Taxilizenzen in Istanbul : Die Fahrerlaubnis kostet eine halbe Million Euro

Istanbuls Taxilizenzen kosten inzwischen horrende Summen. Am allerwenigstens profitieren davon die Fahrer

Thomas Seibert

Als der Istanbuler Taxifahrer Mevlut Macit vor ein paar Jahren Geld für eine Wohnung brauchte, versilberte er seine Taxilizenz. Eine gute Idee, wie er damals fand: Umgerechnet rund 220 000 Euro brachte der Verkauf der Lizenz. Seitdem ist Macit Fahrdienstleiter bei einer Taxikooperative mit 50 Wagen und 100 Fahrern. Inzwischen bereut er, seine Taxilizenz verkauft zu haben. „Heute würde ich mehr als das Doppelte dafür bekommen“, sagt der 49-Jährige. In seinem kleinen Büro am Taxistand im Istanbuler Stadtteil Bagcilar sitzt Macit mit ein paar Fahrern zusammen, die genau wie er nicht fassen können, was derzeit mit dem Preis der Taxilizenzen in Istanbul geschieht. Gut 1,2 Millionen Lira, rund 470 000 Euro, kostet eine Lizenz inzwischen – die Zahlen- und Buchstabenkombination auf den Blechnummernschildern der gelben Taxis sind ein Vermögen wert. Doch nicht die Fahrer profitieren von der Preisexplosion. „Es ist ein Spiel für reiche Leute geworden“, sagt Macit.
Das „Oto Center“ am westlichen Stadtrand von Istanbul ist der Ort, an dem dieses Spiel gespielt wird. In einem Gewerbegebiet drängen sich Werkstätten, Autohändler und ein gutes Dutzend Unternehmen, die mit Taxilizenzen handeln. Die boomende türkische Wirtschaft lasse potenzielle Investoren nach lohnenden Anlagemöglichkeiten jenseits von Börse, Edelmetallen und Immobilien suchen, sagt Gürsoy Atli, Verkaufsmanager bei der Firma „Kale Taksi“, einem der größten 20 Istanbuler Unternehmen, die Taxilizenzen an- und verkaufen. „Es ist eine Frage von Angebot und Nachfrage.“
Wobei die Nachfrage steigt, das Angebot aber immer gleich bleibt. Seit etwa 20 Jahren halten die Istanbuler Behörden die Zahl der Taxilizenzen konstant bei etwa 17500. Wenn nun immer mehr Leute die Lizenzen als gute Geldanlage betrachten, gehen die Preise nach oben. Reine Spekulation, sagen manche. Doch Atli betont, das Geschäft basiere auf dem Vertrauen in die türkische Wirtschaft. Sollte es mit der Konjunktur bergab gehen, würden auch die Preise für die Lizenzen fallen.
Der Preis für die Taxilizenz hat sich verdreifacht

In den vergangenen neun Jahren hat sich der Preis für eine Taxilizenz in Istanbul verdreifacht, während sich das Bruttoinlandsprodukt der Türkei mehr als verdoppelte. „Wir sind ein Barometer für die ganze türkische Wirtschaft“, sagt Atli. Zu seinen Kunden gehören nicht nur Istanbuler, sondern auch mittelständische Türken aus Deutschland und anderen westeuropäischen Staaten. Unter den Käufern sind Familien, die mit der Lizenz ihr eigenes kleines Taxiunternehmen gründen, mit dem Vater und einem Sohn als Fahrer. Doch die meisten Inhaber fahren nicht selbst. Gerüchteweise ist zu hören, dass sich selbst bekannte Showstars oder Profifußballer diskret die ein oder andere Taxilizenz zugelegt haben. Sie und andere Eigner verpachten über Firmen wie die von Atli die Fahrerlaubnis an Taxifahrer. Derzeit liegt die gängige Pacht bei umgerechnet etwa 2000 Euro im Monat – als Lizenzinhaber verdient man also regelmäßig Geld und hat außerdem die Aussicht, die Lizenz eines Tages gewinnbringend wieder verkaufen zu können. „Man sitzt einfach da, und das Geld kommt rein“, freut sich ein Mann, der im „Oto Center“ nach einem gebrauchten Taxi schaut. „Es wird mein vierter Wagen sein“, sagt er.
Nicht alle sind glücklich über die Entwicklung

Doch nicht alle sind glücklich über die Entwicklung. Am Taxistand von Bagcilar erzählt Mevlut Macit von Fahrern, die 28 Tage im Monat arbeiten, zwölf Stunden jeden Tag. Wenn es gut läuft, bleiben ihnen am Ende rund 400 Euro. Zwei Fahrer – ein Auto, so lautet das Prinzip. Man sieht vielen Wagen an, dass sie ständig auf den Straßen Istanbuls im Einsatz sind. Reparatur und Pflege kosten Geld. Als er selbst als Taxifahrer anfing, nahm Macit einen Kredit auf und kaufte die Lizenz von der Stadt. Anschließend arbeitete er seine Schulden ab. „Heute wäre das nicht mehr drin“, sagt er. Macits Bruder, ebenfalls ein ehemaliger Taxifahrer, hat seine Lizenz bisher behalten. Jetzt will er sie verkaufen und Geld damit machen.
Für Yahya Ugur sind all das Zeichen eines höchst ungesunden Trends. Die Spekulationsblase bei den Taxilizenzen sei völlig künstlich und habe nichts mit dem eigentlichen Transportgeschäft zu tun, schimpft der Chef der Taxifahrerkammer Istanbul, einer Fahrergewerkschaft. „Irgendwann platzt das alles und fällt zusammen wie eine Börse“, sagt Ugur. Naive Anleger würden mit dem Versprechen sicherer Gewinne geködert. „Ich verkaufe jedenfalls nicht“, sagt Ugur über seine eigene Lizenz. „Was soll ich denn dann tun?“ Lizenzmakler Atli sieht trotz der Kritik keinen Grund, pessimistisch zu sein. Die Nachfrage steigt weiter, allein seit Jahresbeginn ist der Preis für das Blech um 20 Prozent gestiegen. „So lange es mit der Wirtschaft weiter bergauf geht, werden auch die Preise weiter steigen.“

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