Welt : Testosteron – ein Kick für jeden?

Es spendet Kraft, Lebensfreude und sexuelle Energie. Für die Pharmabranche ist das ein gewaltiger Markt. Aber Experten warnen

Adelheid Müller-Lissner

Ein Hormon kommt ins Gerede. Testosteron. Aber die derzeit negativen Schlagzeilen täuschen darüber hinweg, wie wichtig das natürliche Hormon für den Menschen, vor allem für den Mann ist. Es ist eine Grundlage für seine Kraft, seine Lebensfreude, seine sexuelle Energie. Deshalb ist Testosteron ein Hormon, von dem sich die Pharmaindustrie Riesengewinne verspricht. Sie forscht nach Lifestyle-Medikamenten für Anti-AgingTherapien und für Anwendungen, die Männern und Frauen Libido- und andere Energien verschaffen sollen.

Doping für den Alltag. Das ist ein Riesenmarkt. Mit einem wichtigen Hormon, das Männer ihr Leben lang begleitet. „Der Mann braucht Testosteron schon in der Gebärmutter, um eine eindeutige geschlechtliche Identität auszubilden“, sagt der Hormonexperte und Fortpflanzungsmediziner Eberhard Nieschlag von der Uni Münster. Jede Körperzelle hat Andockstellen für das in der Nebennierenrinde und in den Hoden gebildete Hormon, es wirkt auf Muskeln, Knochen, Gehirn, Stimmungen, Haut und Haar, und nicht zuletzt natürlich auf die Zeugungsfähigkeit des Mannes. Mediziner unterscheiden die androgynen, „vermännlichenden“ von den anabolen, den Stoffwechsel betreffenden Wirkungen. Letztere sorgen dafür, dass in der Skelettmuskulatur ein verstärkter Aufbau von Eiweiß stattfindet, so dass Muskelmasse und Kraft größer werden, während der Körperfettanteil abnimmt. Wegen des anabolen Effekts nahmen und nehmen auch immer wieder weibliche Leistungssportlerinnen Testosteron ein – und damit in Kauf, dass ihre Stimme tiefer und ihre Körperbehaarung stärker wird. Natürlicherweise kommt das Hormon bei Frauen nur in geringeren Mengen vor. Aber auch männliche Leistungssportler sind oft nicht mit dem zufrieden, was die Natur ihnen an anaboler Testosteronwirkung zu bieten hat. Was liegt näher, als hier ein wenig nachzuhelfen? Seit es in den letzten Jahren möglich wurde, sich Testosteron per Spritze, in Form von Tabletten oder sogar als durch die Haut wirksames Pflaster oder Gel zuzuführen, ist das Doping mit männlichen Geschlechtshormonen raffinierter und zugleich schwerer durchschaubar geworden.

Vor allem Freizeitsportler setzen ihre Hoffnung in Sachen Muskelaufbau inzwischen aber eher auf „harmlose“ Proteincocktails – denen allerdings teilweise anabole Steroide und Vorformen von männlichen Hormonen hinzugefügt sind, die sich im Organismus zu Testosteron umwandeln. Oft ohne dass die Sportler von der Beimischung im beliebten Nahrungsergänzungsmittel wüssten: Nieschlag erzählte im Gespräch mit dem Tagesspiegel von einem Bodybuilder mit unerfülltem Kinderwunsch, der zu ihm in die Sprechstunde kam. Die Substanzen, die sich in seinem vermeintlich reinen Proteincocktail befunden hatten, hatten seine Spermienqualität verändert. „Er hatte also unbeabsichtigt die Pille für den Mann genommen“, sagt Nieschlag. Durchaus absichtlich werden Testosteron-Pflaster und -Gels inzwischen in der so genannten Anti-Aging-Medizin eingesetzt. Sie sollen Männer muskulöser und munterer machen und nicht zuletzt ihrer Libido aufhelfen. In einer alternden Gesellschaft tut sich da ein gigantischer Markt auf. Schon ist von den „Wechseljahren des Mannes“ die Rede. Tatsächlich nimmt die Produktion des männlichen Geschlechtshormons mit zunehmendem Alter nur allmählich – und in individuell verschiedenem Ausmaß – ab. Anders als bei den Frauen, auf deren Hormonhaushalt die Menopause wie ein Einschnitt wirkt.

Experten der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie halten den Vergleich mit dem Klimakterium deshalb für irreführend. Obwohl die Blutwerte schon ab 20 langsam sinken, muss sich auch im hohen Alter kein echtes Defizit entwickeln. „Man sollte das Hormon nur einsetzen, wenn tatsächlich ein Mangel nachgewiesen werden konnte und wenn ein Mann Symptome hat, die dazu passen“, fordert Nieschlag. Denn beileibe nicht jedes Gefühl der Erschöpfung und des Ausgepowertseins kann einem vermeintlichen „Hormontief“ in die Schuhe geschoben werden. „Auch Erektionsstörungen gehen nicht immer auf einen niedrigen Testosteronspiegel zurück. Eine häufigere Ursache dafür sind Veränderungen der Blutgefäße“, betont die Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie in einer Stellungnahme. Sie können dann mit Sport und gesunder Ernährung günstig beeinflusst werden. In seinem kritischen Buch „Die Wahrheit über Anti-Aging“ spricht der Augsburger Mediziner Manfred Stöhr angesichts der übersteigerten Hoffnungen auf Pflaster und Gels von einem „Hormon-Mythos“, dem „gläubige Anerkennung“ gezollt werde.

Auch in einigen Hormontherapien für Frauen spielt die Testosteron-Komponente inzwischen eine Rolle. Befürworter erhoffen sich davon günstige Effekte auf Antrieb und Libido. Sie könnten mit Problemen von Akne bis zu erhöhtem Brustkrebs-Risiko erkauft sein. Dazu kommt für beide Geschlechter das Nebennierenrinden-Hormon Dehydroepiandrosteron, besser bekannt als DHEA. Der Vorläufer von Testosteron, Östrogen und Progesteron ist inzwischen in den USA schon zur echten Lifestyle-Pille geworden. Die Food and Drug Administration der USA lehnen den Einsatz von DHEA als Jungbrunnen wegen fehlender Langzeiterfahrungen zwar ab – doch das wird seinem Siegeszug nicht unbedingt Abbruch tun.

Der Hoffnungsträger Testosteron könnte im Einzelfall sogar gefährlich werden. Denn noch konnte nicht ausgeschlossen werden, dass die zusätzlich zugeführten männlichen Hormone das Risiko für Prostata-Krebs, eine häufige Krebsform des älteren Mannes, erhöhen. „Die Prostata ist ein hormonabhängiges Organ, deshalb sind während einer Testosteron-Therapie auf jeden Fall strenge Kontrollen nötig“, fordert Nieschlag.

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