Welt : Symbolträchtiger Frühlingsbote

Die himmelblauen Blüten des Vergissmeinnicht haben schon unsere Vorfahren beeindruckt

Gert D. Wolff

Ausgrechnet seiner Vergesslichkeit soll das zarte Pflänzchen mit den himmelblauen Blüten seinen Namen verdanken. Weil es sich nach der Erschaffung der Welt einfach nicht merken konnte, wie es hieß, habe ihm der Schöpfer den neuen Namen Vergissmeinnicht gegeben, erzählt eine Legende. Den trägt es – in sinngemäßer Übersetzung – auch heute noch weltweit in vielen Sprachen. So heißt es beispielsweise im Englischen forget-me-not, auf Französisch ne m’oubliez pas oder etwa wu wang cao auf Chinesisch, was soviel wie „Nicht-Vergessen-Kraut“ heißt. In der Blumensprache der Romantik ist die fast über die ganze Erde verbreitete kleine Pflanze mit den so verträumt dreinschauenden Blüten als Symbol der Sehnsucht nach Liebestreue und ewiger Erinnerung zu verstehen.

Bei aller Sympathie für die hübsche Legende – der Name Vergissmeinnicht ist im deutschsprachigen Raum erst seit dem 15. Jahrhundert bezeugt. Unter den zahlreichen volkstümlichen Namen für das Vergissmeinnicht war damals beispielsweise Blauer Augentrost und – von den alten Griechen übernommen – vor allem die Bezeichnung Blaues Mausöhrlein häufig zu finden. Denn bereits die antiken griechischen Botaniker sollen die Pflanze nach der bei einigen Arten auffälligen Blattform Myosotis (von myós = Maus und otis = Ohr), also Mäuseohr, genannt haben. Doch auch diese bisher allgemein akzeptierte Erklärung für die Entstehung des Namens wird inzwischen infrage gestellt.

Unter den heute weltweit über 100 bekannten Vergissmeinnicht-Arten aus der Familie der Raublattgewächse spielte das bei uns neben anderen Arten wild vorkommende Sumpf-Vergissmeinnicht (Myosotis palustris) früher stets eine herausragende Rolle. Es wächst auf Feuchtwiesen und an Bachufern und bringt von April/Mai bis in den Herbst hinein seine bezaubernden lichtblauen Blüten hervor, die schon unsere Vorfahren beeindruckt haben. Unzählige Lieder, Gedichte, Sagen und Legenden erzählen davon. Die christliche Kunst des Mittelalters stellte die symbolträchtige Blume oft zu Füßen der Gottesmutter oder von Heiligen dar. In Volkssagen wird das Vergissmeinnicht mitunter als die blaue Wunderblume erwähnt, mit deren Hilfe verborgene Schätze gehoben und überhaupt das Glück gefunden werden konnte, sofern man demütig und bescheiden blieb. Dass die beliebte Blume auch im Brauchtum eine Rolle spielte, versteht sich fast von selbst. So hieß es zum Beispiel in Württemberg, wer an „Sommerjohanni“ (24. 6.) ein wildes Vergissmeinnicht mit drei Spatenstichen ausgrabe, bleibe vor allerlei Schaden bewahrt. In Schlesien, wo man das Pflänzchen auch „Wieselblum“ nannte, glaubte man, dass immer, wenn wenig Vergissmeinnicht wuchsen, es wenig Wiesel und dafür umso mehr Mäuse gebe. Aus heutiger Sicht durchaus plausibel, denn wo viele Vergissmeinnicht wachsen, ist der Boden besonders feucht und wird daher von Mäusen gemieden. Vor allem aber in Liebesangelegenheiten glaubte man, sich die geheimnisvollen Kräfte der schönen Blume zunutze machen zu können. Für ein Liebesorakel sollte man in der Walpurgisnacht (30.4.) etwas Erde auf einen Stein geben und zwei Vergissmeinnicht darauf pflanzen. Wuchsen diese aufeinander zu, galt das als Hinweis, dass der oder die Geliebte treu bleiben oder man bald heiraten würde. Auch eine aphrodisierende Wirkung sagte man dem Pflänzchen nach, wie der Arzt und Botaniker Adam Lonitzer im 16. Jahrhundert erwähnt.

Immerhin hat man das Vergissmeinnicht – vor allem das Acker-Vergissmeinnicht (Myosotis arvensis) und seine schwach giftigen Inhaltsstoffe – seit alters her in der Volksheilkunde eingesetzt. Das Kraut enthält – wie alle seine Verwandten – neben Flavonoiden auch Gerbstoffe, Mineralien und Alkaloide. In der Schulmedizin spielt das Vergissmeinnicht heute allerdings keine Rolle, es wird jedoch noch in der Homöopathie verwendet.

Die heutigen Garten-Vergissmeinnicht sind überwiegend aus dem wild vorkommenden Wald-Vergissmeinnicht (M. sylvatica) hervorgegangen. Mit ihren vielfältigen Farbnuancen von lichtblau bis tief dunkelblau bringen sie ein wenig von dem einstigen Zauber der viel besungenen blauen Blume in jeden Frühlingsgarten oder als Topfpflanzen auf Terrassen und Balkone. Und auch die Wildformen haben längst den Weg dorthin gefunden. Aber auch als traditionelle Liebesgabe ist die alte, ewig junge Kulturpflanze mit ihrer starken Symbolkraft heute so aktuell wie eh und je. Mitunter diente das blaue Blümchen, das in den Poesiealben vieler Kindergenerationen in rührseligen Versen und auf Glanzbildern verewigt ist, als Geschenk auch einem ganz anderen Zweck. Wie etwa in Berlin, wo früher zum Jahreswechsel so mancher zahlungssäumige Kunde von seinem Gläubiger ein Vergissmeinnichtpflänzchen bekam.

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