Welt : Tellergericht

Wer in Hongkong nicht aufisst, muss zahlen

Benedikt Voigt[Hongkong]

Im Ming-General-Japanese-Restaurant will niemand über die Maßnahme sprechen, die das Sushi-Restaurant aus Hongkong in die Schlagzeilen gebracht hat. „Wir dürfen nichts mehr sagen“, erklärt die japanische Kellnerin, die Geschäftsführung habe es verboten. Dabei genügt ein Blick auf die Menükarte, um das entscheidende Detail zu erfahren: „Um der Verschwendung von Essen vorzubeugen, kostet jedes übrig gebliebene Stück Essen zehn Dollar.“

Im Ming-General-Japanese-Restaurant werden die Gäste bestraft, wenn sie nicht aufessen. Das wissen auch die vier Schuljungen, die an einem Tisch neben dem Sushi-Kreisel sitzen. „Ich finde das in Ordnung“, sagt Ernie Wu, „dafür ist es hier sehr preiswert.“ 41,9 Hongkong-Dollar kostet das Sushi-Buffet, für umgerechnet 3,97 Euro kann man so viel essen, wie man will. Oder besser: Wie man aufessen kann. Das Restaurant hat diese ungewöhnliche Maßnahme ergriffen, nachdem sich einige Kunden aufgrund des einheitlichen Preises mehr Sushi-Teller genommen hatten, als sie essen konnten. Andere hatten von den Sushi-Häppchen nur den Fisch gegessen und die Reisbällchen liegen gelassen. Inzwischen gibt es in Hongkong eine Handvoll Restaurants, die Buffets zu einem einheitlichen Preis anbieten und ihren Kunden eine höhere Rechnung präsentieren, wenn sie nicht alles aufgegessen haben. Tatsächlich bestraft worden sind allerdings nur wenige. „Wir können es uns nicht leisten, Kunden zu verlieren“, sagt ein Restaurantmanager, der ungenannt bleiben will.

Die Strafandrohung dient vielmehr der Erziehung der Gäste. Es ist eine von mehreren Maßnahmen, mit denen Hongkong gegen die steigende Flut von Nahrungsmittelabfällen kämpft. Wie das örtliche Environmental Protection Department (EPD) erklärt, haben die Essensreste im Jahr 2006 mehr als ein Drittel des täglichen Gesamtmülls von 9300 Tonnen ausgemacht. Seit 2002 haben sich die Essensabfälle in der Sieben-Millionen-Einwohner-Stadt verdoppelt, was auf den steigenden Reichtum in Hongkong zurückzuführen ist. „Die Catering-Firmen, Restaurants und Hotels sowie die kommerziellen Unternehmen wie Bäckereien oder Brauereien sind die größten Verursacher von Essensabfällen“, erklärt Lui Ph, Umweltschutzbeamter des EPD. Seine Umweltschutzabteilung versucht, die Bürger dazu zu erziehen, nur so viel zu bestellen wie gegessen werden kann. Oder die Reste mit nach Hause zu nehmen.

Das Luxus-Einkaufszentrum Festival Walk versucht, dem Problem auf andere ungewöhnliche Weise beizukommen. In der Tiefgarage steht ein Metallkasten, der regelmäßig mit Essensresten aus dem Food Court des Einkaufszentrums gefüttert wird. Die Maschine namens „Gomixer“ funktioniert wie ein riesiger Magen, der pro Tag 100 Kilogramm Nahrungsmittelabfälle schluckt. Ihm werden Enzyme zugeführt, sodass er die Abfälle verdauen und reduzieren kann. Schließlich scheidet die Maschine Wasser aus, mit dem die Gartenanlagen versorgt werden. Auf diese Weise werden die organischen Abfälle auf fünf Prozent ihres ursprünglichen Volumens reduziert. Der Rest wandert auf die Müllkippe. „Wir wollen einen Beitrag leisten, um die Nahrungsmittelabfälle zu reduzieren und die Bevölkerung zu einem besseren Umweltbewusstsein erziehen“, sagt Vivian Lo von der Firma Swire-Properties, der das Einkaufszentrum gehört. Allerdings bewältigt der „Gomixer“ nur ein Zwölftel der täglich anfallenden Essensabfälle im Einkaufszentrum, der Rest wandert auf die bereits überquellenden Müllkippen Hongkongs. Der künstliche Magen ist mittlerweile ein echtes PR-Instrument.

Das Gegenteil gilt für Restaurants, die ihre Kunden fürs Nicht-Aufessen bestrafen. Diese Maßnahme ist keine gute Werbung. Seoul Jang Korean Cuisine in Causeway Bay ist bereits geschlossen. Es war eines der Restaurants, die in einem Artikel der „South China Morning Post“ erwähnt wurden, mit dem die Zeitung das Phänomen der Kundenbestrafung erstmals öffentlich gemacht hat. In den anderen Restaurants sind Fragen dazu unerwünscht.

Ernie Wu und seine Freunde lassen sich von der Strafandrohung nicht abschrecken, sie gehen öfters ins Ming-General-Japanese-Restaurant. „Wenn wir etwas nicht schaffen, warten wir eben“, sagt Ernie Wu. Warten? „Auf ihn“, sagt der 14-Jährige und zeigt auf seinen gegenübersitzenden älteren Bruder, „er isst immer alles auf. Thomson Wu grinst und blickt auf den Teller seines kleinen Bruders. „Ich weiß“, sagt Ernie Wu, „aber das schaffe ich noch.“

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