Thronwechsel in den Niederlanden : Überall freie Bürger

Die niederländische Hauptstadt Amsterdam hat ein traditionell ambivalentes Verhältnis zum Haus Oranien – und feiert mit.

Cees Fasseur
Generationswechsel. Im September 2012 winkte Willem-Alexander in Den Haag am Prinsjesdag noch als Prinz von Oranien mit seiner Frau Máxima und Königin Beatrix. Jetzt ist er der neue König.
Generationswechsel. Im September 2012 winkte Willem-Alexander in Den Haag am Prinsjesdag noch als Prinz von Oranien mit seiner...Foto: Reuters

Eine Krone trägt der neue König nicht. Die liegt auf einem Tisch, zusammen mit einem in Samt gefassten Exemplar des Grundgesetzes und einigen Symbolen des Königtums wie dem Reichsapfel, der Reichsstandarte und dem Reichsschwert (als Ausdruck der Macht der Obrigkeit). Es sind keine kostbaren Gegenstände. Dafür sind die Niederländer zu sparsam. Das Gold ist nur ein Überzug. Die Diamanten sind Imitate und stammen nicht aus dem früheren asiatischen Weltreich (heute Indien), wie es in England der Fall ist.

Auf dem Dam in Amsterdam wird eine riesige Menschenmenge stehen, die nach Ablauf der Feierlichkeit in der Nieuwe Kerk dem neuen König, seiner argentinischen Frau, Königin Máxima, und ihren drei Töchtern zujubeln wird. Eine Feierlichkeit wie diese findet nur einmal innerhalb einer Generation statt. Willem-Alexander wird an diesem 30. April 2013 der siebte in einer Reihe sein, die in Amsterdam in ihr Amt eingeführt wurden: Drei Könige und anschließend drei Königinnen (Wilhelmina, Juliana und Beatrix) gingen ihm in einer Periode von 200 Jahren voraus. Es wird auf dem Dam noch aus einem anderen Grund voll werden. Der 30. April ist seit 1948 ein nationaler Feiertag, Königinnentag, der offizielle Geburtstag des Staatsoberhauptes. Jedes Jahr ziehen Zehntausende aus dem ganzen Land nach Amsterdam.

Nicht jeder wird an diesem Tag Orange tragen und dem neuen Königspaar zujubeln. Einige Straßen weiter – am Spui, am Waterlooplein und an vier weiteren Orten in der Stadt – wird Bürgermeister Van der Laan denjenigen, die das möchten, Gelegenheit geben, für die Republik und gegen die Monarchie zu demonstrieren. Amsterdam ist eine tolerante Stadt und will diese Tradition bewahren. Vorläufig (niemand weiß es sicher) werden bei den republikanischen Demonstrationen ein paar tausend Menschen erwartet. Polizei zu Pferd wird die Demonstranten im Blick behalten.

Die Gemeindeverwaltung möchte keine Wiederholung der Ereignisse von 1980. Damals wurde im großen Stil randaliert – in der Umgebung des Dams wütete eine wahre Schlacht. Es war vor allem die Hausbesetzerszene, die Autonomen, die sich damals mit der Losung „Keine Wohnung, keine Krönung“ Gehör verschaffte. Erst am Königinnentag 1988 wurde zwischen Beatrix und Amsterdam bei einem unerwarteten und laut bejubelten Besuch im Zentrum der feiernden Stadt der Friede wiederhergestellt. Ein unbekannt gebliebener Zuschauer drückte ihr symbolisch einen Kuss auf die Wange.

1898 schenkte das Amsterdamer Bürgertum der jungen Königin Wilhelmina bei ihrer Amtseinführung eine goldene Kutsche. Das mit goldfarbenen Paneelen beschlagene Fahrzeug wurde von der Stellmacherei Spijkers, heute eine Fabrik für exklusive Sportwagen (Spyker Cars), produziert. Auf der Rückseite prangt das Amsterdamer Wappen. Die Goldene Kutsche ist das teuerste und dauerhafteste Werbegeschenk der niederländischen Geschichte. Nach mehr als 100 Jahren versieht das Fahrzeug noch immer seinen Dienst am Prinsjesdag, dem dritten Dienstag im September, wenn die Sitzung der Staten-Generaal mit viel zeremoniellem Aufwand eröffnet wird.

Die Kutsche wird auch bei fürstlichen Hochzeiten benutzt. So etwa 1966, als Prinzessin Beatrix in Amsterdam ihren deutschen Mann, Claus von Amsberg, heiratete. Als ehemaligem Soldaten der Wehrmacht begegnete man ihm in den Niederlanden mit Misstrauen. Die Fotos der Goldenen Kutsche, die durch Rauchbomben der Sicht entzogen war, gingen um die Welt. Das Gefährt wurde auch 2002 bei der Hochzeit von Willem-Alexander und Máxima gebraucht, wieder in Amsterdam. Die Kutsche ist wirklich eine Ikone des niederländischen Staates, zusammen mit dem Concertgebouworkest und der „Nachtwache“ von Rembrandt, dem berühmten Gemälde, das seit dem 13. April wieder im neu eröffneten Rijksmuseum zu sehen ist.

Dass die Oranier in Amsterdam in ihr Amt eingeführt werden, hat noch einen anderen Grund, der direkt der niederländischen Geschichte entlehnt ist. Die Dynastie Oranje-Nassau und die Stadt Amsterdam waren jahrhundertelang Rivalen. Diese Rivalität reicht bis zum Beginn der niederländischen Geschichte zurück. Die heutigen Niederlande waren von 1581 bis 1795 eine Republik, die stolze Republik der Sieben Vereinigten Provinzen. Die Oranier waren damals noch keine Könige, sondern Statthalter. Der Statthalter vertrat den Landesherrn, in diesem Fall den spanischen König, den es nicht mehr gab. Der König, Philipp II. – Sohn von Kaiser Karl V. – war von den freiheitsliebenden Niederländern zu Beginn des Aufstandes von 1568 verjagt worden.

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