• Tim Parks im Interview: „Ich wollte lange von mir selbst beeindruckt sein“

Tim Parks im Interview : „Ich wollte lange von mir selbst beeindruckt sein“

Druckschwielen und Rückenschmerzen – richtig zu meditieren ist harte Arbeit. Hier spricht Tim Parks über Gewaltphantasien, Kajakfahrten und seinen Fan Philipp Lahm.

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Tim Parks.
Tim Parks.Foto: Georg Moritz

Tim Parks, 57, hat mehrere Bestseller über Ehebruch, Fußball und Meditation geschrieben. „Sex ist verboten“ erschien gerade im Kunstmann Verlag. Parks wuchs als Sohn eines Pfarrers in Manchester auf, er hat drei Kinder und lebt mit seiner Frau nahe Verona. Der Schriftsteller unterrichtet an der Universität Mailand.

Mr. Parks, fasziniert Sie das Leid?

Das wäre widerlich. Doch die meisten Menschen scheinen sich davon angezogen zu fühlen. Wenn ich mir nur anschaue, wie Bücher oder Filme beworben werden. Herzzerreißend!, steht darüber oder: Sie werden weinen, wenn Sie das lesen! Dave Eggers hat zum Beispiel einen Roman mit dem Titel „Ein herzzerreißendes Werk von umwerfender Genialität“ geschrieben. Das suggeriert, dass literarisches Genie mit Schreiben über Leid verknüpft ist, als sei es ein Indikator für Talent. Ich würde gern aus diesem Denken ausbrechen. Es ist westlich geprägt und total pervers.

In Ihren Büchern verzweifeln Eltern an ihrem schizophrenen Sohn, Sie beschreiben seitenlang, welche Schmerzen ein Prostataleiden bei Ihnen auslöst, und im neuen Roman „Sex ist verboten“, wie Knie beim Meditieren im Schneidersitz wehtun. Steckt in Ihnen ein Masochist?
Ach was. Ich erzähle ja nicht, wie ein Kind gefoltert wird. An der Meditation finde ich gerade spannend, dass jede Form des Leidens folgenlos bleibt. Im schlimmsten Fall hat man hinterher einen Krampf. Ich meditiere seit fünf Jahren und habe ein Gefühl dafür entwickelt, wann ich dazu nicht in der Lage bin. Dann lasse ich es lieber bleiben.

Auf Englisch heißt es: „No pain, no gain“.
Furchtbarer Satz. Interessant wäre doch zu sehen, wie viel Schmerz dadurch verursacht wird, dass man so viel Energie auf ihn verschwendet. Wir füttern ihn mit unserer Angst. Neulich saß im Meditationskurs ein Typ neben mir, der mich daran erinnerte, wie ich zum ersten Mal so eine Klasse besuchte. Jedes Mal, bevor er sich hinsetzte, formte er sich einen Sessel aus Kissen. Eins unter dem einen Bein, eins unter dem Hintern und so weiter. Bis einer der Lehrer zu ihm sagte: Wenn Sie das so angehen, werden Sie Schmerzen haben, weil Sie nur daran denken, wo Sie noch ein Polster hätten hinlegen sollen. Setzen Sie sich einfach hin und hören Sie auf nachzudenken.

Klingt einfacher, als es ist.
Absolut. Bei mir tat es die ersten Male höllisch weh, als ich mit überkreuzten Beinen stundenlang auf dem Boden saß. Druckschwielen an den Knöcheln und Beinen, die Schenkel schmerzten, mein Rücken tat weh. Ich frage mich heute noch, warum ich nicht aufgestanden und weggerannt bin.

Und?
Weil es mir damals wirklich schlecht ging. Ich hatte diese Schmerzen im Becken, ein Zwicken in der Prostata, ständig musste ich pinkeln, nachts konnte ich nicht mehr schlafen. Schulmediziner wollten mich operieren, Teile meiner Blase wegätzen. Letztlich konnte mir kein Arzt helfen. Erst mit den Entspannungsübungen bin ich meine Krankheit losgeworden.

Sie waren solchen Techniken gegenüber zuerst skeptisch. Anfangs haben Sie sich ein Massaker während der Meditation gewünscht, nur damit endlich was passiere.
Es gab Zeiten, da wollte ich definitiv jemanden in der Meditationsgruppe mit dem Maschinengewehr umbringen. Bei der radikalen Methode, die ich gewählt habe, der Vipassana Meditation, rennt man sozusagen gegen eine Wand aus Stille. Aber irgendwann lernte ich, nicht mehr ungeduldig zu sein. Ich musste in meinem Kopf etwas ändern. Vergleichen Sie das mit Sport. Man schlägt acht Millionen Mal auf einen Tennisball – und plötzlich trifft man ihn richtig. Da weiß man auch nicht, warum es jetzt genau geklappt hat. Heute kann ich stundenlang im Schneidersitz sitzen. Jeden Morgen um halb sechs meditiere ich eine Stunde.

Sie setzen sich aufs Parkett und sind konzentriert?
Ich setze mich nicht auf den blanken Boden, sondern auf ein Kissen. 15 Minuten brauche ich etwa, um den ganzen Mist in meinem Kopf abzuschalten. Ich zwinge mich, bewusst auf meine Atmung und die Blutzirkulation zu achten. Plötzlich wird einem klar, dass der eigene Körper ein interessanterer Ort ist, als man immer dachte.

Sehen Sie psychedelische Muster?
Nein, ich konzentriere mich vielleicht auf meine Hände, spüre mit einem Mal pulsierende Bewegungen, Energiewellen über meine Handgelenke rollen – das hat nichts mehr mit unserem Schulwissen über den Blutkreislauf zu tun.

Wer sagt Ihnen, dass das nicht nur Einbildung ist?
Entschuldigung, aber was findet denn nicht in unserem Kopf statt? Viele Leute sagen mir, ich würde mir das nur vorstellen. Ich glaube nicht.

Und jetzt sind Sie empfindsamer als früher?
Ach, ich war immer schon schrecklich empfindsam. Aber ehrlich, es geht mir so viel besser heute. Nach der Meditation gehe ich mit meinem Hund spazieren und setze mich dann an den Schreibtisch.

Wie Thomas Mann, der zwei Stunden am Vor- und zwei am Nachmittag arbeitete.
Nein, nein, nein. Ich bin ziemlich erleichtert, dass ich nicht so bin, besonders nachdem ich gelesen habe, dass er seiner Familie ständig die neuesten Sachen vorlas. Das muss für sie ein Albtraum gewesen sein, ihm ständig zu sagen, wie toll er ist.

Der Dichter Marcel Proust sagte: „Dreiviertel aller Leiden, die gescheite Menschen befallen, stammen aus dem Geist.“
Marcel war nicht der Erste, der das so sah. Kierkegaard hat geschrieben: „Wenn du leidest, frage dich selbst, warum, weil es dein Problem ist.“ Oder Ugo Foscolo, ein italienischer Dichter aus dem 18. Jahrhundert: „Wir ziehen mit einer Kerze los, um nach dem Schmerz zu suchen.“

Warum tun Menschen das?
Ich kenne die Antwort nicht. Ich weiß nur, dass manche Kulturen anders mit Schmerz umgehen. Der britische Anthropologe Gregory Bateson hat in Bali geforscht. Ihn faszinierte, wie Eltern dort mit ihren Kindern umgehen. Wenn die weinen, kümmern sich die Mütter zwar, aber sie sind ihnen gegenüber gleichgültiger, als wenn sie lachen.

Müssen alle Ayurveda-Kuren in Indien machen, um bessere Menschen zu werden?
Ich reise doch nicht nach Indien, nur um auf einer Matte zu sitzen! Ich gehe normalerweise in ein Retreat in Norditalien. Mit diesen Indientrips wollen viele nur eine Erzählung aus ihrem Leiden machen. Diese Art von selbst auferlegtem Drama widerspricht ja völlig dem Sinn des Meditierens.

Die Menschen erwarten zu viel.
Man scheitert, wenn man Meditation in ein Leistungsethos pressen will. Ich werde jetzt meditieren, um gesund zu werden und mit Stress klarzukommen. Ich lerne das, damit ich etwas anderes tun kann. Nein, so funktioniert das nicht.

Sie schreiben, dass man nicht an Sex denken darf.
Manche werden regelrecht überschwemmt von erotischen Fantasien. Es liegt wohl daran, dass man zehn Tage in einem Retreat ist, ohne Informationen von draußen. Der Geist beschäftigt sich die ganze Zeit mit Erinnerungen, schönen und unschönen Momenten des Lebens – also auch mit Sex.

Warum sind heutzutage eigentlich alle so verrückt nach Yoga und Meditation?
Immer wenn es eine starke Tendenz innerhalb einer Kultur in die eine Richtung gibt, dann gibt es eine Art Schattenkultur, die in eine korrigierende ausschlägt. Zu großen Teilen kann man ja die Poesie des 19. Jahrhunderts als Korrektiv zum Fortschrittsdenken der damaligen Zeit lesen. Wir im Westen interessieren uns heute für fernöstliche Gedanken, weil wir sehen, dass viele unserer großen Ideen abgelaufen sind – der Nationalismus, der industrielle Fortschritt. Ich bin allerdings überrascht, wie viele Leute in Yoga- oder Meditationskursen sitzen. Noch vor ein paar Jahren fand ich das ziemlich seltsam, es erinnerte mich an das New-Age-Ding der frühen 70er Jahre. Das war die größte Hürde für mich.

Sie haben an die Beatniks und Hippies gedacht.
Ja, dieses ganze Gewese wie „Ich bin alternativ und nicht Teil einer von Geld getriebenen Gesellschaft“, dieses Gerede von esoterischen Kraftlinien und Schwingungen. Und immer mit der Emphase, sie wüssten, wie alles funktioniert.

Das Vokabular hat Sie als sprachsensiblen Schriftsteller abgeschreckt?
Das hat mich manchmal rasend gemacht. Einige Lehrer erzählen auch heute richtigen Stuss. Wenn es zum Beispiel um Reinkarnation ging, bin ich ausgestiegen. Ich fühlte dann immer eine gewisse Dankbarkeit gegenüber den ruhigeren Menschen in der Gruppe.
Wer ist der stillste Schüler – das kann leicht in einen Wettbewerb ausarten.
Oh, es gibt wahnsinnig viel Konkurrenz unter den Teilnehmern. Wenn die Lehrer das bemerken, warnen sie einen, es nicht zu übertreiben. Zum Beispiel wenn wir nur drei Stunden still sitzen sollen, und einige tun es fünf. Oder beim Yoga: Ich kann einfach nicht mit einer jungen Frau neben mir konkurrieren, die mit ihrem Körper ganz andere Dinge anstellen kann!

Früher sollen Sie sich die Zähne geputzt haben, als wollten Sie sie abschleifen, die Socken angezogen haben, als wollten Sie die Zehen durchstoßen.
Ich war verbissen und der Meinung, dass meine Lebensweise die einzig richtige war.

Das denkt doch jeder.
Weil tief in uns drinnen eine große Angst vor Veränderung ist. Natürlich bin ich nach wie vor nicht völlig entspannt. Wenn Menschen auf der Rolltreppe vor mir stehen, frage ich mich: Warum gehen die bitte schön nicht weiter?
Sie sollen sich als Autofahrer regelmäßig aufgeregt haben.
Autofahren lädt dazu ein, sich negative Energie aufzubürden. Deshalb fahre ich heute weniger. Vor ein paar Jahren bin ich immer mit dem Auto zum Bahnhof nach Verona gefahren, von wo ich den Zug nach Mailand nahm, wenn ich an der Universität unterrichtet habe. Heute fahre ich zu einem kleinen Provinzbahnhof, der viel näher an unserem Haus liegt. Da gehen die Züge zwar nicht so oft, es ist aber auch nicht so hektisch dort.

Zwischendurch haben Sie sogar daran gedacht, mit dem Schreiben aufzuhören.
Ein großes, großes Drama. Wieder ein totales Ego-Ding. Welches Opfer kann ich bringen, damit es mir besser geht? Lass mich die große Geste machen und aufhören Romane zu schreiben. Im Ernst: Schreiben ist gefährlich. Es ist die ständige Abstraktion des eigenen Zustandes, eine Einladung in eine geistige Welt abzudriften, eine Form der Verneinung. Es macht süchtig.

Dafür gibt es Sport als körperlichen Ausgleich.
Gott, nein. Mir geht dieses Besessensein von Sport auf den Wecker. Ich sehe nur Menschen, die ihren Körper zu Extremen treiben und ihn wie ein schönes Accessoire vorführen. Am Ende wird es nur noch sportliche Gesundheitsmaschinen auf der einen und übergewichtige Menschen auf der anderen Seite geben. Letztere spüren, dass sie nie solche Leistungen erbringen können und fressen sich voll. Die Gesunden rasen durch den Park und schauen dabei auf ihre Uhren. Ich möchte ihnen am liebsten zurufen: Das ist der falsche Weg.

Was ist daran falsch? Die Läufer wollen sich selbst etwas beweisen.
Das war auch bei mir der Knackpunkt. Ich wollte lange Zeit von mir selbst richtig beeindruckt sein.

Und sich am Abend auf die Schulter klopfen: Heute habe ich aber wirklich Großes geschaffen!
Genau. Ich konnte mich entsetzlich über mich selbst aufgeregen. Eine Form von Drama, bei dem es keinen Gewinner gibt, nur viel schlechte Energie. Ich gebe ihnen mal ein dummes Beispiel.

Nur zu.
Als ich früher Kajak fuhr, ging es natürlich immer durch besonders wilde Flüsse. Da kam es vor, dass ich ins Wasser fiel, nicht aus eigener Kraft herauskam und nach Hilfe rufen musste. Das hat mich regelmäßig wütend auf mich selbst gemacht. Ich schrie in der Gegend herum und habe jeden spüren lassen, dass ich zerknirscht war.

Wie ein hysterischer Teenager.
Ich will kein völlig negatives Bild von mir zeichnen, aber manchmal war ich unerträglich. Was für eine Belastung ich für die anderen war! Das ist übrigens bei vielen Sportlern ähnlich. Gerade habe ich gelesen, welche Fortschritte sie im Training mit Meditation erzielen. Viele Trainer haben gesehen, wie hart einige Athleten mit sich ins Gericht gingen und damit ihre Fortschritte aufzehrten. Wie heißt noch mal der Kapitän der deutschen Fußball-Nationalmannschaft?

Philipp Lahm.
Sein Manager fand mein Buch „Die Kunst still zu sitzen“ gut. Wir gingen essen, da erzählte er mir, dass Philipp das Buch auch mochte. Weil für ihn die negative Energie auf dem Spielfeld oft ein Problem ist. Können Sie sich vorstellen, dass Wayne Rooney meditiert? Der wird sich doch nur fragen, warum er sich darum scheren soll, wo er doch schon so viel Geld hat.

Spielen Sie eigentlich noch Fußball?
Nein, diese Tage sind vorbei. Meine Gelenke sind kaputt. Ich liebe es nach wie vor, Fußball anzuschauen. Obwohl das nun wirklich ein Sport ist, der erfunden wurde, um einen fertig zu machen. Es ist gefährlich, in diese Welt einzutauchen.

Das sagen Sie, der selbst Fan eines mittelmäßigen Vereins ist und ein Buch darüber geschrieben hat, „Eine Saison mit Verona“. Da haben Sie das Leiden bei jeder Niederlage erlebt.
Ehrlich gesagt fühle ich mich den Fans der erfolgreichen Vereine gegenüber überlegen. Weil es auch eine Qualität ist, die Niederlage zu ertragen. Wir hatten zwölf Jahre eine Saisonkarte für Hellas Verona. Als ich 2002 das Buch schrieb, hat der Verein 14 von 17 Auswärtsspielen verloren. Mein Sohn ertrug das nicht mehr und will inzwischen von Fußball nichts mehr wissen.

Sie sind 1981 für Ihre Frau nach Italien gezogen – und trotzdem leiden Sie jedes Mal, wenn England im Fußball verliert ...
Besonders, wenn es gegen Deutschland geht.

Sie müssten doch an Niederlagen gewöhnt sein.
Leider. Vor 20 Jahren hat mich das ernsthaft zerstört, heute hoffe ich immer nur auf ein Elfmeterschießen. Können Sie sich vorstellen, was passiert, wenn England eines Tages im Elfmeterschießen gewinnt? Wahrscheinlich würde ein Erdbeben durch Deutschland gehen.

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