Welt : Terror hinter Gittern

Bei Attentaten und Gefängnisrevolten sterben in Brasilien 52 Menschen – eine Reaktion auf die Haftbedingungen

Emilio Rappold (dpa)

Sao Paulo - Ein geheimnisumwitterter Mann mit ungewöhnlich großer Nase versetzt Brasilien wie selten jemand zuvor in Angst und Schrecken – obwohl er hinter Gittern sitzt. Der wegen Bankraubs zu 44 Jahren Haft verurteilte Marcos Camacho hat nach Erkenntnissen der Behörden eine Attentatsserie auf Sicherheitsbeamte angeordnet, die im reichsten Bundesland Sao Paulo innerhalb weniger Stunden mindestens 52 Menschenleben kostete und auch durch Gefängnisrevolten und Geiselnahmen begleitet wurde. Der 39- Jährige ist Boss der Mafiagruppe „Primeiro Comando da Capital“ (PCC, Erstes Hauptstadt-Kommando) – eines Terrorkonzerns, der mit Hilfe von Handys und Tausenden treuer Häftlings-Ehefrauen ungestört schaltet und waltet.

Statt Insassen zu resozialisieren und Verbrechen vorzubeugen, sind die Gefängnisse im größten Land Lateinamerikas zum Zentrum des organisierten Verbrechens geworden. „Unsere Anstalten sind wahre Menschenlager, Schulen des Verbrechens, Fabriken von Rebellionen“, sagt Staatsanwalt Fernando Capez. Und PCC hat in fast allen Gefängnissen im Süden Brasiliens das Sagen. Der Gruppe gehören Tausende Gefangene an. Sie arbeiten nach amtlichen Angaben mit rund 1800 korrupten Wächtern und Polizisten zusammen, betreiben Drogen- und Waffenhandel. Die Bande verfüge über ein Vermögen von rund 40 Millionen Euro, schätzte einmal die Zeitung „O Globo“. Abkommen mit ranghohen Beamten und Politikern sollen das Geschäft zusätzlich am Laufen halten.

Die jüngsten Attentate seien vermutlich eine Antwort auf die Zwangsverlegung von rund 740 Gefängnisinsassen, hieß es offiziell. Erstmals wurde die Macht der Mafiagruppe im Februar 2001 deutlich, als sie den größten Gefängnisaufstand in Brasiliens Geschichte organisierte. In 29 Haftanstalten Sao Paulos rebellierten 22 000 Häftlinge, um bessere Haftbedingungen zu erreichen. Es gab 20 Tote. Tatsächlich hat der dreiste Verbrecherring, der in den Slums Flugblätter und T-Shirts verteilt, nicht nur Profit im Sinn. Es gibt auch gesellschaftspolitische Ziele und ein Statut. In Punkt 14 heißt es, man wolle „das Vollzugssystem destabilisieren, um Gerechtigkeit zu bekommen“.

Nährboden der Terrorkonzerne sind Armut, ungerechte Einkommensverteilung und die miserable Lage in den Gefängnissen. Mario etwa ist „Fledermaus- Mann“. Der 19-Jährige schläft in der Anstalt von Tatuape mit dem Kopf nach unten – wie Tausende Häftlinge in Brasilien. Die Füße bindet er an den Gitterstäben der Zelle fest. „Das ist bequemer, als stehend oder über den anderen Körpern und auf Ratten zu schlafen“, sagt er.

Die meisten Gefängnisse sind hoffnungslos überfüllt. Gebaut wurden sie für rund 100 000 Häftlinge, inzwischen haben sie aber weit mehr als 230 000 Insassen. Ihre Zahl soll bis Ende 2007 sogar auf 500 000 steigen. Zehntausende warten teils jahrelang auf ihren Prozess, manche werden ganz vergessen. Ende 2005 ordnete Richter José Machado die Freilassung von 52 Häftlingen einer Anstalt an, die „eher wie ein Konzentrationslager aussieht“, wie er sagte. Kirchenvertreter klagen, Neuankömmlinge könnten nur überleben, wenn sie sich Gangstergruppen anschlössen. Abschreckungstaten wie Ohren- und Fingerabschneiden bis hin zu Mord seien üblich. Die Anstalten seien „voll mit Armen und Schwarzen“, sagt der Erzbischof von Feira da Santana, Itamar Vian. „Es ist doch so, dass die Menschen schon hinter Gitter wandern, wenn sie ein Kilo Bohnen klauen. Bei uns ist es aber wichtig, dass die großen Diebe, die oft frei herumlaufen, ihre Beute zurückgeben.“

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