Welt : Texas ist erschüttert

Eine gewaltige Explosion in einer Düngemittelfabrik fordert zahlreiche Todesopfer.

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Wie in einem Hollywoodfilm über das Ende der Welt. Die Szenerie nach der Düngemittelexplosion in Texas. Foto: Larry W. Smith/dpa Foto: dpa
Wie in einem Hollywoodfilm über das Ende der Welt. Die Szenerie nach der Düngemittelexplosion in Texas. Foto: Larry W. Smith/dpaFoto: dpa

„Es sieht aus wie in einem Kriegsgebiet“, sagten am Montag Augenzeugen der Bombenanschläge in Boston. Zwei Tage später beschreiben andere Augenzeugen mit den gleichen Worten die Szene in dem kleinen texanischen Dorf West, wo am Mittwochabend eine Düngemittelfabrik explodierte. Die Zahl der Toten ist noch unklar, die Behörden gehen von bis zu 15 Todesopfern aus. Mitarbeiter des Rettungsdienstes hielten aber auch bis zu 70 Opfer für möglich.

„Die Zerstörungen sind massiv“, sagte D.L. Wilson von der lokalen Polizei. „Es sieht aus wie im Irak – oder wie beim Bombenanschlag in Oklahoma City.“ In der nur 400 Kilometer nördlich gelegenen Metropole hatte der Terrorist Timothy McVeigh 1995 ein achtstöckiges Regierungsgebäude komplett zerstört und 169 Menschen getötet. Als Bombe nutzte er einen Kleinlaster voller Ammoniumnitrat, der gleichen Substanz, die jetzt in der Fabrik in Texas explodierte. Die Behörden gehen diesmal zwar nicht von einem Anschlag aus, schließen ein solches Szenario aber auch nicht endgültig aus.

Zunächst war aus Videoaufnahmen zu erkennen, dass die Düngemittelfabrik am Rande des Dorfes bereits gegen 19 Uhr Ortszeit in Flammen stand. Einsatzkräfte der örtlichen freiwilligen Feuerwehr waren bereits mit Löscharbeiten beschäftigt, als einer von zwei Tanks explodierte, in denen der empfindliche Mineraldünger unter hohem Druck gelagert war. Geologen registrierten im Umfeld einiger Kilometer um West Stoßwellen, die einem Erdbeben der Stärke 2,1 entsprachen. Mindestens zwei Ersthelfer und drei Feuerwehrleute sollen sofort getötet worden sein. „Viele unserer Leute werden morgen nicht mehr da sein“, sagte Tommy Muska, Bürgermeister von West. Er sprach von einem Feuerball und einer riesigen pilzartigen Wolke, die sich in den Himmel über Texas schob und aussah wie Bilder von Atomexplosionen in den 50er Jahren. Die Wolke bereitete Behörden die größten Sorgen, da sie das hochgiftige Ammoniumnitrat in die Luft über West brachte. Schon in kleinsten Mengen kann die Chemikalie zu Haut- und Augenschäden führen. Größere Mengen einzuatmen ist tödlich.

Entsprechend wurden weite Teile des texanischen Ortes umgehend evakuiert, darunter alle Mieter eines großen Appartement-Komplexes, dessen Dach durch die Druckwelle der Explosion einstürzte. Die nahe gelegene Schule soll bis mindestens Ende der Woche aus Sicherheitsgründen geschlossen bleiben. Im weiteren Umfeld der Fabrik wurden bis zu 60 Wohnhäuser komplett zerstört.

In West ließen sich Ende des 19. Jahrhunderts vor allem tschechische Einwanderer nieder, die hier Landwirtschaft betrieben. Noch heute dominiert die tschechische Kultur den Alltag im Ort, in dem etwa die „Little Czech Bakery“, der „Czech Stop“ und „Gerik’s Ole Czech Smokehouse“ stehen.

West Fertilizer, so heißt der Name der Düngemittelfabrik, wo mehr als 25 Tonnen Ammoniumnitrat gelagert waren, war in der Vergangenheit kaum aufgefallen. Aktenkundig ist lediglich eine Beschwerde, die Anwohner 1996 wegen starken Ammoniakgeruchs in der Umgebung angestrengt hatten. Die Fabrik selbst hatte in Notfallplänen immer wieder beteuert, dass es auf dem Gelände keinerlei Brand- oder Explosionsgefahr gebe. Der amerikanischen Umweltschutzbehörde EPA liegen schriftliche Pläne für einen „größten anzunehmenden Unfall“ bei West Fertilizer vor, in dem lediglich von ausströmendem Ammonium die Rede ist. Ein solcher Vorfall könne „höchstens zehn Minuten“ andauern, heißt es in den Dokumenten, und wäre im näheren Umfeld nicht gefährlich.

Mit einer massiven Explosion hatte niemand gerechnet. Entsprechend schockiert sind die Menschen. In den ersten Schock mischte sich aber auch rasch Dankbarkeit für die Hilfe, die dem Ort von vielen Seiten angeboten wurde. Binnen Stunden nach dem Unglück musste die Stadt bereits einen Appell aussenden, keine weiteren Hilfskräfte mehr zu schicken, da sich bereits hunderte freiwillige Ärzte, Feuerwehrleute und Sicherheitskräfte aus der Umgebung eingefunden hatten. Unter ihnen waren zahlreiche Helfer aus der nahe gelegenen Kreisstadt Waco.

Waco hatte vor genau 20 Jahren als Schauplatz der Belagerung einer religiösen Sekte weltweit für Schlagzeilen gesorgt. Als Einsatzkräfte das Sektengelände am 19. April 1993 stürmten, zündete die Sekte ihr Anwesen an, 76 Personen starben in einer Art kollektivem Selbstmord. Den Bombenanschlag in Oklahoma City am zweiten Jahrestag des Waco-Sturms bezeichnete Attentäter McVeigh als „Rache für Waco“. Die jetzige Explosion in West ereignete sich zwei Tage vor dem 20. Jahrestag.

Es gibt keine Hinweise auf einen Zusammenhang, außer der geografischen Nähe der Schauplätze und des gleichen Sprengstoffs. Von den Behörden wurde das auch nicht kommentiert. Vielmehr beeilte man sich in Texas, mit Optimismus nach vorne zu blicken. „Das ist nicht das Ende der Welt“, versicherte Bürgermeister Muska in den Ruinen eingestürzter Häuser. „Es ist ein Stich ins Herz. Aber wir sind stark, und wir werden alles wieder aufbauen.“

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