Welt : Titelheld Boris: Der Egomane

Helmut Schümann

Das Organ hat getitelt. "Ich" steht auf der jüngsten Ausgabe des "Spiegel", womit das wesentliche des Titelhelden gesagt ist: Ich, Boris Becker, Ich, der ehemalige Tennisspieler, der vormalige Ehemann, Ich, die immerwährende Kultfigur und - bündig - Ich, der Egomane.

Es ist in den vergangenen Wochen, in den Zeiten von Rosenkrieg und Samenraub, viel darüber räsoniert worden, dass Boris Becker von seinem Olymp gefallen sei, dass er runtergerauscht sei bis in den Keller, na ja, zumindest bis ins Parterre. Ist er? Boris Becker hat es am Ende von Scheidungswirren und Zeugungsirrungen immerhin auf das Cover der wichtigsten Nachrichtenmagazins Europas gebracht - da war er vorher noch nie -, und zwar nicht als gefallener Engel, sondern als wohl einzige Person der Republik, die unverholen und widerspruchslos das Ego ins Zentrum rücken darf.

Fünf Stunden hat Boris Becker den "Spiegel"-Leuten im feinen Restaurant "Käfer" bei ihm um die Ecke in München-Bogenhausen Antwort gestanden. Es ist dabei rausgekommen, dass es bei Beckers im Grunde nicht anders, nur luxuriöser, zugeht, als bei normalen Scheidungswilligen ("Dann habe ich nachts im Gästezimmer geschlafen und morgens um fünf meine zwei Taschen gepackt und bin zu meiner Mutter gefahren"). Desweiteren ist aus einigen warmen Passagen rauszulesen, dass der Scheidungskrieger Becker durchaus noch grollfreie Gefühle für die vormalige Gattin hegt. Und aus einigen dubiosen Passagen ist zu interpretieren, dass das Böse in der Affäre nicht nur auf Seiten des Tennisstars zu suchen ist. Der von Becker als Berater Barbaras benannte Daniel spiegelt rein optisch nicht gerade Seriosität wieder. Nein, diesem schwergewichtigen und mit seinem langen Pferdeschwanz sehr kiezigen Herrn möchte man wohl eher nicht Geschäftliches anvertrauen.

Es ist wohl noch offen, inwieweit die von Becker in dieser Interviewstelle angesprochenen Verschwörungstheorien bloße Phantastereien sind, aber als Drahtzieher im verschwiemelten Hintergrund würde dieser Daniel allemal taugen. Aber das ist alles noch ungeklärt, sehr dunstig, wie auch der Vaterschaftsnachweis für ein Mädchen, das Becker in einer Londoner Wäschekammer unter leicht akrobatischen Umständen mit dem russischen Modell Angela Ermakowa gezeugt haben soll. Völlig abwegig hält man die Beckerschen Andeutungen über kriminelle Machenschaften im Umfeld seiner zerfallenen Familie jedoch nicht.

Aber gefallen, abgestürzt vom Heldenhimmel, das ist Becker wohl eher nicht. "Ich glaube, ich bin jetzt nicht übergeschnappt, aber ich bin schon in gewisser Weise ein Botschafter des neuen Deutschland", sagt er an einer Stelle. "Ja, ich spalte die Nation nach wie vor" an einer anderen. Und wenn er sich stilisiert als der lonesome hero des Centre Courts und Lebens ("Ich hatte keinen Libero und keinen Torwart, sondern ich war immer allein. Das prägt, das wird mich mein Leben lang prägen"), dann schrammt das hart an der Erträglichkeitsgrenze und man möchte die Frage nach der Überspanntheit ruhig noch einmal neu stellen. Es ist aber das Erstaunliche im Falle Becker, dass diese Selbstgefälligkeit nicht wirklich stört, dass es nicht einmal nervt, wie er sich selbst ins Zentrum rückt. Vielleicht, weil diese überhebliche Selbsteinschätzung der Wirklichkeit ja auch nahe kommt, weil er ja tatsächlich polarisiert, weil er ja tatsächlich eine Art Botschafter ist. Und weil die vorgebliche Bescheidenheit anderer Stars wie etwa Franz Beckenbauer nun wirklich unerträglich ist. Soll sich Becker hinstellen und sagen, er führe ein Leben wie jeder andere?

Nicht vom Olymp gefallen

Er hätte dann, im üblichen Starverhalten, die großen Gefühle ausgepackt, als die Frage nach Sabrina Setlur, seiner neuen Gefährtin kam. Es waren aber die "Spiegel"-Leute, die die Etikette wahrten und nach seiner "Verliebtheit" fragten. Becker selbst sprach in diesem Zusammenhang von einem "schnellen Abenteuer", das "man ja nicht mit Familie und Kindern und Vertrauen und Respekt vergleichen" könne. Stemmt sich einer, der am Boden liegt, so offen gegen die von ihm erwarteten Regungen?

Die Erwartungen standen bis zum Überdruss in den vergangenen Wochen in den Boulevardzeitungen, vornehmlich in "Bild". Über 30 Schlagzeilen zum Thema Becker hatte der "Spiegel" seit Anfang Dezember gezählt und Becker gefragt, ob das noch Spaß mache. "Ganz ehrlich: Es ist absolut beschissen und abstoßend. Grund genug zu sagen: Leute, ihr könnt mich mal alle richtig am Arsch lecken", antwortete Becker. Eine solche Haltung hatte sich unlängst nicht einmal Kanzler Gerhard Schröder erlauben können, der die "Bild" mit durchaus überzeugenden Argumenten einer Kampagne gegen die Regierungspolitik bezichtigte, sie aber damit gerade erst beförderte. Bislang hat es noch keinem Prominenten gut getan, sich gegen die Meinungsmacht des Boulevards zu stellen. Berti Vogts hat es versucht, er stürzte, und Franz Beckenbauer schreibt lieber gleich selbst seine Kommentare in die "Bild". Becker selbst hat die Knute der "Bild" auch schon zu spüren bekommen, als er im frühen Stadium seiner Laufbahn mit der bürgerlichen Karen Schultz liiert war und in deren Umgang mehr Sympathien für die Hausbesetzer lernte als für die Kampfpresse der Hausbesitzer. Da war Becker sehr schnell nicht mehr "Bobele".

Gänzlich unabhängig war auch Boris Becker im aktuellen Fall nicht. Zu Beginn des Trennungsstreites verweigerte er sich noch den "Bild"-Machern. Bis die titelten "Boris, warum tust du ihr das an" und Becker in die Rolle des Buhmannes schoben. Es hatte dann eine leichte Öffnung Beckers gegeben, "Bild" durfte dabei sein im Scheidungsfall und bei der neuen Affäre. Bis zum heutigen Montag war das Blatt dann lieb zu Becker. Und auch am Sonntag, das "Spiegel"-Interview war schon im Internet zu lesen gewesen, schmuste sich "Bild"-Schwester "Bild am Sonntag" lieber ran an Becker, als ihn für seine Medienschelte zu tadeln. Nein, Boris Becker ist wohl eher nicht vom Olymp gefallen. Er scheint mit seinem Ego ziemlich im reinen zu sein.

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