Welt : Symbolische Steinigung

Zweieinhalb Millionen Pilger sind in Mekka, wo Abraham einst dem Teufel widerstand

Andrea Nüsse[Kairo]

Aus der Luft gesehen, ist die gesamte Ebene um den Berg Arafat östlich von Mekka mit weißen Punkten übersät. Wenn die Kameras des saudischen Fernsehens sich näher heranzoomen, bewegen die Punkte sich in der kargen, steinigen Landschaft: Es sind die schätzungsweise zweieinhalb Millionen muslimischen Pilger aus aller Welt, die sich am Montag dem Höhepunkt ihrer Pilgerfahrt näherten. Zu Fuß wandern die Männer und Frauen von ihren Zeltlagern in Mina aus in Richtung Berg Arafat. Auf dem Berg soll der Prophet Mohammed im Jahr 632 seine letzte Predigt gehalten haben.

Hier verbringen die Pilger aus 177 Ländern den Nachmittag im Gebet, bevor sie am Abend in die Zeltlager in Mina zurückkehren. Dabei sammeln sie Kieselsteine auf, für das Ritual des nächsten Tages. Mit den Kieseln bewerfen sie drei Steinsäulen, welche den Teufel symbolisieren sollen. Hier in Mina soll der Teufel versucht haben, Ibrahim (Abraham) davon abzuhalten, Gottes Worten zu folgen und seinen Sohn Ismail zu opfern. Doch Abraham, der ebenso von Juden und Christen als Prophet verehrt wird, widerstand und Gott ersetzte in letzter Minute dessen Sohn durch ein Schaf.

Die Pilgerfahrt nach Mekka während des Opferfestes etwa 70 Tage nach dem Ende des Ramadan erinnert an diese bedingungslose Unterwerfung unter den Willen Gottes und ist einer der Höhepunkte im Leben eines gläubigen Muslim: Mit Millionen anderen Gläubigen erleben sie hier nach eigenen Angaben eine besondere Nähe zu Gott und denken über ihr eigenes Leben nach.

Nur zu diesem Zeitpunkt, am Al-Adha-Fest, das in der gesamten islamischen Welt mit dem Schlachten von Hammeln, Ziegen und Kühen begangen wird, ist die so genannte große Pilgerfahrt möglich, die jeder Muslim einmal im Leben machen soll, wenn er dazu gesundheitlich und finanziell in der Lage ist. Danach darf er sich den Ehrentitel „Hajji“ oder „Hajja“ zulegen und das soziale Ansehen steigt in der Regel. Außerhalb dieses Zeitraums ist nur die so genannte kleine Pilgerfahrt oder Umra möglich, die jedoch nicht den gleichen religiösen und sozialen Stellenwert hat. Gekleidet sind die Pilger in zwei einfache weiße Laken, die Gewänder dürfen keine Naht enthalten. Barfuß, mit Sandalen an den Füßen, soll die Einheitskleidung die Gleichheit aller Menschen vor Gott symbolisieren. Üble Nachrede und Sexualverkehr sind während der Pilgerfahrt verboten.

Doch die Organisation des spirituellen Massenerlebnisses erfordert von Pilgern und saudischen Sicherheitskräften auch in diesem Jahr wieder besondere Disziplin. 60 000 Soldaten, Polizisten, Ärzte, Feuerwehrleute und Helfer sind im Einsatz. Etwa 1,5 Millionen der etwa 2,5 Millionen Pilger dieser „Hajj“, so heißt die Pilgerfahrt, sind in organisierten Reisegruppen nach Saudi-Arabien gekommen.

Ihnen werden Hotels, Zelte in Mina und bestimmte Zeiten für jedes Ritual zugewiesen. Außerdem werden die Menschen in Mekka per Lautsprecher immer wieder aufgefordert, in ihre Hotels zurückzukehren, damit die Straßen passierbar bleiben. Doch auch in den Hotels herrscht teilweise zu großer Andrang: Beim Einsturz eines älteren Hotels in der Stadt Mekka waren am Donnerstag 76 Pilger getötet worden. Überbelegung und illegale Aufbauten waren ersten Untersuchungen nach für den Kollaps verantwortlich.

Der gefährlichste Teil der Pilgerfahrt ist gewöhnlich die Steinigung der drei Teufelsstatuen: Dabei waren 2004 bei einer Massenpanik 251 Menschen zu Tode getrampelt worden. Im Jahr 1990 waren sogar 1426 Menschen in einem Tunnel erstickt und niedergetrampelt worden.

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