Tagesspiegel-Osterrätsel : Schwierigere Rätsel im Zeichen des Internets

Weil Suchmaschinen immer besser Lösungen finden, müssen die Fragen immer kniffliger formuliert werden.

von

Jetzt darf man sich wieder den Kopf zerbrechen. Das traditionelle Osterrätsel des Tagesspiegels lud am Sonntag dazu ein, zehn Persönlichkeiten zu erraten, die in Berlin präsent sind und Straßen ihren Namen gaben. Von Jahr zu Jahr steht die Redaktion vor der Aufgabe, zu Ostern und zu Weihnachten ein herausforderndes Rätsel zusammenzustellen, das der Tradition dieser Rubrik gerecht wird. Das gelingt mal mehr, mal weniger gut, und die treuen Leser lassen uns das auch wissen. Viele beteiligen sich schon seit Jahrzehnten an dieser Knobelei, und so soll es auch bleiben. Viele erinnern sich auch – zum Teil mit einem Hauch von Wehmut – an die Zeit, als Heinz Ohff, langjähriger Feuilletonchef, dieses Rätsel allein ausgeknobelt hat. Heute ruht die Arbeit auf vielen Schultern.

Aber nicht nur die Autorenschaft hat sich verändert, sondern auch die Welt und die Technik um uns herum. Anfangs dachte die Redaktion, dass es vor allem jüngere Leser sind, die sich im Netz auf die Suche machen, um die Lösungen zu suchen. Weit gefehlt. Auch die ältere Generation nutzt eifrig den Computer, um den zehn Biografien auf die Spur zu kommen. Die Redaktion musste lernen, dass das für sie eine zunehmend größer werdende Herausforderung darstellt, denn die Suchmaschinen machen den Aufgabentüftlern zunehmend Kopfzerbrechen. Anfangs wurde das Problem unterschätzt, was dazu führte, dass mithilfe von Google das Rätsel blitzschnell gelöst werden konnte. Leserinnen und Leser fühlten sich teilweise unterfordert, zu leicht sei es. Also versuchte die Redaktion, die Rätsel schwerer zu machen und Personen und Persönlichkeiten noch mehr zu verschlüsseln, um das Geheimnis vor den Suchmaschinen zu wahren. Also ging man spärlicher mit Zitaten um, denn tippt man sie in die Suchmaschine ein, blinkt das Ergebnis rasch auf – selbst wenn das Zitat eigens aus der fremden Sprache übersetzt wurde.

„Macht das Rätsel Google-sicher“, heißt die Parole, doch das führt auch dazu, dass es objektiv schwerer wird, die Persönlichkeit zu erraten, wenn man bei der Suche auf das Internet verzichten will. Diese Klage kommt auch von Lesern, die schon richtig vermuten, dass wieder ein paar „harte Nüsse“ eingebaut werden, die trotz besserer Hilfsmittel den Ratern Kopfzerbrechen bereiten. Das führt unter Umständen dazu, dass auch Persönlichkeiten zu raten sind, die eben nicht so bekannt sind wie Kaiser Wilhelm I. oder Goethe. Das erhöht den Reiz des Rätsels, wie es uns ebenfalls Leser mitteilten. Einer sprach sogar vom „Beifang“, der das Rätsel so interessant mache. Er hatte zuerst auf einen falschen Kandidaten gesetzt, den Irrtum bemerkt und dann weitergeraten bis zur richtigen Lösung. Doch die falsche Persönlichkeit sei auch interessant gewesen, so dass er sich, neugierig geworden, auch mit ihr weiter beschäftigt habe.

Was waren das für Zeiten, als es noch kein Internet gab und man mit einem 20-bändigen Brockhaus und Steins Kulturkalender die Rätsel knacken wollte. Aber hatte ich als Student eine Brockhaus-Gesamtausgabe zu Hause stehen? Natürlich nicht, und damit fühlte ich mich in gewisser Weise auch im Nachteil gegenüber Besitzern einer wohlsortierten Bibliothek. Also machte ich mich nach Ende der Feiertage in die Stadtbücherei auf, um nach geeigneten Nachschlagewerken zu suchen. Und siehe da, es wuselte zwischen den Regalen, und viele Menschen hatten tatsächlich die Tagesspiegelseite in der Hand. Sie waren dankbar für Tipps, nicht für einfache Lösungen. Es gab noch kein Facebook, aber es bestand dennoch das soziale Netzwerk der Rategemeinschaft, die sich sozusagen en face in der Bibliothek gegenüberstand und sich gegenseitig auf die Spur half.

Das Rätsel war schon immer auch ein Gemeinschaft stiftendes Unternehmen, das Raterunden zusammenführte. Und warum soll das heute nicht auch noch so sein? Die Rätsel sind kniffliger geworden, da kann man sich mit dem Sohn, der Tochter, dem Neffen, dem Freund oder dem Nachbarn zusammentun und vor dem Bildschirm wieder gemeinsam den Dingen auf den Grund gehen. Die Kommunikation der Rätselfreunde untereinander hat vielleicht an Bedeutung noch gewonnen – das ist auch ein Gewinn, ganz gleich, ob das Rätsel nun richtig oder falsch gelöst wurde. Rolf Brockschmidt

4 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben