Welt : Tiefes Schweigen

In Heidelberg ist ein Kinderarzt mit seiner Frau und seiner Sprechstundenhilfe ermordet worden – für die Tat gibt es keine Erklärung

Christian Jung (dpa)

Heidelberg. „Das kann nicht wahr sein, das glaube ich nicht. Mein Kinderarzt“, stammelt eine Mutter vor der Kinderarztpraxis im Heidelberger Stadtteil Ziegelhausen. Der dreifache Mord kurz vor Weihnachten an dem 61-jährigen Kinderarzt, seiner 66-jährigen Ehefrau und ihrer 24-jährigen Sprechstundenhilfe hat sich an Heiligabend wie ein Lauffeuer verbreitet. Hier kennt jeder jeden. Kinder bringen Blumen vor die Eingangstür, Kerzen werden angezündet.

Der Tatort, eine Arztpraxis, befindet sich mitten in der Fußgängerzone, neben der Post und einem Kinderkleidungsladen. Die Nachbarn sind erschüttert. „Wir haben nichts mitbekommen. Es ist unfassbar. Der Kinderarzt hat immer gelacht“, erzählt Familienvater Markus Kumpf. Auch Eva Soliczak kommen die Tränen: „Der Arzt war ein Ehrenmann. Ich konnte ihn rund um die Uhr anrufen. Er ist immer gekommen, wenn eines meiner drei Kinder krank war.“    Besonders empört eine Rentnerin, dass alle drei Toten gefesselt gewesen sein sollen. Gerüchte über den Tathergang machen die Runde.

Und niemand kann sich erklären, warum es ausgerechnet den Kinderarzt traf, der als unauffällig und prinzipientreu beschrieben wird.

„Weihnachten kann ich nicht mehr feiern. Mir ist die Lust vergangen“, sagt eine Ladenbesitzerin.

„Sonderkommission Praxis“

 Die Polizei ist sich sicher, dass es sich bei dem Mord um ein Gewaltverbrechen von außen handelt. „Die Tatortsituation deutet auf einen Täter von außen hin“, erklärte ein Polizeisprecher. Mehr als 40 Angehörige einer Sonderkommission arbeiten mit Hochdruck an dem Fall. „Wir ermitteln in alle Richtungen. Noch ist alles offen.“ Zum Tathergang schweigt die Polizei allerdings.

  Für die Christmette änderte Pfarrer Karl Haller von der nahen katholischen St. Laurentius-Gemeinde den Ablauf des Gottesdienstes.

Am Anfang wurde der Ermordeten gedacht, dann folgte ein Lied von Paul Gerhard von 1653: „Ich lag in tiefster Todesnacht, du warest meine Sonne.“ Auch der Pfarrer zeigte sich erschüttert: „Ich muss das erst einmal verarbeiten.“

Die Ermittlungen laufen auf Hochtouren. Trotz zahlreicher Hinweise aus der Bevölkerung zeichnete sich über die Weihnachtsfeiertage keine heiße Spur ab. Gesucht werde noch immer nach Zeugen, denen im Umfeld des Tatorts im Ortsteil Ziegelhausen etwas Verdächtiges auffiel, sagte ein Polizeisprecher am Donnerstag.

In der Arztpraxis waren am Montag die Leichen eines 61-jährigen Kinderarztes, seiner 66-jährigen Ehefrau und einer 24-jährige Arzthelferin entdeckt worden. Die „Sonderkommission Praxis“ ist seither im Einsatz. Über 60 Spuren werden verfolgt. Die Staatsanwaltschaft setzte eine Belohnung von 5000 Euro aus.

Zum genauen Tathergang und zum Obduktionsergebnis machten die Beamten bislang keine Angaben. Wenn Täterwissen öffentlich bekannt werde, könne das die Ermittlungen gefährden, begründete der Polizeisprecher das Schweigen. Die Beamten suchen seit dem ersten Feiertag mit einem Fahndungsblatt nach Zeugen. Auf dem Flugblatt ist ein Bild des getöteten Arztes zu sehen. Möglicherweise sei er am späten Nachmittag oder frühen Abend des 23. Dezember gezwungen worden, mit dem Täter oder den Tätern die Praxis zu verlassen, heißt es auf dem Blatt.

Dabei könnte er gesehen worden sein.

Die Leichen waren am Montagabend von der Polizei in der hell erleuchteten Praxis aufgefunden worden. Zuvor hatten Sohn und Tochter des Arztpaares die Beamten alarmiert, weil sie zuvor mehrfach vergeblich versucht hatten, Kontakt zu den Eltern aufzunehmen.

Den Angaben zufolge muss die Tat am Montag zwischen 16.30 und 20.30 Uhr geschehen sein. Sohn und Tochter des ermordeten Ehepaares informierten den Angaben zufolge am Montagabend gegen 20.30 Uhr die Polizei.

Als die Polizisten eintrafen, sei die Praxis im Ortsteil Ziegelhausen erleuchtet gewesen. Da trotz mehrfachen Klingelns niemand öffnete, verschafften sich die Beamten Zutritt zu der Praxis. In einem der Zimmer seien die Leichen entdeckt worden, hieß es in der Presseerklärung.

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