Interview über die kleinen Zugvogel-Stars : Der Marathon der Berliner Nachtigallen

Auch Grasmücken und Nachtigallen packt vor dem Winter die große Reiselust. Wir sprachen mit dem Vogelexperten André Hallau über ihren Flug nach Süden.

Christoph Stollowsky
André Hallau
André HallauFoto: Promo

André Hallau ist Vogelexperte und Leiter der Berliner Wildvogelstation des Naturschutzbundes Deutschland (Nabu) in Biesdorf. Aufgefundene verletzte Wildvögel werden dort gepflegt und anschließend wieder ausgewildert.


Herr Hallau, alle reden von Kranichen und Wildgänsen, wenn der Vogelzug jetzt wieder im Herbst beginnt. Aber es gibt doch auch viele kleinere, teils unscheinbare Zugvögel, die uns zum Winter hin verlassen. Welche sind das?

Zum Beispiel die graubraunen Grasmücken, die Rohrsänger, Nachtigallen oder Neuntöter. Letztere haben diesen gruseligen Namen, weil sie Insekten als ihre Nahrungsreserve auf Dornen oder spitze Zweige aufspießen. Alle drei leben eher in den Außenbezirken. Sie fressen normalerweise Insekten, doch vor ihrem Abflug in den Süden bekommen sie vegetarische Gelüste.

Warum?

Na ja, die vielen bunten Beeren im Spätsommer sind für sie eine Köstlichkeit. diese kleinen Vögel fressen sich für den großen Kraftakt, der ihnen bevorsteht, so richtig satt: mit den süßen Früchten vom Holunder, wilden Wein, vom Faulbaum, den Ebereschen. Sie brauchen diese energiereiche Nahrung auch, weil die Insekten ab August langsam weniger werden.

Und wann ziehen die Vögel los?

Schon ab August/September. Sie brechen meist in kleineren Gruppen auf, sind über Nacht plötzlich weg. Ihr Ziel sind die afrikanischen Länder südlich des Äquators.

Eine riesige Strecke. Wie lange brauchen die kleinen Vögel dafür?

Gut sechs bis sieben Wochen. Es gibt bisher keine genauen Untersuchungen zu ihrer Tagesleistung, aber 100 bis 200 Kilometer schaffen sie schon an einem Tag.

Gibt es auch Zugvögel, die in Berlins Innenstadt leben und jetzt losfliegen?

Klar, zum Beispiel Mauersegler. Die nisteten früher in Felsen und Baumhöhlen, doch inzwischen fühlen sie sich auch in der City zu Hause, suchen sich Schlupfwinkel in Mauernischen von Altbauten, unter den Dächern. Heute leben bereits 10- 20 000 Brutpaare in Berlin. Sie bekommen ungewöhnlich früh Fernweh, ziehen meist schon im August los. Kurz davor sieht man richtig, wie sie die Reiselust packt . . .

Wieso?

Sie führen Flugspiele am Himmel vor, manchmal in Formationen von 10 bis 30 Vögeln. Das sieht recht imposant aus, weil Mauersegler immerhin eine Spannweite von etwa 40 Zentimetern haben. Flugspiele sind auch bei den Staren beliebt. Die steigen ja in großen Scharen besonders im Herbst wie eine Wolke auf und nieder. Die Schwalben wiederum versammeln sich auf Dachfirsten und Stromleitungen . . .

. . . und wann verlassen uns die Schwalben?

In Berlin leben überwiegend Mehlschwalben. Sie gehen von Ende August bis Mitte September auf die Reise. Mehlschwalben gehören zu den sogenannten Langstreckenziehern, sie fliegen zum südlichen Afrika zwischen Sahara und dem Kap der Guten Hoffnung. Ist das nicht beeindruckend? Mehlschwalben sind etwa 13 Zentimeter lang, wiegen kaum mehr als 25 Gramm, sind also kleiner und schlanker als ein Sperling. Dennoch bewältigen diese Minivögel solche Entfernungen.

Wie orientieren sie sich?

Während Kraniche oder Wildgänse häufig auf Sicht ihren Weg finden, zeigen Untersuchungen bei den kleineren Vögeln, dass sie auch mit besonderen Sinnesorganen arbeiten. Zu ihrem inneren Kompass können beispielsweise Rezeptoren für Magnetfelder gehören. Mit deren Hilfe sind die Vögel in der Lage, den Neigungswinkel des Erdmagnetfeldes wahrzunehmen und so ihre Position zu erspüren.

Pflegen Sie in Ihrer Station jetzt wieder verunglückte Zugvögel?

Das kommt leider vor. Wir haben zum Beispiel Goldhähnchen in Pflege. Sie sind gegen Gebäudescheiben geprallt. Bei trübem Wetter fliegen sie tief, dann kann so etwas passieren.

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