Talent ist nur der Anfang : Lukas Podolskis Buch „Dranbleiben!“

Lukas Podolski hat in Zusammenarbeit mit dem Kinderhilfsprojekt Arche ein Buch veröffentlicht: „Dranbleiben!“. Es ist eine Art Autobiografie mit sozialtherapeutischem Ansatz. Das Vorwort schrieb Jogi Löw.

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Immer optimistisch, immer positiv. Lukas Podolski, Einwanderer aus Polen. Foto: dpa
Immer optimistisch, immer positiv. Lukas Podolski, Einwanderer aus Polen.Foto: dpa

Vor ein paar Jahren weilte die deutsche Fußball-Nationalmannschaft anlässlich eines Länderspiels in Istanbul. Die mitreisenden Fernsehreporter fragten quer durch die Reisegruppe, wie sie sich denn die Zeit bis zum Spiel zu vertreiben gedachten. Es kamen die erwartbaren Antworten. Einer wollte Schuhe kaufen, ein anderer die Blaue Moschee besuchen, nur Lukas Podolski fiel ein wenig aus der Reihe mit seiner Bemerkung. „Ich bin hier zum Fußballspielen, die Stadt interessiert mich einen Scheiß!“

Lukas Podolski sagt, was er gerade denkt

Mit Auftritten wie diesen hat es der Fußballspieler Lukas Podolski auch jenseits des Rasengevierts zu einer gewissen Berühmtheit gebracht. Als einer, der sich nicht an weichgespülte Nichtigkeiten klammert, sondern sagt, was ihm gerade durch den Kopf geht oder auch nicht. Passend dafür steht seine viel zitierte Phrase: „Ich mach mir keinen Kopf“, vorgetragen in breitem Kölsch.

Lukas Podolski verdient sein Geld beim FC Arsenal in London, er hat 112 Länderspiele absolviert und jetzt auch ein Buch geschrieben. Es heißt „Dran bleiben! Warum Talent nur der Anfang ist“ und ist ab heute im Handel zu haben. Eine Art Autobiografie mit sozialtherapeutischem Ansatz. Lukas Podolski macht sich schon seit ein paar Jahren als Botschafter stark für „Die Arche“, ein kirchliches Hilfswerk, das sich um sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche verdient macht. Er selbst ist als Kleinkind mit seinen Eltern aus dem polnischen Gliwice ins rheinländische Bergheim ausgesiedelt. Auf 250 Seiten formuliert der bislang aller literarischen Umtriebe unverdächtige Podolski Sätze wie: „Der Fußball war es schließlich, der mir geholfen hat, mich in Deutschland zu Hause zu fühlen, und alle, die damals dabei waren, erinnern sich heute noch an den kleinen blonden Kerl, der immer nur in Sporthosen rumlief und einen Ball unter dem Arm oder auf dem Fahrradgepäckträger dabeihatte.“

Etwas anderes als Fußball kam für Lukas Podolski nicht in Frage

Nun ist es weder neu noch ehrenrührig, wenn sich Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens ihre Lebensgeschichte von Ghostwritern schreiben lassen. Im konkreten Fall muss man schon ein wenig suchen nach einem Hinweis darauf, dass wohl der Autor Wolfgang Büscher als Herausgeber dem Fußballspieler die Feder führte. Er hat ein bisschen weiter ausholen müssen. Lukas Podolski steht vor seinem 29. Geburtstag. In diesem Alter haben die wenigsten Menschen genug erlebt, dass es für eine Autobiografie reichen würde (auch wenn sie sich die Zeit nicht vorrangig mit Fußball vertrieben haben). Also wird der Lebensweg des Aussiedlerkindes alle paar Seiten synchronisiert mit denen der Kinder, um die sich die Arche kümmert. Das ist ein weites und nicht ganz unproblematisches Feld.

Lukas Podolski spielt ausgelassen mit Jugendlichen in den Gängen des Kinderhilfswerks „Die Arche“. Foto: Affonso Gavinha/promo
Lukas Podolski spielt ausgelassen mit Jugendlichen in den Gängen des Kinderhilfswerks „Die Arche“.Foto: Affonso Gavinha/promo

Lukas Podolski wächst mit Mutter, Vater, Schwester, Opa und Oma auf. Seine Kindheit kreist um die Abneigung gegen den Kindergarten, die Vorliebe für trockene Brötchen und die endlosen Stunden auf dem Bolzplatz, „meine Kumpels waren alle älter und im Gegensatz zu mir meist dunkelhäutig mit pechschwarzen Haaren und Augen“. Parallel dazu geht es um Jugendliche wie den Arche-Schützling Kasim, der keinen Kontakt mehr zu seinem Vater hat und sich davor fürchtet, den Drogen oder dem Alkohol zu verfallen. Der junge Podolski findet sein Glück als Jung-Profi beim 1. FC Köln. Es ist ein logisches Glück, denn „wir wussten eigentlich alle, dass ich Fußball spielen musste und alles andere nicht wirklich infrage kam. Die Anstrengungen hatten sich gelohnt.“ Einen Satz später heißt es: „Auch Seyed aus der Arche hat sich angestrengt und dadurch etwas erreicht, was ihm sehr wichtig war: die Förderschule zu verlassen und auf die Realschule gehen zu dürfen.“

Zwei verschiedene Welten lassen sich nicht so leicht in ein Schema fügen. Darunter leidet ein wenig die Authentizität und mit ihr die Glaubwürdigkeit. Das ist schade, denn es könnte den Verdacht nähren, dass Lukas Podolskis Engagement für die Arche vorrangig als PR-Maßnahme zu verstehen ist. Der Nationalmannschaftskollege Bastian Schweinsteiger etwa hat sich gerade erst höchst öffentlichkeitswirksam für ein Obdachlosenmagazin ablichten lassen. Gegen die PR-These spricht, dass Podolski ganz ohne Kameras und Mikrofone einen Ableger der Arche in Warschau gegründet hat. Oder dass das Buch von der Arche herausgegeben und diese damit auch von den Einnahmen profitieren wird. Wohl um allen Spekulationen von vornherein aus dem Weg zu gehen, führt Podolski auf Seite 235 aus: „Es ist mir vollkommen egal, wie das teilweise interpretiert wird, ich brauche keine größere Präsenz in der Presse, als ich sie eh schon habe. Ich mache das, weil es mir wirklich am Herzen liegt und ich es mithilfe meines Namens schaffen kann, vieles zu bewegen. Ich werde nicht aufhören, ihn in den Dienst der Sache zu stellen – ganz im Gegenteil. Ich habe noch sehr viel vor.“

Auch diese Passage passt perfekt zum neuen Lukas-Podolski-Sound.

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