Welt : Tod in der Economy-Class: Immer mit den Füßen wippen

Rainer W. During

Nach einem 20-Stunden-Flug von Sydney nach London ist eine junge Britin an einer Thrombose gestorben. Die 28-jährige Emma Christoffersen wurde offensichtlich das Opfer des so genannten Economy-Class-Syndroms. Sie hatte den Langstreckenflug in der engen Touristenklasse absolviert. Dabei muss sich wegen mangelnder Bewegung ein Blutgerinnsel in einer Vene gebildet haben. Die Frau brach nach der Ankunft auf dem Flughafen Heathrow zusammen und starb noch auf dem Weg ins Krankenhaus.

Auch Gesunde sind gefährdet

Emma Christoffersen, die laut einem Bericht der Zeitung "The Mirror" von Freunden als fit, aktiv und als Nichtraucherin beschrieben wird, ist eines der jüngsten Opfer des Syndroms, so der Direktor des britischen Instituts für Fluggesundheit, Parrol Kahn. Bei ihr handele es sich um einen typischen Fall der Krankheit, bei der das Blutgerinnsel die Vene verstopfen und zum Tode führen kann. Englische Experten gehen nach dem Zeitungsbericht von rund 100 Fällen pro Jahr aus. Eine Sprecherin der australischen Fluggesellschaft Qantas sprach den Angehörigen nach Angaben des "Mirror" ihr Beileid aus. Sie verwies zugleich auf die in der Bordzeitschrift ausgesprochene Empfehlung an die Passagiere, sich pro Stunde drei bis vier Minuten die Beine zu vertreten.

Moderne Langstreckenjets haben immer größere Reichweiten. Mit dem zunehmenden Trend zu Nonstopflügen verlängern sich die Zeiten, die Passagiere ohne Zwischenlandung an Bord verbringen müssen. 13 Flugstunden von Frankfurt nach Buenos Aires oder Singapur, die vor wenigen Jahren noch als extrem galten, sind heutzutage gerade noch Mittelmaß. Doch nur wenige Passagiere können sich den First- oder Business-Class-Luxus ergonomisch angepasster Liegesessel mit viel Fußraum leisten. Wer - ausgestattet mit einem Billigticket und reichlich Handgepäck - in der Touristenklasse bei etwas Pech auf einem Mittelsitz eingezwängt ist, dem bleibt besonders in eng bestuhlten Chartermaschinen kaum Bewegungsfreiheit. Doch auch Reisende, denen ein Gangplatz ein problemloses Aufstehen ermöglicht, finden beim heutigen Bordservice zwischen Mahlzeiten, Verkauf zollfreier Waren und Bordkino kaum Anlass, den Sitz zu verlassen.

Dabei ist das Problem nicht neu. Bereits 1994 hatte das Luftfahrtbundesamt vor der "Flugreisethrombose" gewarnt. Dass die Schuhe nicht mehr passen und die Beine geschwollen sind, sei eine Erfahrung, die fast alle Langstreckenpassagiere machen, wenn sie nach mehrstündigem Flug die Maschine verlassen, hieß es damals. Sind die Symptome in den meisten Fällen am nächsten Morgen verschwunden, nehmen die Beschwerden in Einzelfällen dagegen zu. Mit großer Wahrscheinlichkeit lautet die Diagnose dann "tiefe Beinvenenthrombose". Weil die Krankheit häufig am Beginn einer Reise am Ferienort auftritt, sprechen Mediziner auch von der "Thrombose am ersten Urlaubstag".

Das ruhige Sitzen lässt die Wadenmuskelpumpe erlahmen, die das Blut aus den Beinen zurück zum Herzen treibt. Durch den verlangsamten Blutfluss kann sich in den Venen ein Blutgerinnsel bilden und im schlimmsten Fall zu einer tödlichen Lungenembolie führen. Das Übereinanderschlagen der Beine kann die Bildung eines Blutgerinnsels begünstigen. Auch ein durch Alkohol- und Tablettengenuss begleiteter, mehrstündiger Schlaf in unbequemer Lage forciert das Economy-Class-Syndrom.

Ältere Menschen, Schwangere und Patienten nach Operationen zählen zur Risikogruppe. Aber auch Personen mit Krampfadern oder die schon einmal an Thrombosen oder Embolien gelitten haben, sind besonders gefährdet. Mit Stützstrümpfen und gerinnungshemmenden Medikamenten kann dem Economy-Class-Syndrom vorgebeugt werden. Aber auch gesunde Passagiere sind nicht vor der Flugreisethrombose gefeit, besonders wenn sie sich an Bord kaum bewegen und wenig trinken. Viele Fluggesellschaften weisen deshalb in ihren Videoprogrammen auf Bewegungsmöglichkeiten hin. Schon ein gelegentliches Wippen mit den Füßen oder abwechselndes Anspannen und Lockern der Wadenmuskulatur fördert den Blutrückfluss aus den Beinen auch im Sitzen. Und auch wenn die Kabine noch so eng ist, sollten Langstreckenreisende alle ein bis zwei Stunden ihren Platz verlassen und fünf bis zehn Minuten im Gang spazieren gehen. Wenn dies alle tun, wird es allerdings eng in den Gängen. Außerdem würden sich Fluggäste an der permanenten Unruhe stören.

Auch auf ausreichende Flüssigkeitszufuhr ist zu achten. Während des Fluges sollte dabei nicht nur auf Alkohol, sondern auch auf Kaffee und Tee verzichtet werden. Denn diese Getränke entwässern den Körper und begünstigen zusammen mit der trockenen Luft in der Druckkabine die Verdickung des Blutes. Raucher sollten - auch wenn es sich um keinen Nichtraucherflug handelt - auf die gewohnte Zigarette verzichten. Denn ihr Genuss führt zu einer Verminderung des Sauerstofftransportes im Körper und erhöht so ebenfalls das Thrombose-Risiko. Und auf die hautengen Jeans sollten modebewusste Langstreckenflieger zugunsten bequemer, lockerer Kleidung verzichten.

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