Welt : "Thomas Bernhard": Sprechen als Holzfällen

Caroline Fetscher

Weg vom Autor, hin zu Text und Subtext ist die Philologie gewandert, auf einem Straßengeflecht, das viele Richtungen kennt, aber keine zurück zur autorzentrierten Lektüre. Trotzdem liest man mit jener ambivalenten Bernhard-Liebe, die zwischen Sucht und Überdruss changieren kann, diesen kleinen Band - Joachim Hoells Thomas Bernhard-dtv-portrait - von der ersten Seite wie einen Romanführer durch das Reale, von dem man eigentlich weiß, dass es nicht existiert. Wo lebte Bernhard, und wie lebte er? Wen schätzte oder verwarf er, was war mit den Frauen in seinem Leben, woher stammen die Bilder seiner abgründigen Provinzen, deren engste die der Familie ist?

Thomas Bernhard selbst hat aus seiner Biografie weniger ein Geheimnis gemacht als vielmehr einen verrätselten, verästelten Selbstkult, der diese Biografie zugleich zeichnete und ausradierte. Auf hintersinnige Weise erschloss sich Bernhard seine hermetische Welt und zwang sie durch seinen Sprachfluss ins Allgemeine, ins Wahrzunehmende. Indem er sich, nein, die vielen Ichfiguren und deren obsessive Monologe, zum Exempel für den Zustand der Welt ausweitete, löschte er sich dahinter aus - eine Art literarisches Opfer, mit dem seltsamen Lustgewinn, in dem der positive Narzissmus des Erfolghabens und der negative Narizssmus des Verfolgtseins ineinander übergingen.

Sehr lebendig porträtierte die österreichische Journalistin Krista Fleischmann den Autor, 1981 und 1986, in zwei Filmen für das ORF (als Buch 1991 in der Wiener "Edition S" erschienen). An die Originalität ihrer Darstellung reicht das kleine Buch des Berliner Philologen Joachim Hoell nicht heran, es kann und will das auch nicht. Es ist eine passionierte und akribische Spurensuche, die zwischen Literaturwissenschaft und "seriösem Klatsch" zu vermitteln sucht, konkret und realistisch. Gewissenhaft und chronologisch knüpft Hoell Adressen, Familiengeschichte, Freunde, Gönner, Orte an das Werk. Man erfährt vom Entstehen des Schreibens in der realen Welt des heimatzerstörenden Heimatschriftstellers, den Textrand bebildern Zitate. Fotos zeigen das düster zweifelnde Kind, den selbstbewussten, freundlich blickenden Jungautor, den Mann in Tirolerhut und Trachtenjacke (1971!), der in einer Art transironischer Haltung als Österreicher posiert.

Zurück bleibt von diesem Portrait eine brauchbare und genaue Skizze des Bernhardschen Lebens, das acht Jahre vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs begann, am 9. Februar 1931. Die Mutter war unverheiratet, der Vater setzte sich ab. Das Kind war oft krank, es scheint viel von seiner späteren Kraft aus dem Überleben erhalten zu haben - eine zwiespältige Kraft, die den Gegner (der Tod, das Tödliche) immer im Visier halten muss. "Der Atem", eine von Bernhards eindrucksvollsten autobiografischen Erzählungen, schildert das Überleben des Lungenkranken, den die Welt buchstäblich zu ersticken drohte und der atemlos zu erzählen ansetzt, um Schneisen und Lichtungen in den österreichischen Lügenwald zu schreiben. Sprechen als "Holzfällen".

Erster Halt des sehr jungen Bernhard ist sein Großvater Johannes Freumbichler, ein erfolgloser Schriftsteller, der den Jungen offenbar als einziger zu lieben versteht. Kälte, Schmerz und Sprechen sind die Koordinaten des Werks, zu denen sich ein präpolitischer Spott gesellt, die konservative Arroganz des Wüsstet-Ihr-doch-was-ich-weiß, das zur Identifikation einlädt wie zum Lachen. Nie zum Weinen, trotz allem Schmerz. "Jeder Tag wacht auf mit einer Misshandlung, / in meine Rede ist die Legende meiner Trauer eingeschlossen" beginnt das Gedicht "Ave Vergil. Trauer", 1981 veröffentlicht. Ein Purist spricht dort: "Es geht um die Reinigung all unserer Gefühle, / aus den Zeitungen heraus und aus den Gassen, / aus den Konzerten heraus / und aus den Abendandachten." Biografien sind fast immer eine Unverschämtheit, und immer ein risikoreiches Terrain. Diese hier ist sehr annehmbar. Aber die einzig mögliche Hommage an Thomas Bernhard bleibt, seine Texte zu lesen.

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