, Tanz auf einem lebensgroßen Ozeandampfer, der auf dem Victoria Square aufgebaut war. Das Thema beschrieb der australische Regisseur Patrick Nolan als „die vielen Menschen, die große Risiken auf sich nehmen, um ein neues Leben zu beginnen“. Es ging um die Einwanderer, die in den 50er und 60er Jahren nach England kamen, viele aus der Karibik. Birmingham wurde vor vier Jahren die erste Stadt Europas, in der die ethnischen Minderheiten in der Mehrheit sind.

McKenzie hat Künstler aufgefordert „etwas von den Werten dieser Spiele zu nehmen, und daraus Erlebnisse zu schaffen, die keiner je vergessen wird“. Was sind das für Werte? „Die Technologie menschlicher Körper in ihrer besten Bewegung“, entschied Choreograf Wayne McGregor und ließ nach Workshops mit 40 Londoner Tanzgruppen zum Abschluss eines landesweiten Fests 1000 Tänzer über den Trafalgar Square hüpfen. „Athleten aus aller Welt kommen nach London und wollen sich selber übertreffen. Wir wollen Musikern die gleiche Chance geben“, sagte Musikdirektorin Claire Whitaker. Auf olympische Gemeinschaftsrituale zielt Jeremy Dellers Kunstwerk „Sakrileg“ ab, volkstümlich bekannt als „Stonehenge Bouncing Castle“. Seine Replik der prähistorischen Steinkreise von Stonehenge als gigantische, aufblasbare Hüpfburg im Maßstab 1:1 zieht seit Frühjahr wie ein Wanderzirkus durchs Land und wird nun Londoner Stadtparks bespielen. Es ist ein schönes Beispiel für die Respektlosigkeit des britischen Humors. Dellers Hüpfburg ist Teil des Sonderprogamms „Surprises“: Überall in der Stadt sollen PopUp-Shows für Überraschungen sorgen – eine der ersten war eine Bungee-Truppe der US-Choreografin Elizabeth Streb, die an sieben Londoner Wahrzeichen turnten. Die „Tate Modern“ hat „The Tanks“ eröffnet, drei gigantische alte Öltanks im Keller des Kunstkraftwerks, in denen nun Tag für Tag Performance Art stattfindet.

Massenappeal, Performance, Körperakrobatik, Spaß und Unterhaltung – präsentiert wird eine hedonistische, urbane, globale Kunst, die mehr auf die Kitzel der fünf Sinne als Ergriffenheit der Seele abzielt. Wer die Wurzeln dieser Kunstauffassung sucht, sollte im Britischen Museum die wunderbare Ausstellung „Shakespeare: Staging the World“ besuchen – der Nabel eines weiteren Festivals, des „World Shakespeare Festivals“. Mit 190 Objekten wird erzählt, wie Shakespeares Theater im Umfeld von Bärenkämpfen und Hurenspelunken im verrufensten Viertel als Volksunterhaltung entstand und die großen Fragen der Zeit reflektierte. Das Theater hieß „Globe“ – der Globus – und imaginierte die neue Welt, die damals in ihrem wahren Umfang gerade entdeckt wurde – und die in den kommenden Wochen zu Gast in London sein wird. Matthias Thibaut

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