Terrorismus : Geheimsprache im Chatroom

Schutz vor Spitzeln: "Ein Taxifahrer mit Teig hat im alten Haus geheiratet" - so oder so ähnlich könnte eine Meldung in der Geheimsprache eines radikal-islamischen Internet-Chatrooms lauten. Auch der Weltfußballverband "Fifa" ist Teil des Codes.

Timo Lindemann

Flensburg/Schleswig In diesen Räumen, in denen meist auf Arabisch geschrieben wird, werden verdächtige Wörter gegen harmlose ausgetauscht, wie der mutmaßliche Kieler Terrorhelfer Redouane E.H. in seinem Prozess vor dem Schleswiger Oberlandesgericht zugab. "Es soll nicht jeder im Chat verstehen, was gemeint ist", erzählt der Angeklagte.

So ist mit einem "Taxifahrer" eigentlich ein Selbstmordattentäter gemeint, und "Teig" steht für Sprengstoff. Unter "altes Haus" ist Afghanistan zu verstehen und "heiraten" bedeutet, als Märtyrer zu sterben. Wenn jemand "krank" ist, dann wurde er verhaftet. Kranke Taxifahrer können demnach nicht heiraten. Ein "Krankenpfleger" ist allerdings kein Bewährungshelfer, sondern ein Prediger.

Geheimsprache soll schützen

Konspirative Kommunikation wird vor allem zum Schutz vor Spitzeln und Geheimdiensten verwendet. "Eine Geheimsprache ist nichts Neues. Auch die organisierte Kriminalität verwendet verschlüsselte Begriffe. Das hat schon die RAF getan", erklärt der Sprecher der Bundesanwaltschaft in Karlsruhe, Andreas Christeleit. Der auf Islamismus spezialisierte Buchautor Udo Ulfkotte erläutert, bestimmte Worte zu ersetzen, sei einfallsreich, denn es könne niemand dafür verurteilt werden, weil er ein Taxifahrer sei oder Teig anrühre.

Auch die drei Anfang September im Sauerland festgenommenen Terrorverdächtigen haben konspirativ kommuniziert - unter Nutzung wechselnder Telefonläden und mit E-Mails, die im Internet hinterlegt wurden. Sie nutzten nach Medienberichten die Tarnbezeichnung "Geschenke", wenn es um Anschläge ging.

Wiederkehrende Begriffe sind verräterisch

Die Ermittler achten in Chaträumen oder bei abgehörten Telefonaten auf Begriffe, die sich wiederholen. "Wenn Ausdrücke immer wieder auftauchen, merkt man schnell, dass sie eine andere Bedeutung haben", sagt Christeleit. Auch für Spitzel gibt es eine Tarnbezeichnung: Nach Angaben von Redouane E. H. werden sie "Hunde" genannt. Und wenn von "Schweinen" die Rede ist, sind die ausländischen Truppen in Afghanistan oder Irak gemeint.

Der angeklagte Redouane E. H. gab noch weitere Begriffe aus der Geheimsprache preis: "Ingenieure" sind Bombenbauer und der Begriff "Kleider" beschreibt Freiwillige, die in den - vielleicht auch bewaffneten - Kampf ziehen wollen. Die übergreifende Bewegung der Mudschahedin ist nach Aussage des Angeklagten nach dem Weltfußballverband "Fifa" benannt. Die vom Angeklagten genannten Begriffe dürften nach Ulfkottes Einschätzung aber inzwischen, rund eineinhalb Jahre nach seiner Festnahme, nicht mehr aktuell sein. "Wenn solche Geheimbegriffe einmal öffentlich genannt wurden, werden sie geändert." (dm/dpa)

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