Tod auf dem Kreuzfahrtschiff : Die Macht der Wellen

Acht Meter hohe Wellen töteten zwei Passagiere auf dem Kreuzfahrtschiff „Louis Majesty“. Was hat es mit den so genannten Freak Waves auf sich?

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Wellenopfer: Die "Louis Majesty".Foto: AFP

Hektisch schwenkt die Videokamera hin und her. Man sieht, wie auf der Brücke eines Kreuzfahrtschiffs die Offiziere durch große Frontscheiben auf das aufgewühlte, fahle Meer unter ihnen blicken. Es stürmt. Die Männer erwarten etwas. Irgendwo piept ein elektronisches Gerät. Die Wellen heben das Schiff schwerfällig und sanft. Dann taucht sie auf, als weißer Schaumkamm, eine Welle, die steiler und höher ist als die vorausgegangenen. Sie bricht sich am Bug. Und jemand sagt: „Here we go“. Was so viel heißt wie: Ab geht’s. Der Bug sackt weg, stürzt über die steile Flanke ins Wellental, und als der Ozeandampfer die nächste Welle rammt, kracht und scheppert es so stark, dass ein Offizier aus dem Stand gerissen wird.

Privatvideos wie dieses gibt es im Internet zuhauf. Sie alle wollen ein Geheimnis ergründen: die Macht der Wellen. Seeleute wissen von jeher von erschreckenden Begegnungen zu berichten. Und tatsächlich umgibt Wellen bis heute ein kaum enträtseltes Geheimnis. Wieso türmen sich manche sehr viel höher auf als der Durchschnitt? Was hat es mit den aus der Art fallenden „Freak Waves“ auf sich, jenen Monsterwellen, über deren Größe und Häufigkeit man bis heute wenig weiß?

Wie zerstörerisch schon ganz normale Sturmwellen sein können, haben am Mittwochnachmittag die Passagiere der „Louis Majesty“ erfahren müssen. Der unter zyprischer Flagge fahrende Luxusdampfer geriet nordöstlich von Barcelona in einen Sturm mit Windgeschwindigkeiten von über hundert Stundenkilometern. Nach Auskunft des italienischen Wetterdienstes Consorzio Lamma war für dieses Gebiet eine mittlere Wellenhöhe von sechs Metern vorhergesagt. Gegen 16 Uhr 30 wurde die mit Stabilisatoren für hohen Seegang ausgerüstete, 207 Meter lange „Louis Majesty“ von „drei Riesenwellen“ getroffen, wie Augenzeugen berichten; geschätzte Höhe: acht Meter. Sie zertrümmerten die Frontverglasung eines Salons, die Menschen wurden von dem Wasserschwall fortgespült, ein deutscher und ein italienischer Tourist kamen ums Leben. Und schon ist von ominösen Killerwellen die Rede, Monstern der See, sogenannten „Rogue Waves“, die es gar nicht geben dürfte.

Die spanischen Behörden haben nach dem Eintreffen der „Louis Majesty“ in Barcelona eine Untersuchung angekündigt. Dass es sich in diesem Fall um höhere Gewalt handelt, ist fraglich bei einer Wellenhöhe, die im Rahmen der Erwartungen liegt. Dass Zeugen zudem von einem Wellenintervall erzählen, spricht ebenfalls für den Normalfall. So offenbart das Unglück neben einem vielleicht etwas laxen Umgang des griechischen Kapitäns mit der Unwetterwarnung eine häufige Konstruktionsschwäche von Kreuzfahrtschiffen. Sehr oft befinden sich Gesellschaftsräume mit großen Panoramafenstern des besseren Ausblicks wegen an der anfälligsten Stelle: auf dem Hauptdeck dicht hinter dem Bug. Das Unvermeidliche passiert: Die Wassermassen schlagen über der Schiffspitze zusammen und brechen wie eine Walze durch die ungeschützten Fenster. Ein kleiner Materialfehler kann zum Fiasko führen.

Das Unglück der 1992 gebauten „Louis Majesty“ ähnelt dem der vor neun Jahren bei Kap Horn in schwerer See havarierten „Bremen“ mit 137 Passagieren an Bord. Damals war allerdings tatsächlich eine außergewöhnlich hohe Welle in den Aufbau des Kreuzfahrtschiffes gekracht, hatte die Scheiben und Geräte der Brücke zertrümmert und zu einem totalen Maschinenausfall geführt. Nur mit Glück konnte ein Katastrophe abgewendet werden. Dreißig Meter soll die Höhe der Wasserwand betragen haben.

Auf solche Naturerscheinungen sind moderne Handels- und Passagierschiffe nicht vorbereitet. Der internationale Sicherheitsstandard sieht maximale Wellenhöhen von 15 Metern vor. Da Wellen durch die Reibung des Windes an der Wasseroberfläche entstehen, gehen physikalische Modelle zudem von homogen anschwellenden Seegangsbedingungen aus. Solche haben eine natürliche Wachstumsgrenze. Windwellen verlieren Stabilität, wenn sich zu viel Wasser auf einem zu schmalen Fuß türmt.

Trotzdem kommt es nach Radaruntersuchungen der ESA sehr viel häufiger zu Anomalien im Wellenschema als von linearen Berechnungsmodellen angenommen. Danach sind Riesenwellen mit doppelter Wellenhöhe Ergebnis eines chaotischen Systems, wie es durch den Quantenphysiker Erwin Schrödinger definiert wurde. Wellen können Energie demnach von anderen Wellen aufsaugen. Sie blähen sich auf – und sind kein Mythos mehr.

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