Welt : Tanz in die Morgenröte

Schanghai hat die glitzerndsten Hochhäuser – aber das aufregendste Nachtleben gibt es in Peking

Harald Maass[Peking]

Scheinwerfer tauchen die Große Mauer in buntes Licht. Auf der Bühne steht barfuß die Sängerin Long Kuan von der Band Supermarket und singt eine Liebesballade. Ihre melancholische Stimme klingt in den Nachthimmel der Westberge. Das Publikum, junge Pekinger und Studenten mit großen Yanjing-Bierflaschen in der Hand, sitzt auf den historischen Stufen. Manche tanzen. Sie sind aus der Stadt gekommen, um bis in die frühen Morgenstunden zu feiern. Einmal im Sommer treffen sie sich hier, zum Rave auf der Großen Mauer.

Peking – das ist für Reisende aus dem Westen bis heute die brave Kaderstadt. Plattenbauten und Kaiserpalast. Die Luft staubig und nach Kohle riechend. Wer als Kenner gelten will, schwärmt meistens von Schanghai. Die Stadt der Superlative: Schanghai hat die höchsten Wolkenkratzer. Die exklusivsten Restaurants, heißt es. Am Flussufer, dem historischen Bund, essen Geschäftsleute auf den Dächern der alten Kolonialbauten. Vom Flughafen schwebt man im Transrapid in die Stadt. Aber Schanghai ist überwiegend Fassade, aufgeputzt für westliche Investoren. Chinas Künstler und Partymacher leben in Peking – der spannendsten Stadt Asiens.

Aus den Lautsprechern tönt Jazzmusik. In der Pekinger Szenekneipe „Bed“ liegen die Gäste auf großen Kissen auf dem Boden: Chinesische Jungmanager und Studentinnen im Jeanslook treffen sich hier abends zum Clubbing. Das Ambiente ist eine Mischung aus cooler Großstadtästhetik und chinesischer Kaiserzeit. Die Wände und der Boden sind aus unverputztem Beton. Über dem Innenhof erheben sich geschwungene Dächer mit grauen Drachenköpfen. „Die Behörden lassen uns in Ruhe“, sagt Besitzer Choy und nippt an seinem Mojito. Nach Lizenzen für eine Bar fragt in Peking niemand. Im Gegensatz zu Schanghai sei Peking noch „unschuldig“, wie Choy es nennt.

Und deshalb interessant. „Man ist hier offen für Neues.“ Für seinen in der Altstadt versteckten Club macht Choy keine Werbung. An der Tür zu der ehemaligen Fabrik hängt kein Schild, sondern eine rote Laterne. Die Nachtschwärmer finden auch so hierher. Choy kam vor ein paar Jahren aus Malaysia nach Peking. Er ist chinesischer Abstammung. Neben „Bed“ betreibt Choy ein malaysisches Restaurant, das ebenfalls in den Altstadtgassen versteckt ist. „Die Barszene in Peking ist ständig in Bewegung“, sagt Choy. Vor ein paar Jahren waren die alten Straßen um Houhai angesagt, einem idyllischen See nördlich des Kaiserpalastes. Noch heute treffen sich dort abends Pekinger, sitzen auf roten Sofas am See und trinken Cocktails. „Mittlerweile ist die Szene weitergezogen, mehr in die Innenstadt“, sagt Choy.

„Hutongs“ nennen die Pekinger die alten Gassen aus der Kaiserzeit. Einst waren sie Zentrum des Reichs der Mitte. Kaiserliche Beamte, Händler, Offiziere und Künstler lebten in prächtigen Hofhäusern um die Verbotene Stadt. Bis vor kurzem schienen die Tage der „Hutongs“ gezählt zu sein. Um Peking für die Olympiade 2008 herauszuputzen und Platz für neue Hochhäuser und Straßen zu machen, ließ die Stadtregierung ganze Viertel mit historischen Gassen abreißen. Auch heute werden Hutongs noch zerstört, wenn auch weniger schnell. Restaurants und Galerien ziehen in die Gassen ein. Bars entstehen und verschwinden. Die Betreiber stellen Sofas und Tische auf. Nach ein paar Wochen trifft sich die Szene woanders.

„Mao lesen, Mao gehorchen, Mao gefallen“, steht verblasst an der Decke. Zwischen alten, grün lackierten Werksmaschinen hängen an den Wänden Avantgarde-Bilder. „798“ heißen die Kunsthallen im Nordosten der Stadt. Die Backsteinhallen wurden in den fünfziger Jahren von DDR-Ingenieuren errichtet, um China beim Bau von Raketen zu helfen. Walter Ulbricht reiste zur Einweihung nach Peking. Im einstigen Druckkontrollraum ist heute das „AT“-Café. An den Tischen sitzen Schriftsteller mit langen Haarmähnen, Diplomaten in dunklen Anzügen und Studenten. Junge Kellnerinnen servieren Cappuccino und New Yorker Käsekuchen.

„798“ ist das Soho von Peking. Künstler, Galeristen, Clubmanager und junge Kreative haben die alten Backsteinhallen in Beschlag genommen. Durch die großen Glasfenster sieht man die Mitarbeiter einer Werbeagentur vor ihren Mac-Computern. Daneben ist eine Galerie, in der lebensgroße kahlköpfige Figuren von der Decke hängen. Kunst aus China ist im Westen angesagt, vor allem wenn sie der Hauch des Verbotenen umgibt. Vor ein paar Jahren kam es noch vor, dass Chinas Polizisten Ausstellungen mit moderner Kunst stürmten. Heute veralbern die Maler von „798“ in ihren Bildern den Vorsitzenden Mao – ohne Folgen. Die „798“-Hallen sollen abgerissen werden, heißt es. Die Stadtregierung habe das Gelände einer Immobilienfirma versprochen, die dort Hochhäuser bauen will, wird geflüstert. Genau weiß das aber niemand. In die Zukunft denkt hier kaum jemand. Man lebt im Jetzt. „Das Leben in Peking ist wie die Stadt: eine große Baustelle, die sich ständig verändert“, sagt Jiang Xin, eine Journalistin. Zwischen den glasverspiegelten Hochhäusern platzen Erinnerungen an den Sozialismus hervor, verlassene Fabriken und Plattenbauten. Die Stimmung ist anarchisch. Aus allen Provinzen reisen junge Chinesen heute nach Peking, um hier ihr Glück zu machen. Wohnungen und Lebenskosten sind billig. Mit ein paar Hundert Yuan im Monat, einigen Dutzend Euro, kommt man durch.

Der Musiker Xiao Rong wohnt mit seiner französischen Freundin und ihrem Kind in einem der Künstlerdörfer außerhalb der fünften Ringstraße. In seinem Studio steht ein Schlagzeug. In der Ecke liegt ein kaputtes Ölbild, in der Leinwand hängt ein zerschmetterter Plastikstuhl. „Das war nach einem Konzert. Der Auftritt war voll daneben“, sagt Xiao Rong.

„Peking hat ein eigenes Lebensgefühl“, sagt der Maler Tian Cheng. „In Schanghai zählt nur das Geld, hier nimmt man sich dagegen noch Zeit für menschliche Beziehungen“, sagt er. Im Grunde sei Peking deshalb ein bisschen altmodisch.

Dumpf dröhnt der Techno-Bass durch die alten Fabrikhallen. Auf riesigen Leinwänden flackert bunte Computergrafik zum Takt. Es ist kurz vor fünf Uhr morgens. Im Yan-Club auf dem „798“-Gelände ist der Dancefloor voll. Bing Bing, die Besitzerin mit dem Pagenschnitt, möchte nirgendwo anders auf der Welt leben: „Peking ist eine große Spielwiese.“

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