Ameisen : Kribbelige Angelegenheit

Andere trampeln auf ihnen herum, Martin Sebesta nutzt sie für seine Geschäftsidee. Er betreibt in Berlin den weltersten Laden für Ameisen. Seine Kunden: Firmen, Schulen – und Hobbyhalter.

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Das Kleine im Großen. Martin Sebesta
Das Kleine im Großen. Martin SebestaFoto: Georg Moritz

Wenn dieser Tage in irgendeinem Postverteilerzentrum in Berlin eine Ameise in einem fest verpackten Transportröhrchen durch die Gegend geschmissen wird, kann sie sich dafür beim Internet bedanken. Dort nämlich hat Martin Sebesta, den man heute ohne zu Übertreiben den Papst des Ameisenversendewesens nennen darf, sein auf den ersten Blick doch recht seltsames Geschäft begründet, und das noch nicht mal absichtlich. Es hat sich im Grunde ergeben, wie sich Ameisenstraßen ergeben: indem eine Möglichkeit als solche erkannt und ohne Zögern genutzt wurde.

Sebesta, ein Mann Mitte 30 von deutlich jüngerem Aussehen, erzählt von sich, er habe sich als Kind schon für Ameisen interessiert, jene wirbellosen Kleinsttierchen, auf denen andere herumtrampeln, wenn sie sie im Garten entdecken, die weggeschnippt werden, denen brühheißes Wasser über den Leib gegossen wird, die, kurz gesagt, im Allgemeinen beim Menschen bedenkenlose Vernichtungsabsichten hevorrufen. Sebesta aber erkannte das Besondere in ihnen. Er fing sich welche und baute ihnen ein Heim, das er Formicarium nennt, von formica, lateinisch für Ameise. Fotos davon und Berichte über die Entwicklung seiner Tiere stellte er ins Internet, wo sie gefunden wurden. Er erhielt Zuschriften. Fragen, Bitten, Aufträge: Kannst du mir auch so ein Formicarium bauen? So kam er zu der Auffassung, hier liege ein Markt brach. Der Ameisenmarkt. Und er begann, den zu bedienen.

Berlin-Steglitz. Eine graue Wohnstraße, ein Gewerbebau. Erster Stock: „Antstore – World of Ants.“ Der Ameisenfachhandel. Bitte klingeln.

Wilde Tiere in Berlin
Hochlandrinder auf dem Gebiet der ehemaligen Rieselfelder um Buch und Hobrechtsfelde. In dem größten Waldweideprojekt Deutschlands (rund 2000 Hektar) dürfen sich die Tiere frei bewegen. Liebe Leserinnen, liebe Leser: Senden Sie Ihre Fotos von wild lebenden Tieren in Berlin und dem Umland an leserbilder@tagesspiegel.de! - Foto: Detlef Schwarz/Forstamt PankowWeitere Bilder anzeigen
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heute 14:28Hochlandrinder auf dem Gebiet der ehemaligen Rieselfelder um Buch und Hobrechtsfelde. In dem größten Waldweideprojekt Deutschlands...

Es ist schon die zweite Adresse von Sebestas im Jahr 2000 gegründeten und seither wachsenden Geschäft. 1000 Quadratmeter Fläche. Verschiedene Räume hintereinander. Vorne ein bisschen was zum Gucken, große Glaskästen mit Ameisenkolonien drin, kleine Versandboxen, Kakteen auf dem Fensterbrett, Formicarien von XS bis XL, dann Lager, Werkstatt, Futterzone, Packstation, Büro. Etwa zehn Menschen arbeiten hier, auch eine Auszubildende, sie lernt Einzelhandelskauffrau. Sie habe etwas mit Tieren machen wollen, sagt sie und grinst dann.

Es klingelt. Ein Mädchen kommt durch die Tür, eine Schülerin, sie wollte sich im Antstore für ein Praktikum bewerben. Der erste Satz aber, den sie zu Sebesta sagt, ist: „Ich habe panische Angst vor Ameisen.“ Dann sei das hier vielleicht nicht das Richtige, kommen beide schnell überein. Bevor die angstinduziert-verhinderte Praktikantin wieder geht, zeigt Sebesta ihr trotzdem noch den Betrieb, in dem sie viel hätte lernen können. Übers Päckchenpacken natürlich, denn in erster Linie ist der Antstore ein Versandhandel. Sie hätte Adressen gedruckt von Film- und Pharmafirmen, von Zoos, von Werbefotografen, von Schulen und Universitäten, die alle Ameisen brauchen, für Fotos, Werbefilme, für Experimente oder als Ausstellungsstücke.

Sie hätte das Antstore-Forum kennenlernen können, in dem sich Privathalter bei Halterproblemen helfen. Sie hätte – Interesse vorausgesetzt – auch viel über Thermometer erfahren, denn erfolgreiche Ameisenhaltung ist nicht zuletzt eine Frage von Temperatur- und Feuchtigkeitsmanagement. Und vielleicht hätte sie obendrauf noch etwas gelernt über Silikone, mit denen die Formicarien gebaut werden, über Mehlwürmer, Zuckerrübensirup, Proteinjelly, Schokoschaben und Weizenkleie, was alles als Futter dient, oder über die Ameise selbst, die dem Menschen bei all seiner Überlegenheit manches doch voraushat.

Sebesta zeigt an die Decke, unter der sich ein Plastikrohr entlangschlängelt, in dem Blattschneideameisen unterwegs sind, mal mit, mal ohne Blatt auf dem Buckel. Die Ameisen würden ihre Nester immer sehr sauber halten, sagt Sebesta. „Das ist wirklich sehr interessant“, sagt die Schülerin, ist dann aber weg.

handelt mit heimischen und exotischen Ameisenarten. Früher reiste er noch selbst um die Welt und marschierte durch
handelt mit heimischen und exotischen Ameisenarten. Früher reiste er noch selbst um die Welt und marschierte durch

Früher ist Sebesta selbst durch die Welt gereist und hat Ameisen gesammelt, Fotos auf der Ameisenforum-Seite zeugen davon. Heute sei er „gut vernetzt“ und habe Zulieferer. Zum Angebot in seinem Shop gehört auch Lesestoff. Bücher über die Biologie der Ameise, aufbereitet als Fach- oder Kindertext. Und für 2,90 Euro gibt es die „Grundlagen der Ameisenhaltung“. Von Sebsta selbst verfasst. Um Ameisenhaltung habe sich bisher nämlich niemand gekümmert. Und wie die Einträge im Forum bezeugen, macht die allerlei Probleme. Sebesta unterscheidet deshalb auch zwischen Anfänger- und Fortgeschrittenenameisen.

Gerade hat er sich wieder zu seinen Angestellten gesetzt und ihnen beim Paketepacken geholfen, als es erneut klingelt. Ein Junge kommt herein, 13 Jahre alt, Schulrucksack auf dem Rücken, einen Zettel in der Hand. Er will Ameisenfutter für einen Freund kaufen, der Ameisen hält. Welche Art Ameisen weiß der Junge nicht, wie viele der Freund hat, auch nicht. Aber wenn er selbst sich eine aussuchen dürfte, dann . . . Der Junge geht zum Ameisenregal und zeigt auf die Kunststoffbox ganz rechts, „die sind riesig“, sagt er. Es ist Odontomachus hastatus, eine Schnappkieferameise, und das sind erstaunliche Tiere. 2006 untersuchten Wissenschaftler in den USA den Schnappkiefermechanismus mit Hochgeschwindigkeitskameras und fanden heraus, dass die Kiefer in nur 0,13 Millisekunden zuschnappen, was einem Tempo von bis zu 64 Metern pro Sekunde, also 2300 Stundenkilometern entspreche – eine Rekordgeschwindigkeitsmarke aus dem Tierreich. Die eingepackte Ameise im Antstore kostet 169 Euro. Was aber nichts mit dem Rekord zu tun hat. „Der Preis richtet sich nach der Schwierigkeit der Beschaffung“, sagt Sebesta. Und Schnappkieferameisen leben im tropischen und subtropischen Klima.

Sie gehören also nicht zu denen, die im deutschen Garten verfolgt werden, aber Ameisen sind sie trotzdem. Bekümmert es den Ameisenfreund, wenn die Tiere vor allem als lästig wahrgenommen werden? Ach nee, sagt er, so ist es halt. Und vermutlich braucht es bei aller Zugewandtheit auch diesen Rest Kaltschnäuzigkeit. Wie könnte er die Tiere sonst als Versandartikel halten?

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