Welt : Tod in der Economy-Class: Bald mehr Beinfreiheit?

Rainer W. During

Nachdem in London eine junge Frau nach einem 20-Stunden-Flug aus Sydney am so genannten Touristenklassesyndrom gestorben ist, denken die britischen Luftfahrtbehörden über neue Richtlinien zur Größe von Flugzeugsitzen nach. Wie berichtet, war die Frau kurz nach der Landung den Folgen einer Thrombose erlegen, die durch das lange Sitzen in der relativ engen Economy-Class bei unzureichender Bewegung verursacht wurde. Nach Angaben des britischen Gesundheitsministeriums sterben jährlich "Dutzende" von Flugzeugpassagieren am so genannten Economy-Class-Syndrom.

Sie behandele mindestens einmal monatlich einen Patienten, der nach einem Langstreckenflug an einer Thrombose leidet, sagte die australische Gefäßchirurgin Gabrielle McMullin. Die Zahl der Todesfälle sei allerdings gering. Häufiger sei ein Schaden der Blutgefäße in den Beinen, der 10 oder 20 Jahre später zu chronischen Geschwüren führen könne. Britische Mediziner empfahlen als Vorbeugung die Einnahme von blutverdünnenden Aspirin-Tabletten vor dem Start.

Obwohl die Menschen immer größer werden, hätten die Luftverkehrsgesellschaften die Beinfreiheit der Passagiere immer mehr eingeschränkt, um mehr Sitze in der Kabine unterbringen zu können, kritisierte der Direktor des Instituts für Fluggesundheit im englischen Oxford, Farrol Kahn. In Deutschland gibt es bisher keine Bestimmungen, die Größe und Abstand von Flugzeugsitzen vorschreiben, so die Sprecherin des Luftfahrtbundesamtes, Cornelia Eichhorn. Vertreter der betroffenen Fluggesellschaft Qantas und von British Airways wiesen in London die Forderung nach mehr Platz an Bord zurück. Eine Thrombose könne auch in Bussen oder Zügen und sogar in Privatwagen bei langen Reisen entstehen.

Größe und Abstand der Sitze sind für die Fluggesellschaften, die sich den Komfort von Business- oder gar First-Class teuer bezahlen lassen, ein wichtiges Verkaufsargument. So ist ein Economy-Sitz in einem Boeing 747-400 Jumbo-Jet der Lufthansa beispielsweise 47,5 Zentimeter breit und hat einen Abstand von 79 bis 81 Zentimetern zum Vordermann. Dem stehen 51 Zentimeter Breite und 2,16 Meter Abstand in der Ersten Klasse gegenüber. KLM hat einen Abstand von 83 Zentimetern, wie das Unternehmen gestern sagte.

Doch nicht nur die nüchternen Zahlen, sondern auch die Gestaltung der Sitze ist von erheblicher Bedeutung. "Die Touristenklasse war noch nie so komfortabel", wirbt die Swissair für ihre neuen Airbus A330-Jets. "Recaro-Sitze mit Fußstützen", schwärmt Airline-Sprecherin Heidi Modl. 79 Zentimeter Abstand entsprechen der Langstrecken-Mindestempfehlung einer Initiative der EU-Kommission, die sich für mehr Komfort von Economy-Passagieren einsetzt.

Gerade in manchen Charterjets ist der Sitzabstand so eng, dass die Passagiere im Ernstfall nicht einmal die Notlandeposition einnehmen können, bemängelt eine Studie der Wiener Universität. Auch bei deutschen Airlines gibt es erhebliche Unterschiede. So haben Reisende in den Boeing 767-Großraumjets der Britannia Airways 76,8 bis 78 Zentimeter Sitzabstand, beim gleichen Modell der Condor zwischen 76 und 81 Zentimeter, bei LTU rund 82 Zentimeter. Bei den beiden letztgenannten Gesellschaften bekommen auch Urlauber gegen Aufpreis First-Class-Bequemlichkeit mit 91 (Condor) oder 107 Zentimetern (LTU) Freiheit.

Und zum Festpreis von 4500 Mark bietet LTU von und nach Miami oder Fort Myers in Florida sogar 68,9 Zentimeter breite Schlafsitze mit einem Abstand von 1,59 Metern, die einen Neigungswinkel von 60 Grad haben und sich "per Knopfdruck in ein behagliches Bett verwandeln lassen".

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