Welt : Tiefes Mitgefühl in hellen Pastelltönen

Ein Göttinger Sterbeforscher und Beileidskartensammler kritisiert das moderne Kondolieren Göttingen (pid)."Mitten im Leben sind wir vom Sterben umfangen" - auf den Göttinger Sterbeforscher Kay Blumenthal-Barby trifft dieses berühmte Zitat in besonderem Maße zu.Seit über 20 Jahren beschäftigt sich der Dozent an der Abteilung Medizinische Psychologie der Universität Göttingen in seinen Forschungen mit dem Thema Tod.Vor drei Jahren hat er das über 500 Seiten starke "Lexikon der letzten Dinge" herausgegeben, in dem von Aas bis Zombie alles Wissenwerte rund um Sterben, Tod und Trauer gesammelt ist.Inzwischen ist Blumenthal-Barby auch in einem Lexikon anderer Art vertreten: Im Guinness-Buch der Rekorde 1997, und zwar mit der weltweit größen Sammlung von Beileidskarten sowie von Sanduhren, die seit Jahrhunderten als Symbole des Todes gelten. Mit der Sammlung von Beileidskarten habe er 1986 begonnen, erzählt der ehemalige Schiffsarzt, der als einer der ersten ostdeutschen Wissenschaftler nach der Wende an die Universität Göttingen wechselte.Damals habe er in einer Zeitungsanzeige um Zusendung von Beleidskarten für eine wissenschaftliche Untersuchung gebeten.Inzwischen besteht die Sammlung laut Guinness-Buch aus 2360 Exemplaren aus rund 30 Ländern.Die Sanduhren-Sammlung umfaßt 46 Stück. Die ältesten Beileidskarten stammen noch aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg.Im Vergleich zu heutigen Trauerkarten seien deutliche Unterschiede erkennbar, sagt Blumenthal-Barby."Damals wurden die meisten Karten in tiefschwarz gehalten und waren wunderschön gestaltet." Viele Karten hatten kostbare, silberfarbene Aufdrucke auf schwarzem Grund, manche waren auch mit schwarzen Schleifen verziert.Die Motive seien zumeist typische Todesymbole wie Kreuze, Kränze, Engel, Lilien, Trauerweiden oder Grabsäulen. Schon in den 20er Jahren habe sich das Aussehen der Beileidskarten geändert, sagt Blumenthal-Barby.Damals hätten statt des tiefen Schwarz graue Farbtöne dominiert.Diese Tendenz habe sich fortgesetzt.Heutzutage seien viele Beileidskarten in hellen Pastelltönen gehalten und von Glückwunschkarten kaum noch zu unterscheiden. Dieser veränderte Umgang mit dem Thema Tod zeigt sich nach den Beobachtungen des Sterbeforschers auch in anderen Bereichen.Inzwischen seien beispielsweise Bestattungsfahrzeuge kaum noch von anderen Autos zu unterscheiden.Zu Beginn des Jahrhunderts seien die Bestattungsfahrzeuge dagegen nicht nur pechschwarz, sondern bei Beerdigungen auch immer prächtig geschmückt gewesen.Auch andere Zeichen der Trauer wie Witwenschleier oder Kondolenzband seien völlig aus der Mode gekommen.All dies zeige, daß die Gesellschaft das Thema Tod zu verdrängen suche: "Sterben stört, und alles, was daran erinnert, wird beiseite geschafft." Blumenthal-Barby hält es aber für wichtig, daß sich die Menschen schon frühzeitig und intensiv mit diesem Thema auseinandersetzen.Aus diesem Grund schickt er beispielsweise seine Studenten immer zum Pflichtbesuch ins Krematorium.Immer wieder höre er auch von Studenten, wie sehr sie als Kind darunter gelitten hätten, daß ihre Eltern ihnen verboten hatten, mit auf die Beerdigung der Großeltern zu kommen.Solche Verbote hält der Sterbeforscher für völlig falsch: "Die Abschiednahme vom Verstorbenen ist ganz wichtig, um sich der Realität des Verlustes bewußt zu werden." Und wie sollten heute Beileidskarten abgefaßt werden? Hierzu hat Blumenthal-Barby folgende Leitsätze: Nach dem Erhalt einer Todesnachricht sollte man umgehend kondolieren.Dabei komme es nur den nächsten Angehörigen und engsten Freunden zu, ihr Beileid telefonisch auszusprechen.Alle anderen sollten dagegen schriftlich kondolieren und damit Rücksicht auf die betroffene Familie nehmen. Ganz wichtig sei auch, daß man in dem Beileidsschreiben nicht nur die "aufrichtige Teilnahme" bekunde, sondern den Hinterbliebenen auch seine Hilfe und Unterstützung anbiete.Dafür gebe es in den USA eine schöne Tradition, sagt der Sterbeforscher.Dort hätten Beileidskarten oft die Aufschrift "Please let me know if I can help".

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