Welt : Tanks der „Prestige“ sind undicht

U-Boot bestätigt schlimmste Befürchtungen: Aus dem Wrack fließt weiter Treibstoff ins Meer / Satellit fotografiert neuen Ölteppich

Ralph Schulze[La Coruña]

Die schlimmste Ölpest in der spanischen Geschichte sprengt inzwischen selbst die düstersten Vorhersagen – und droht zunehmend auch Spaniens konservative Regierung zu verschlingen: Die Tiefsee-Erkundung des französischen Mini-U-Bootes „Nautile“ bestätigte am Donnerstag, dass immer noch Öl aus dem Wrack des vor Galicien versunkenen Schrotttankers „Prestige“ ins Meer strömt. Damit bricht die seit zwei Wochen verbreitete und international bezweifelte Version der spanischen Regierung zusammen, dass mit dem Untergang der „Prestige“ am 19. November das „Problem beseitigt“ sei und auf dem Meeresgrund in rund 3500 Meter Tiefe kein Schweröl mehr aus den Tanks austrete.

Die Videobilder der „Nautile“ zeigen vier Lecks in den Tanks des Schiffvorderteiles, aus denen das Schweröl nach oben steigt. Das Wrack des Vorschiffs ist in weiten Teilen von einer dicken Ölschicht überzogen. Das deutet darauf hin, dass in den sechzehn Tagen seit dem Untergang sehr viel größere Mengen Öl ausgeströmt sind, als dies auf den Videoaufnahmen zu sehen ist. Auf den Bildern erkennt man, wie sich zähflüssige Ölschlieren aus Löchern in der Bordwand ins Wasser winden und langsam, wie von einem unsichtbaren Faden gezogen, in Richtung Meeresspiegel aufsteigen. Über den Zustand des hinteren Schiffteil, der mehrere Kilometer vom Bug entfernt auf dem Meeresboden liegt und auch Tanks enthält, wurden keine Angaben gemacht.

Spaniens „Katastrophenmanager", Regierungssprecher Mariano Rajoy hatte in den letzten zwei Wochen immer wieder versichert: „Aus dem Wrack fließt kein Öl ins Meer.“ Die giftige Ladung des Tankers, der rund 250 Kilometer vor der Küste sank, werde sich, so hieß es stets offiziell, „durch den hohen Wasserdruck in 3500 Meter Tiefe und durch die niedrigen Temperaturen verfestigen und nicht austreten". Diese Behauptung war von Wissenschaftlern angezweifelt worden. Die Nachbarländer Portugal und Frankreich hatten Satellitenbilder vorgelegt, auf denen ein neuer riesiger Ölsee am Ort des Untergangs sichtbar wurde. Dieser Ölteppich hat zur Zeit einen Durchmesser von rund 15 Kilometern und dürfte irgendwann ebenfalls an der Küste ankommen.

Die Erkenntnisse aus den Satellitenaufnahmen und den Beobachtungen des U-Boots stützen Schätzungen, wonach die Menge des ausgetretenen Schweröls wenigstens vier mal so groß ist, wie von den Behörden bisher zugegeben: Unabhängige spanische Wissenschaftler sprechen von 40 000 bis 50 000 Tonnen Schweröl, die seit dem Leckschlagen des maroden Tankers am 13. November in den Atlantik gelangten.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben