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Täter droht Todesstrafe : Anklage gegen mutmaßlichen Boston-Attentäter erhoben

Ermittler versuchen die Motive der Attentäter von Boston zu ergründen – aber die Fragen nach den Pannen werden immer lauter. So gab Russland Hinweise auf mögliche Kontakte des Älteren zu islamischen Extremisten.

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Weiß gekleidete Ermittler schreiten noch einmal Teile der Marathonstrecke ab und suchen systematisch nach weiteren Spuren.
Weiß gekleidete Ermittler schreiten noch einmal Teile der Marathonstrecke ab und suchen systematisch nach weiteren Spuren.Foto: Getty Images/AFP

Eine Woche nach dem Anschlag auf den Boston Marathon hat die Stadt am Montag um 14 Uhr 50, dem Zeitpunkt der ersten Bombe, mit einer Schweigeminute der Opfer gedacht. Am Wochenende gab es mehrere Trauergottesdienste.

Gegen den mutmaßlichen Attentäter von Boston ist Anklage erhoben worden. Dies sei dem 19-jährigen Dschochar Zarnajew im Krankenhaus eröffnet worden, teilte die Staatsanwaltschaft in der US-Ostküstenstadt am Montag mit. Der Sprecher des Weißen Hauses, Jay Carney, betonte, Zarnajew werde nicht als „feindlicher Kämpfer“ behandelt, wie dies von einigen Republikanern gefordert worden war. „Wir werden diesen Terroristen durch unser ziviles Justizsystem bestrafen“, sagte Carney. Er wies darauf hin, dass seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 das Justizsystem bewiesen habe, dass es der anhaltenden Bedrohung gewachsen sei.

Die republikanischen Senatoren John McCain und Lindsey Graham hatten gefordert, Zarnajew als „feindlichen Kämpfer“ zu behandeln. Unter diesem Status könnte er so wie die Häftlinge von Guantanamo unbefristet ohne Anklage oder Prozess festgehalten werden. Zarnajew wird derzeit wegen Verletzungen behandelt, die er während eines Schusswechsels mit der Polizei erlitt, und kann bisher nur schriftlich kommunizieren.

Die Ermittlungen prüfen nun, wie eng die Verbindungen der Brüder Zarnajew zu islamischen Extremisten waren und ob sie weitere Anschläge geplant hatten. Der Polizeichef von Boston, Ed Davis, sagte, die beiden mutmaßlichen Attentäter hätten so viel Munition und Sprengkörper bei sich gehabt, dass die Sicherheitskräfte von weiteren Gefährdungen ausgehen mussten. Der Bürgermeister von Boston, Thomas Menino, stellte jedoch klar, es gebe keine konkreten Hinweise auf weitere Anschlagspläne in Boston oder anderen Städten. Nach jetzigem Wissenstand hätten die Zarnajews „allein gehandelt“.

Noch im Laufe des Montags wurde mit einer Anklage gegen Dschochar Zarnajew gerechnet, den jüngeren der beiden Brüder, der die Schusswechsel mit der Polizei überlebt hat und mit schweren Verletzungen in einem Krankenhaus liegt. Der Bundesstaat Massachusetts möchte ihn wegen mehrfachen Mords anklagen, die Bundesstaatsanwalt wegen terroristischer Aktivitäten. Damit droht ihm die Todesstrafe. Der Staat Massachusetts hat die Todesstrafe zwar abgeschafft, im Bundesrecht ist sie weiter vorgesehen. Die einem Angeklagten drohende Strafe und die Verfahrensregeln richten sich nach dem Recht, unter dem er angeklagt wird.

Boston gedenkt seiner Opfer
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1 von 12Foto: Reuters
22.04.2013 09:20

Widersprüchliche Angaben kursieren über den Zustand Dschochar Zarnajews. Das Beth Israel Deaconess Center, in dem der 19-Jährige liegt, verweist Journalisten an die Bundespolizei FBI. Es ist dasselbe Krankenhaus, das den Tod des älteren Bruders Tamerlan bei dessen Einlieferung am Freitag festgestellt hatte. Das FBI wollte sich jedoch nicht äußern. US- Medien berichten unter Berufung auf anonyme Quellen, Dschochar habe eine Schussverletzung im Halsbereich. Es sei unklar, ob er in absehbarer Zeit überhaupt reden könne. Er sei die meiste Zeit bewusstlos und habe nur kurz die Augen geöffnet. Die Zeitung „USA Today“ meldet unter Berufung auf einen ungenannten Ermittler, er sei bei Bewusstsein und habe schriftlich Fragen beantwortet.

Immer offener stellen Politiker und Medien Fragen nach Pannen beim Vorgehen des FBI und der übrigen Sicherheitskräfte. Während der Verfolgungsjagd am Freitag waren die Verdächtigen der Polizei zwei Mal entwischt. Das wird auf Fehler bei der Absperrung zurückgeführt. Das FBI hatte den älteren Bruder Tamerlan 2011 auf Bitten Russlands wegen des Verdachts verhört, dass er Kontakte zu islamischen Extremisten habe, den Fall aber nicht weiter verfolgt. Zu Jahresbeginn 2012 reiste er für sechs Monate in den Kaukasus, nach Dagestan, wurde jedoch nach seiner Rückkehr im Sommer 2012 nicht erneut befragt. Die Republikaner Michael McCaul und Peter King, beides Mitglieder in zuständigen Kongressausschüssen, warfen dem FBI und den Geheimdiensten „Versagen“ vor.

Die Reise kann familiäre Gründe gehabt haben. Die Zarnajews hatten 2002 als Kriegsflüchtlinge Aufnahme in den USA gefunden. Nach einem knappen Jahrzehnt kehrten die Eltern nach Dagestan zurück. Der Vater hat gesundheitliche Probleme. Die Mutter wird in Amerika wegen Diebstahls gesucht. Die Ermittler gehen jetzt der Frage nach, ob Tamerlan in diesen sechs Monaten Ausbildungslager für Terrorakte besuchte.

Das „Wall Street Journal“ berichtet, die Familie habe sich auch wegen unterschiedlicher Meinungen über die Rolle des Islam zerstritten. Die Mutter Zubeidat und der ältere Sohn Tamerlan seien in den letzten Jahren immer religiöser geworden. Die Mutter begann sich zu verhüllen, wogegen ihr Mann Anzor, der als Automechaniker in den USA arbeitete, protestierte: „Du bist verrückt, wenn du dich verhüllst“, habe er gesagt. Worauf sie antwortete: „Das ist doch, was muslimische Männer von ihren Frauen verlangen sollen.“ Tamerlan gab auf Verlangen der Mutter eine erfolgreiche Entwicklung als Nachwuchsboxer auf. Sie fürchtete, dass er sonst in Verbindung mit Marihuana, Mädchen und Alkohol gerate. Beide bedrängten auch andere Familienmitglieder, darunter die beiden Töchter und den jüngeren Sohn Dschochar, der Zahnarzt werden wollte, sich an die strikten Kleidungs- und Lebensregeln gläubiger Muslime zu halten. Die Ehe der Eltern zerbrach vor zwei Jahren, auch wegen dieses Streits. Die Mutter sagte in einem Interview, Tamerlan habe sie am Freitag angerufen, um sich zu verabschieden. „Die Polizei schießt auf uns. Mama, ich liebe dich!“ Die getrennt lebenden Eltern glauben beide, dass ihre Söhne zu Unrecht verdächtigt werden und in den USA als Sündenböcke herhalten sollen.

Großeinsatz in Boston
Jubel in den USA: Der mutmaßliche zweite Bombenleger von Boston wurde gefasst.Weitere Bilder anzeigen
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20.04.2013 08:00Jubel in den USA: Der mutmaßliche zweite Bombenleger von Boston wurde gefasst.

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