Welt : Sylt – die arme Insel

Wind und Wasser rauben ihr Strand und Küste. Bewohner und Besucher stehen fassungslos vor diesem Spektakel

Kornelia Roßkothen[Sylt]

Schon der Orkan in der vergangenen Woche hat kräftig an der Insel genagt. 50 Meter Land hat Sylt verloren. Bei einem einzigen Sturm. In Kampen brach die Nordsee Stücke aus dem berühmten Kliff. Weit über 700 000 Kubikmeter Sand wurden zwischen Westerland und Wenningstedt nach Angaben des Vorsitzenden des Landschaftszweckverbandes Sylt, Helge Jansen, Opfer der Fluten. Damit sei der Großteil der zum Strandschutz vorgenommenen Sandvorspülungen verloren gegangen. „Noch ein paar solcher Stürme und die Hörnum-Odde im Süden ist eine eigene Insel“, sagte Hörnums Küstenschützer Joachim Buchmann.

Der nächste Orkan kommt heute. Wind und Wasser rauben den Nordsee-Inseln Strand und Küste. Sylt ist am schlimmsten dran. Obwohl man auf der langen, schmalen Insel das schreckliche wie das liebliche Gesicht des Meeres kennt, wirkt die derzeitige Serie von Stürmen auch auf erprobte Nordfriesen und Sylt-Fans bedrohlich: An der Südspitze bei Hörnum sehen die Dünen aus wie angenagt, am Strand von Kampen klettern Spaziergänger bei Hochwasser am Fuße des Roten Kliffs entlang, um den gierigen Wellenzungen zu entgehen. Ein Stück ist schon abgerutscht von der etwa 30 Meter hohen Kante aus rotem Lehm. „Weil es schon seit November immer wieder stürmt, sind die Sanddepots inzwischen weg. Also schlagen die Wellen immer gleich an die Dünen“, sagt Greg Baber, beim Tourismus-Service Kampen zuständig für den Strand. „Ich kann mich an so lang anhaltende Stürme nicht erinnern“, stellt Baber fest, der seit den 1970er Jahren auf Sylt lebt. „Was wir vom Kliff verlieren, kann niemand wiederbringen.“ Das gilt wohl auch für die Sandmengen, die die starke Strömung während der vergangenen Wochen von der empfindlichen Südspitze der Insel weggerissen hat. Wer diese vor etwa zehn Jahren zu Fuß am Strand umrunden wollte, packte vorsichtshalber ein Butterbrot ein, denn drei Stunden Marsch bei Seewind können anstrengend sein. Heutzutage schafft man den Spaziergang locker in einer Stunde – wenn denn überhaupt noch genug Strand da ist, dass man sich um die verbliebenen Dünen des Naturschutzgebietes Hörnum-Odde herumarbeiten könnte. Die Bewohner des Inselortes Hörnum gleich hinter diesem schrumpfenden Puffer aus Sand hören das Wort „Naturschutzgebiet“ mit gemischten Gefühlen. Der Fachplan des Landes Schleswig-Holstein für den Küstenschutz nämlich sieht Abhilfe nur vor bewohnten Orten vor. „Wenn der Durchbruch aber erst mal da ist, haben wir das Meer vor der Haustür“, sagte Joachim Buchmann, in Hörnum Vorsitzender des Ausschusses für Küstenschutz und Katastrophenschutz, „dann wird es erst recht teuer.“ Ende Dezember organisierte er einen Fackelzug, 300 Einheimische und Urlaubsgäste folgten dem Aufruf und forderten Schutzmaßnahmen auch vor der unbewohnten Odde.

Schutzmaßnahme, das heißt nach mehr als hundert Jahren schlechter Erfahrungen mit Buhnen, Mauern oder tonnenschweren Formsteinen aus Beton heute fast automatisch: Sandvorspülung. Weltweit sind sich Küstenschutz-Experten einig, dass das Wasser-Sand-Gemisch, von Schiffen herangeholt und durch Rohre vor oder auf den Strand gepumpt, wirksamer ist als jedes feste Bauwerk. Eine Million Kubikmeter Sand reißt die Nordsee jährlich vor Sylt mit, etwa ebenso viel wird als Depot wieder vor die Insel gespült. 3,3 Millionen Euro sind im Landeshaushalt jedes Jahr dafür vorgesehen. Vor dem Ende der Sturmsaison ist ohnehin nichts zu machen, weiß Johannes Oelerich, als Leiter des Amtes für ländliche Räume (ALR) des schleswig-holsteinischen Innenministeriums zuständig für den Küstenschutz. Nach der Schadensbilanz werde dann im Sommer dort Sand aufgespült, wo es am nötigsten sei. Dass die Südspitze bald von der Insel abgetrennt sein könnte, glaubt er nicht. Man wolle aber durchaus prüfen, wie das sensible Naturschutzgebiet geschützt werden könne. Die schlimmsten Sandverluste verzeichnet er bisher vor Hörnum und Kampen, aber auch vor der Inselhauptstadt Westerland. Auch auf den weniger exponiert liegenden Nachbarinseln habe der Sturm nach sechsjähriger Pause kräftig gewütet, betroffen seien auf Föhr die Randdünen zwischen Utersum und der Kurklinik, auf Amrum die Dünen der Odde. Urlauber aus Berlin müssen sich keine Sorgen um die Ferien auf Sylt machen, versichert Oelerich: Vor Beginn des Sommers seien die Strände in jedem Fall wieder aufgefüllt.

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