Todesstrafe : Das langsame Sterben des Christopher Newton

In Ohio wird die Todesstrafe per Giftspritze vollstreckt. Bei Häftling A378452 dauert es fast zwei Stunden, bis er tot ist. Das Protokoll einer Hinrichtung.

Philipp Lichterbeck
Chris Newton Foto: AP
Vor dem Gefängnis von Lucasville: Gegner der Todesstrafe haben am Tag der Hinrichtung ein Foto von Newton aufgestellt. -Foto: AP

Donnerstag, 24. Mai 2007, 9 Uhr 59. Southern Ohio Correctional Facility, Lucasville, Scioto County, Ohio, USA. Block J, das Todeshaus. Christopher Newton, Häftlingsnummer A378452, liegt rücklings auf seinem Bett und starrt an die Zellendecke. Er hat geduscht und sich rasiert, nur einen Kinnbart lässt er stehen. Seine braunen Haare hat der 37-Jährige zurückgekämmt. Er trägt blaue Hosen und ein knopfloses Hemd mit halblangen Ärmeln. Es spannt über seinem Bauch. Newton ist 1,79 Meter groß und wiegt 120 Kilo.

Auf einer Bank neben der Zellentür sitzen vier Gefängniswärter und beobachten ihn. Sie sind schon hier, seit Newton am Vortag in die Todeszelle gebracht wurde. Sie gehören zum Exekutionsteam.

Um 10 Uhr wird die Tür geöffnet. Vier Männer treten ein. Zwei von ihnen postieren sich rechts und links von Newtons Bett. Sie tragen weiße Kittel und sehen aus wie Ärzte, sind jedoch keine. Ärzte dürfen laut Gesetz nicht an Exekutionen teilnehmen. Die beiden Männer werden „Medical Technicians“ genannt: medizinische Techniker. Die Vollzugsbeamten gruppieren sich um sie herum.

10 Uhr 03. Im Zeugenraum, der neben Newtons Zelle liegt, flackern zwei Farbbildschirme auf. Sie zeigen die Vorgänge in der Zelle Newtons. Von dem Raum blickt man durch eine Panoramascheibe in die Todeskammer, nicht aber in Newtons Zelle. Newtons Anwalt, sein spiritueller Begleiter und ein Freund Newtons haben Platz genommen. Von seiner Familie hat sich Newton am Vortag verabschiedet.

Ebenfalls im Zeugenraum sitzen drei Zeugen für Jason Brewer, den Mann, den Newton getötet hat. Sie sind von Newtons Zeugen durch eine Milchglaswand getrennt. Newton hatte Brewer am 15. November 2001 in der gemeinsamen Zelle im Gefängnis von Mansfield, Ohio, mit einem Fetzen seines Gefängnisanzugs erdrosselt. Brewers Zeugen sind Staatsanwälte, der 27-Jährige war ein Waisenkind. Hinter den Zeugen stehen vier Journalisten, zwei Sozialarbeiter, sowie mehrere Wachbeamte und Vertreter der Gefängnisbehörde. Auf den Bildschirmen, die Newtons Bett aus der Senkrechten zeigen, sehen sie, wie die Mediziner mit einem Gurt Newtons Oberarme abbinden. Die Hinrichtung hat begonnen.

Die Techniker suchen Newtons Armbeugen nach Venen ab – vergeblich. Wegen seiner Fettleibigkeit liegen sie tief unter der Haut. Dann betasten sie Newtons Ober- und Unterarme sowie seine Ellbogen, Handgelenke und Hände. Sie ziehen sein rechtes Hosenbein hoch und massieren und klopfen Newtons Wade und sein Fußgelenk ab. Zehnmal stechen sie mit Kanülen in Newtons Arme. Die Vollzugsbeamten reichen den Technikern Alkohol und Wattebäusche, mit denen sie die Einstichstellen desinfizieren. Auf den Bildschirmen im Zeugenraum ist zu sehen, wie Newton mit den Männern spricht und lacht.

Christopher J. Newton, geboren am 13.11.1969 in Huron am Eriesee, wurde am 4. Februar 2004 im Gericht von Richland County in Mansfield, Ohio, von Richter James Hanson zum Tode wegen vorsätzlichen Mordes verurteilt. Die Todesstrafe wird in Ohio – wie in 37 weiteren US-Bundesstaaten – mit der Giftspritze vollstreckt. In Nebraska gibt es noch den elektrischen Stuhl. In den zwölf restlichen US-Bundesstaaten ist die Todesstrafe abgeschafft. Newton besteht während des Gerichtsverfahrens darauf, hingerichtet zu werden. Er sei Satanist und habe den Mord an Brewer geplant. Nach der Verkündung des Todesurteils lacht er. Staatsanwalt James Mayer jr., der nun auch bei der Hinrichtung anwesend ist, sagt: „Man sollte meinen, Newton würde die Prozedur ernster nehmen.“ Verschiedene Gutachter attestieren Newton psychische Störungen.

Die Techniker beginnen, schneller und hektischer zu arbeiten. Wenn die Hinrichtung zu lange dauert, kann sie abgebrochen werden. Um 10 Uhr 28 finden sie eine Vene in Newtons linkem Arm zwischen Schulter und Armbeuge. Sie legen eine Kanüle, durch die eine Kochsalzlösung fließt, die verhindern soll, dass sich die Vene wieder schließt. Die Mediziner suchen nun den rechten Arm ab. Zwar soll das Gift durch den linken Arm fließen. Doch eine neue Vorschrift verlangt, dass ein zweiter Eingang gelegt wird. Im Jahr zuvor war die Kanüle bei der Exekution des Mörders Joseph Clark falsch gesetzt worden, was die Hinrichtung verzögerte. Das soll verhindert werden. Im Zeugenraum macht sich Unruhe breit. Niemand spricht, aber Mägen knurren. Die Journalisten beobachten die Zeugen, die sich in der Panoramascheibe spiegeln. Sie schreiben einander Zettel.

Newtons Hinrichtung ist die 1078. seit der Wiedereinführung der Todesstrafe in den USA im Jahr 1976. Es ist die 26. Hinrichtung in Ohio seit Wiederaufnahme der Todesstrafe in diesem Bundesstaat vor acht Jahren.

10 Uhr 38. Mehr als eine halbe Stunde nach Beginn der Hinrichtung haben die Techniker noch keine zweite Vene gefunden. Newtons Anwalt Rob Lowe verlässt den Zeugenraum, um sich bei einem Rechtsanwalt von Ohios Gefängnisbehörde über die Vorgänge zu erkundigen. Als er zurückkehrt, flüstert er Newtons spirituellem Begleiter, Dan Newman, zu, dass Ohios Gefängnisbehörde die Techniker beruhigt habe: „Nehmt euch Zeit, fühlt euch wohl und macht eure Arbeit.“ In den Exekutionsreglements des Staates Ohio steht: „Alle Hinrichtungsschritte sollen in einer professionellen, humanen, sensiblen und würdevollen Weise ausgeführt werden.“

Die Techniker arbeiten wieder ruhiger. Um 10 Uhr 58 verlassen sie den Raum für zwei Minuten. Kurz nach elf steht Newton auf. Er muss auf die Toilette. Zeitgleich verlässt die Sprecherin von Ohios Gefängnisbehörde den Zeugenraum. Sie bittet die Presseagenturen darum, die Nachricht von Chris Newtons Hinrichtung nicht wie geplant schon um 12 Uhr zu verbreiten.

11 Uhr 28. Die Techniker finden eine zweite Vene in Newtons rechtem Oberarm. Sie legen eine Kanüle. Fünf Minuten später setzt sich Newton auf die Bettkante. Etwa zeitgleich betreten der Gefängnisoberaufseher und der Gefängnisgeistliche die „Execution Chamber“, den Hinrichtungsraum. Der Aufseher trägt einen grauen Anzug, der Geistliche einen schwarzen. Sie vermeiden Augenkontakt mit den Zeugen, die hineinschauen. Der Boden des Hinrichtungsraums ist weiß gekachelt, die Backsteinwände sind beigefarben gestrichen. In der Mitte steht der Exekutionstisch längs zu den Zeugen. Die Tischplatte ist auf zwei Metallsäulen befestigt. Die Säule unter einem Ende ist etwas höher, so dass die Platte schräg liegt. Das obere Ende ist für den Kopf des Häftlings bestimmt. Neben dem Tisch steht ein Tritt, der dem Häftling helfen soll, hinaufzusteigen. Auf der Tischplatte liegt eine weißbezogene dünne Matratze. Auf Armhöhe ragen rechts und links zwei flache Holzleisten aus dem Tisch heraus.

In der Todeszelle steht Newton von seinem Bett auf. Die Bildschirme erlöschen. Der Häftling läuft die 17 Schritte zur nebenan gelegenen Todeskammer. Vier Beamte laufen vor ihm, zwei neben ihm. Sie tragen graue Hemden und schwarze Krawatten, dazu schwarze Hosen. Waffen hat keiner der Männer dabei. Sie treten in die Todeskammer. Je ein Beamter postiert sich an einer Ecke des Todesbetts. Durch die Scheibe erkennt Newton die Zeugen und zwinkert ihnen zu. Er legt sich auf den Hinrichtungstisch.

Die Vollzugsbeamten beginnen, ihn festzugurten. Ein Gurt wird über Newtons Fußgelenke gezogen, einer über seine Knie, einer über seinen Bauch und einer über seine Brust. Die Arme werden mit je zwei Gurten auf den Holzleisten fixiert. Die Beamten handeln, ohne ein Wort zu wechseln. Als sie fertig sind, verlassen sie den Raum. Nur der Gefängnisoberaufseher, der Geistliche und der Exekutionsteamführer sind noch bei Newton. Einer der Techniker, die die Kanülen gelegt haben, kommt herein. Er verbindet zwei farblose Kabel, die aus der Wand kommen, mit den Kanülen in Newtons Armen und verlässt den Raum.

Der Geistliche beugt sich über Newton und spricht ein zweiminütiges Gebet. Newton schließt die Augen. Der Geistliche geht hinaus. Um 11 Uhr 36 nimmt der Oberaufseher ein Mikrofon von der Wand hinter Newtons Kopf und fragt für die Zeugen hörbar: „Mister Newton, haben sie eine letzte Bemerkung zu machen?“ Er hält Newton das Mikrofon vor den Mund. Dieser erwidert: „Ja.“ Der Aufseher: „Würden sie bitte Ihre Bemerkung machen.“ Newton: „O Mann, ich hätte echt Lust auf Rindfleischragout und einen Hühnerknochen. Das war’s.“ Die Worte sind eine verschlüsselte Nachricht an die anderen Gefängnisinsassen, wie die Gefängnisleitung später mitteilt.

Die letzte Mahlzeit, die Newton am Nachmittag vor der Exekution aß, bestand aus: Steak, Spargel, Rosenkohl, Fetakäse, Schokoladenkuchen mit Kokosraspeln und einem Stück Wassermelone.

Der Aufseher hängt das Mikrofon zurück. Er stellt sich neben Newton und schaut in die Richtung der Zeugen. Hinter Newtons Kopf steht der Exekutionsteamführer. Newton spricht noch einige Sätze mit ihnen und lacht. Die Männer antworten einsilbig und verziehen keine Miene. Newton schaut an die Decke.

Um 11 Uhr 37 wird das für die Zeugen unsichtbare Signal gegeben, den Fluss des Schlafmittels Thiopental in Gang zu setzen. Es lähmt das Gehirn und schaltet das Bewusstsein aus. Newton schließt die Augen und schläft ein. Sein Bauch und seine Brust heben und senken sich. Nun fließt Pancuroniumbromid. Die Chemikalie unterbricht die Übertragung der Nervenimpulse auf die Muskeln. Newtons Lunge erschlafft und seine Atmung stoppt. Er fängt an, zu zittern, sein Bauch verkrampft sich und sein Unterkiefer bibbert. Stirn und Hände färben sich blau. Um 11 Uhr 45 hört Newton auf zu atmen. Jetzt wird Kaliumchlorid injiziert, das eine unkoordinierte Kontraktion der Herzmuskeln auslöst und zum Herzstillstand führt.

Der Exekutionsteamführer zieht den weißen Vorhang vor der Zeugenscheibe zu. Ein Leichenbeschauer betritt die Todeskammer und stellt den Tod Newtons fest. Kurz darauf wird der Vorhang wieder aufgezogen. Der Oberaufseher nimmt das Mikrofon von der Wand und sagt: „Todeszeitpunkt 11 Uhr 53.“ Der Vorhang wird wieder geschlossen. Die Zeugen werden, voneinander getrennt, aus dem Zeugenraum geführt.

Die Hinrichtung Christopher Newtons hat rund zwei Stunden gedauert, es ist die längste Hinrichtung in Ohio seit 1999. Die durchschnittliche Dauer einer Hinrichtung per Giftspritze beträgt in den USA 20 Minuten. Zwischen dem tatsächlichen Beginn des Giftflusses und dem Eintreten des Todes vergehen durchschnittlich sieben bis acht Minuten.

Newtons Anwalt verliest im Anschluss eine Erklärung Newtons, die an die Angehörigen von Jason Brewer gerichtet ist: „Wenn ich’s zurücknehmen könnte, würde ich’s tun.“ An seine eigene Familie gerichtet, lässt Newton ausrichten: „Ich liebe euch, und es tut mir leid.“ Anfang Juni verteilt Dan Newman die Asche Newtons in einem Park in San Francisco. Newton hatte ihn darum gebeten, da er nie in San Francisco gewesen sei.

Seit 1992 hatte Newton fast ununterbrochen wegen geringfügiger Delikte im Gefängnis gesessen. Den Mord an Jason Brewer beging er, nachdem er sich darüber geärgert hatte, dass dieser beim Schachspielen mehrfach aufgegeben hatte. Er schlug, würgte, trat und strangulierte Brewer. Hinterher beschmierte er sich mit dessen Blut und trank es. Schon vor dem Mord hatte Newton ein Geständnis geschrieben. Er habe Brewer getötet, um hingerichtet zu werden.

Newtons letzte Stunden wurden von Philipp Lichterbeck aus Gesprächen mit mehreren Augenzeugen der Hinrichtung rekonstruiert.

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