Welt : Tagebuch 01./02.05.

Wir dokumentieren einige Auszüge aus dem Tagebuch der Oceana-Expedition aus der Zeit vom 22. April bis 6. Mai. Diese Teile sind von Paloma Lorena geschrieben, der Kommunikationschefin von Oceana Europa.

Sonntag, 1. Mai 2005
"Auf Wiedersehen, Bahamas!" - Die Ranger löst die Leinen

Während unseres siebentägigen Aufenthalts in Green Turtle Cay, auf der Insel Abaco (Bahamas), war es das Hauptziel von Carlos, Nuño, Bibi, David und José Carlos gewesen, den Katamaran einer Generalüberholung zu unterziehen. "Viele der Arbeiten, die wir ständig an Bord durchführen, dienen zur Verbesserung der Systeme - sowohl beim Ankern im Hafen als auch während der Fahrt", meint der Erste Offizier Carlos Pérez. So haben sie ein System entworfen, "um den Gabelbaum des Besanmasts wie eine Art Kran zu nutzen und die Rettungsboote an Bord einholen zu können", erklärt er mir. "Damit haben wir mehr Kontrolle über die Boote, sobald etwas mehr Seegang herrscht; außerdem können wir sie mit weniger Personalaufwand bewegen." Das Team hat routinemäßige Ölwechsel an den Motoren vorgenommen, spezielle Schutzhüllen für die Ferngläser und Taschenlampen an der Steuerbrücke angebracht, die Rumpfreinigung abgeschlossen - "denn der Schiffsbart' wächst sehr schnell" - und den Unterbau angebracht, auf dem die Reifen ruhen. "Ach ja, wir haben ebenfalls den Standort der Rettungsringe an eine andere, sinnvollere Stelle verlegt!"

Vor dem Auslaufen, das für 12:00 Uhr vorgesehen ist, hat der Erste Offizier die Besatzung an Deck versammelt, um uns über die Sicherheit an Bord zu informieren und darauf hinzuweisen, dass wir alle unsere jeweiligen Aufgaben an Bord kennen müssen, ganz gleich ob wir nun Biologe, Videofilmer, Fotograf, Koch, Journalist oder Matrose sind ... "Jeder, der auf einem Boot von Oceana reist, muss bestimmte Sicherheitsvorschriften kennen und lernen." Carlos macht uns darauf aufmerksam, dass wir während der Fahrt unangekündigte Übungen durchführen werden, um diese Kenntnisse in die Praxis umzusetzen.

Während wir seinen Erklärungen lauschen, kommt eine Brise auf und nimmt immer mehr zu, bis ein starker Wind weht. Der Vortrag geht weiter. Bevor wir auslaufen, muss alles "seefertig", dass heißt, bereit für die Navigation sein: von den Segeln bis zur Ordnung in den Kajüten, um ein Verrutschen von Gegenständen und damit Unfälle bei stärkerem Seegang zu vermeiden. Die Luken der Kajüten müssen immer verschlossen bleiben, um zu vermeiden, dass jemand nachts stolpert und fällt. Das gilt auch für die Bullaugen an den Breitseiten "damit uns keine ungelegene Welle die Koje in ein Schwimmbad verwandelt; niemand darf sie öffnen, ohne vorher gefragt zu haben, doch meist wird die Antwort ,Nein' lauten", mahnt Carlos. Während der Fahrt werden die Wachen rund um die Uhr in jeweils 3-Stunden-Schichten alle 12 Stunden abgehalten. Bei jeder Wache ist ein erfahrener Kapitän zugegen, und beim Wechseln muss die nächste Schicht 15 Minuten im Voraus benachrichtigt werden. Eine weitere grundlegende Vorschrift ist, frisch gekochten Kaffee in einer Thermoskanne für die folgenden Schichtler zu hinterlassen.

Der Wind ist jetzt stärker geworden, doch pünktlich um 12:00 Uhr steht Nuño ganz nach Plan auf der Steuerbrücke und gibt die ersten Anweisungen. Der Oceana-Katamaran vollführt langsame Bewegungen und fährt einige Meter vor, um Treibstoff zu tanken. Brendal und Willis, zwei unserer einheimischen Führer, treffen ein, um sich zu verabschieden. Der Wind hat jetzt beunruhigende Ausmaße angenommen, und wir richten alle unseren Blick auf Nuño. "Lasst uns ein paar Stunden abwarten, ob er abflaut. Bei einem Wind von 30 oder 35 Knoten, wie dem der jetzt herrscht, sollten wir die Ranger besser nicht aus dem Schutz der Betankungsmole lösen. Außerdem haben wir gehört, dass mitten im Kanal ein Boot auf Grund gelaufen ist." Diesmal verzögern sich die Pläne der Übersee-Expedition aufgrund der Elemente. Während ich schreibe, hilft Sole Indi bei der Zubereitung eines Salats aus Kopfsalat und Tomaten, eines ganz normalen Salats eben. "Lunch is ready!" ("Essen ist fertig!"). Und da wir nun einmal nichts anderes zu tun haben, verschlingen wir mit Lust den Salat von "Mama Indi".

Endlich können wir am Sonntag, den 1. Mai, gegen 16:40 Uhr, die Leinen lösen und uns in Richtung des Kanals zur Abfahrt von Green Turtle Cay bewegen. Während wir sachte vorwärts gleiten, frage ich Nuño, ob sich die Manöver ähnlich kompliziert wie bei unserer Ankunft gestalten. "Glücklicherweise liegen weniger Schiffe vor Anker, und zudem ist uns der Kanal ja bereits vom Einlaufen bekannt." Zurück bleibt das Schild, das uns jeden Tag bei unserer Rückkehr von den arbeitsreichen Tauchgängen zum Katamaran willkommen geheißen hat. Das Boot von Oceana verabschiedet sich ebenfalls von den Mangroven, die uns auf beiden Seiten des Kanal begleiten. Auf Wiedersehen, Insel Abaco. Auf Wiedersehen, "Baja Mar". Auf Wiedersehen, Bahamas. Die Ranger nimmt ihre Fahrt erneut auf, diesmal mit Kurs auf die Sargasso-See.


Montag, 2. Mai 2005
Durch das Bermudadreieck

17:30 Uhr. Kurz nach Verlassen der Bahamas ordnete der Kapitän an, die Segel zu hissen, und so sind wir bisher gesegelt. Die Kaltfront, die unser Auslaufen erschwert hatte, liegt hinter uns. Das Wetter ist uns glücklicherweise hold. "Wir haben optimale Reisebedingungen, hoffentlich halten sie an", lautet der allgemeine Kommentar.

Es sind bereits über 24 Stunden vergangen, seit die Ranger Green Turtle Cay verlassen hat. Wir befinden uns mitten im berühmten Bermudadreieck und folgen einer Route, die für Handelschiffe vollkommen unüblich ist. Bisher haben wir auf dem ganzen Weg noch keines gesichtet. Bis auf ein paar fliegende Fische, die hin und wieder vor dem Bug aufsprangen, liegt diese riesige Wasserfläche scheinbar leer vor uns. "Das ist nicht außergewöhnlich, da der größte Teil des Ozeans kaum bewohnt ist", merkt Ricardo an. Die Meeresfauna konzentriert sich vornehmlich auf Gebiete mit großer Artenvielfalt, die reich an Nährstoffen sind und in denen die Nahrungskette bestens funktioniert. Daher ist das Bermudadreieck bisher eher langweilig.

18:15 Uhr. Die Ranger fährt mit Kurs auf die Sargasso-See, doch bis jetzt haben wir nur vereinzelte Beerentang-Fragmente treiben sehen. Unseren Berechnungen zufolge werden wir morgen die ersten Tangflächen sichten und bei Ankunft an unserem Bestimmungsort die höchste Konzentration erreichen. Das Oceana-Boot begibt sich in Richtung einer Stelle, die als "Rossbreite" bekannt ist. Der Name geht auf die alten europäischen Seefahrer zurück, die auf ihren Fahrten zum neuen Kontinent oft in eine Flaute gerieten. Mitunter mussten sie wochenlang regungslos abwarten, bis erneut ein günstiger Wind aufkam. Daher waren sie gezwungen, die Wasservorräte zu sichern, und warfen die Pferde, die sehr viel Wasser verbrauchten, über Bord. Paradoxerweise wäre es großartig, wenn die Ranger in eine Flaute geriete, da wir unsere Projekte so unter besseren Bedingungen umsetzen könnten.

- "Habt ihr die nächtlichen Bioluminiszenzen gesehen?", fragt Ricardo.
- "Nein, was meinst du genau?"
- "Ich meine die Dinoflagellaten. Das sind mikroskopisch kleine Algen, die Licht ausstrahlen, sobald sich ein Tier in der Nähe befindet oder sie berührt. Damit machen sie auf eine Gefahr aufmerksam: Sollte sie nämlich das Tier aus einem beliebigen Grund verschlucken, wird es zu einer leichten Beute für die großen Raubtiere, weil die Algen noch im Körper des Tieres, das sie verschlungen hat, weiter leuchten &"
- "Mmh & klingt interessant. Wir müssen heute Nacht bei der Wache darauf achten."

18:48 Uhr. Während die Ranger sanft dahingleitet, hat sich das Bordleben geändert. Wenn wir, die Besatzungsmitglieder, keine Wache haben (drei Stunden nachts und drei Stunden tagsüber), schlafen wir die meiste Zeit. Ich schreibe diese Zeilen allein im "Messroom". Ich sitze zum ersten Mal während der Fahrt vor dem Computer. Ich werden mich daran gewöhnen müssen, da wir viele Tage auf hoher See verbringen werden. Neben mir ruht sich der Kapitän beim Lesen etwas aus. Indi, der die meiste Zeit mit Kochen verbringt, zieht sich die Schürze aus und greift nach seinem Fernglas. Carlos kommt herein und fängt an, auf der Gitarre zu spielen. Wenig später erscheint Houssine, der nach Auswahl der besten Unterwasserfotos lächelt und "sich vom Rhythmus der Ranger treiben lässt". Ricardo hat ihn bei seiner Arbeit unterstützt und die mit der Kamera eingefangenen Arten identifiziert. In einer der Backbordkajüten hat sich Mar schon seit Stunden zurückgezogen, um die Videofilme zu bearbeiten; auch sie benötigt Ricardos Hilfe.

Im Hintergrund erklingt auf der Ranger erklingt die Musik des spanischen Liedermachers Joaquín Sabina.

Fototour: Bilder der Expedition - Teil 2
Fototour: Bilder der Expedition - Teil 1
Tagebuch vom 28./29.04.
Tagebuch vom 05./06.05.
Weitere Informationen finden Sie unter Oceana.org. (tso)

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