Welt : Terror und die Medien: Wie PR-Berater die Katastrophe ausnutzten

Hendrik Bebber

Während die Briten fassungslos auf die ersten Fernsehbilder aus New York starrten, tippte Jo Moore eine Email an Kollegen: "Es ist heute ein sehr guter Tag um ungünstige Nachrichten zu begraben." Messerscharf erkannte die PR-Beraterin des Ministeriums für Verkehr, Gemeinde und Regionen, dass nach den Anschlägen in den USA die Medien sich wohl kaum auf eine Pressemitteilung zu der umstrittenen Erhöhung der Aufwandsentschädigung für englische Stadt- und Gemeinderäte konzentrieren würden, die Jo Moore am nächsten Tag herausgab.

Tatsächlich folgten danach ein halbes Dutzend von "katastrophalen" Ankündigungen, die zu normalen Zeiten die Titelseiten der britischen Zeitungen beherrscht hätten und nun fast unbemerkt in der Nachrichtenflut des "Krieges gegen den Terror" untergingen: Die Erweiterung der nuklearen Müllaufbereitungsanlage in Sellafield. Die Absage der Leichtathletik Weltmeisterschaften in Großbritannien, weil die Regierung kein Geld für ein neues Stadion in London bereitstellen kann. Der Bankrott der privaten Gesellschaft, die das gesamte Eisenbahngleisnetz in Großbritannien betreibt. Die Ernennung des neuen Direktors der BBC, der ein enger Freund von Tony Blair ist und der "Umfall" der Regierung bei Stipendien für Studenten.

Freilich wurde Moores zynischer PR-Trick auch offenkundig, weil ein Empfänger die Email an die Presse weiter versandte. Die PR-Chefin musste über die Pressestelle der Downing Street eine Presseerklärung in eigener Sache verteilen, in der sie einen "schweren Fehler" zugab: "Ich möchte mich ausdrücklich für diese Gefühlsverletzung entschuldigen." Ihr Chef, der Transportminister Stephen Byers will es dabei bewenden lassen. Aber empörte Parteifreunde fordern den Rücktritt seiner PR-Leiterin. "Dies ist ein Verhalten, das völlig gegen die Ethik des öffentlichen Dienstes steht," entrüstete sich Tony Wright, der Vorsitzende des Unterhausausschusses für Verwaltung. "Wenn solch abgrundtiefer Zynismus sich bei Leuten breit macht, die Ministern dienen und deren Gehalt von den Steuerzahlern kommt, dann hat das beunruhigende Schlussfolgerungen."

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