Welt : Taliban verweigern Waffenstillstand

FAISABAD/SCHURAK (AFP).Unbeeindruckt von der verzweifelten Lage der Erdbebenopfer im Norden Afghanistans hat die radikalislamische Taliban-Miliz einen Waffenstillstand in der Region verweigert.Die Taliban hätten nicht die Absicht, Hilfsgüter in die Region zu senden.Erst müßten die Angriffe der Gegner abgewehrt werden, sagte Informationsminister Mulla Amir Khan Muttaki am Dienstag in Kabul.Die internationalen Hilfsorganisationen verstärkten unterdessen die Luftbrücke in die unzugängliche Erdbebenregion.Insgesamt fünf Hubschrauber waren unablässig im Einsatz.Die Helfer befürchteten, daß mehr Menschen als bisher angenommen von dem Beben betroffen waren.Das Auswärtige Amt in Bonn, Caritas, Diakonie und Europäische Union (EU) stellten insgesamt 3,7 Millionen Mark für humanitäre Hilfe bereit.

Informationsminister Muttaki beschuldigte die Anti-Taliban-Milizen, sie wollten von dem Beben profitieren.Nach den schweren Erdstößen im Februar hatten die Taliban in der Region die Kämpfe für einige Tage eingestellt, um Helfern den Zugang in das bergige Gelände zu erleichtern.In dem Gebiet, das nun innerhalb weniger Monate zum zweiten Mal von einem schweren Beben erschüttert wurde, kämpfen verschiedene Mudschahedin-Milizen gegen die Taliban, die zwei Drittel Afghanistans kontrollieren.

Zahlreiche Straßen im Katastrophengebiet waren nach Erdrutschen für die Transportfahrzeuge unpassierbar."Hier herrscht ein Szenario wie in der Hölle", sagte der stellvertretende UN-Koordinator für Nothilfen, Martin Griffiths.

Der Koordinator der Afghanistan-Hilfe des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK), Philipp Spoerri, äußerte sich im ZDF-Morgenmagazin dennoch zufrieden mit den Bedingungen für die Hilfsorganisationen vor Ort.Behinderungen durch die Taliban-Miliz gebe es nicht, sagte er."Wir haben aus den Erfahrungen des letzten Erdbebens gelernt, und auch die Wetterbedingungen, die im Februar verheerend waren, sind jetzt besser."

Anlaß zur Sorge gaben allerdings häufige Nachbeben und Berichte, daß in der am schwersten von dem Beben betroffenen Region Schahar-i-Busurg noch mehr Opfer auf schnelle Hilfe warteten als bisher angenommen."Es gibt Berichte von großen Schäden weiter nördlich in den Regionen Schahar-i-Busurg und Schah Ab, die noch überprüft werden müssen", sagte Svante Yngrot vom IKRK in Faisabad, der Hauptstadt der Provinz Badachschan.Bei dem Beben mit einer Stärke von etwa sieben auf der Richterskala könnten nach neuesten Schätzungen bis zu 5000 Menschen umgekommen sein.Wichtiger als exakte Totenzahlen sei aber zunächst die Versorgung der Verletzten, sagte UN-Mitarbeiterin Angela Kearney.Die fünf Hubschrauber, die vom benachbarten Tadschikistan aus die Bebenregion anfliegen, können bei gutem Wetter jeweils 15 Dörfer täglich erreichen.Die Hilfsorganisationen hofften deshalb, daß die Erstversorgung der Überlebenden bis Donnerstag abgeschlossen sein könnte.In vielen Dörfern irrten Menschen verzweifelt zwischen den Ruinen ihrer Häuser herum."Das Beben hat alles zerstört, was wir hatten: unsere Häuser, Familien, Nahrungsmittel und Brunnen", weinte einer der Überlebenden in Schurak, wo ein Hubschrauber der Hilfskräfte am Dienstag landete.In der Bebenregion leben zwischen 60 000 und 75 000 Menschen.Mindestes 45 000 verloren durch das Beben ihr Dach über dem Kopf.

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