Welt : Tod in der Notunterkunft

17 Afrikaner sterben bei Großbrand in Paris / Überlebende kritiseren Zustände in baufälligem Wohnhaus

Guillaume Decamme[Paris]

Aminata kniet vor den noch qualmenden Resten des Wohnhausdaches, das der Brand fast vollständig zerstört hat. Vom dritten Stockwerk aufwärts ist vom Haus nur noch ein schwarzes Loch zu sehen. Aminata trägt die farbenfrohe Tracht ihrer Ethnie. Trauer und Fassungslosigkeit stehen ihr ins Gesicht geschrieben. In einer Verzweiflungsgeste reckt die junge Frau aus Mali die Hände gen Himmel. „Bruder, oh Bruder, warum musstest du eines so furchtbaren Todes sterben?“, klagt sie.

Wie 16 andere seiner Leidensgenossen ist Aminatas Bruder dem verheerenden Brand des Wohnhauses am Boulevard Vincent-Auriol im Südosten von Paris zum Opfer gefallen. 30 weitere Personen mussten wegen Atembeschwerden im nahe gelegenen Krankenhaus Pitié-Salpétrière behandelt werden.

Das Feuer brach am späten Donnerstagabend im Treppenhaus des in den 20er Jahren erbauten Wohnblocks aus. Einsatzleiter Jacques Dauvergne erklärte, es seien 17 Menschen ums Leben gekommen. Die meisten davon, vermutlich 14, waren Kinder. 30 Personen seien verletzt worden. Da das Feuer im Treppenhaus ausgebrochen sei, hätten viele Bewohner die Ausgänge nicht rechtzeitig erreichen können – sie erstickten. Ein Augenzeuge berichtete, es seien Menschen aus dem Fenster gesprungen. Nach drei langen Stunden gelang es den 200 Berufsfeuerwehrleuten, den Brand zu löschen.

Im Haus wohnten 130 Menschen, darunter 100 Kinder. Das stark baufällige Gebäude bot westafrikanischen Einwanderern aus Mali, Senegal und Gambia Obdach. Die Lebensbedingungen im Haus beschreibt der Hausälteste Oumar Cissé als „unter aller Würde“. „Ratten, Mäuse und Kakerlaken gehörten zu unserem Alltag“, sagt der 71-Jährige.

Das Gebäude wurde von Wohlfahrtsorganisationen wie Emmäus als vorübergehende Notunterkunft für arbeitslose, kinderreiche Familien aus Afrika benutzt. Nicht selten mussten zwölfköpfige Familien auf 50 Quadratmetern hausen.

Ein Sprecher der Pariser Feuerwehr wollte bei einer Pressekonferenz am Donnerstagmorgen „keine Spekulationen“ über die Ursache des Großbrandes anstellen. Doch steht sie für die Überlebenden schon fest. „Die Sicherheitsmaßnahmen sind nie beachtet worden. Das Treppenhaus war aus Holz und ganz schön wackelig“, berichtet die 23-jährige Fatoumata aus Senegal.

Bezirksbürgermeister Serge Blisko wies die Anschuldigungen zurück. Das Gebäude sei mehrfach auf seine Sicherheit überprüft worden, sagte er. Innenminister Nicolas Sarkozy, der sich ein Bild vor Ort machte, kündigte an, alle heruntergekommenen Gebäude in Paris erfassen zu lassen. „Das hätten sie früher machen sollen“, sagt Aminata. „Jetzt ist es zu spät. Mein Bruder ist tot“, seufzt sie.

„Wir sind nicht die Ersten“, meint Ahmed, „und garantiert nicht die Letzten. Ob so oder so sind wir dem Staat völlig egal – weil wir schwarz und arbeitslos sind“, echauffiert sich der junge Mann. Er spielt auf eine ähnlich schwere Brandkatastrophe in einem Pariser Billighotel an, bei der im April 24 Menschen gestorben waren. Auch dort hatten die Sozialbehörden viele Asylbewerber aus Afrika untergebracht.

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