Welt : Tödliche Nebelfalle

Massenkarambolage auf der Autobahn bei Venedig: Viele Fahrzeuge verwandelten sich in wahre Feuerbälle

Vincenzo Delle Donne[Rom]

Denis, der noch unter Schock steht, sagt, dass er nur durch ein Wunder am Leben ist. Mit seinem Familienvan war der 30-Jährige gerade nach Venedig unterwegs, als er in die Nebelbank fuhr. Er hatte Glück. Er hat den katastrophalen Unfall überlebt.

14 andere Menschen kamen dabei ums Leben. Vier weitere Menschen schweben in akuter Lebensgefahr. Über 80 wurden verletzt in die umliegenden Krankenhäuser eingeliefert. Mindestens 40 Verletzte haben nach Polizeiangaben schwere und schwerste Verletzungen erlitten. Denis konnte zwar noch rechtzeitig bremsen, sein Wagen wurde aber vom nachfolgenden Fahrzeug erfasst. Denis verdankt sein Leben vor allem, dass er im falschen Moment das Richtige getan hat – instinktiv. „Nachdem ich aus meinem Wagen ausgestiegen war, ging ich im dichten Nebel in die falsche Richtung“, sagt er. Das war sein Glück. Denn auf seiner Flucht habe er sich dann mehrmals umgedreht und gesehen, wie sich die auffahrenden Fahrzeuge in wahre Feuerbälle verwandelten – wie in einer Kettenreaktion. Als er schließlich klare Gedanken fassen konnte, habe er dann schnell seinen Vater angerufen, der auf derselben Autobahn unterwegs war. Der Warnruf klappte. Sein Vater konnte wenige Meter vor dem Unfallende zum Stehen kommen und überlebte unversehrt das „flammende Inferno“.

Für die Autobahnpolizei, die den ganzen Tag mit dem Unfall beschäftigt war, ist die Unfallursache klar. Es war der Nebel und die überhöhte Geschwindigkeit, aber auch die Unachtsamkeit vieler Autofahrer sowie eine gehörige Portion Gafflust, die am Donnerstagmorgen auf der Autobahn Mestre-Triest in beiden Richtungen zu dieser verheerende Massenkarambolage führte. „Die Unfallopferbilanz ist allerdings noch vorläufig“, erklärte die zuständige Autobahnpolizei am Abend, „denn viele Autos müssen noch überprüft werden“. Nur durch ein Wunder fiel die Bilanz nicht dramatischer aus. Denn ein mit Wasserstoffgasflaschen beladenener Lkw, der auf die Autoschlange aufgefahren war, fing zwar Feuer. Doch die Feuerwehr, die rechtzeitig eingreifen konnte, verhinderte eine Explosion der Gasflaschen. „Nicht auszudenken, wie hoch die Zahl der Opfer gewesen wäre, wenn die Gasflaschen explodiert wären“, sagte ein Polizist. In der Unfallkolonne befand sich auch ein Bus mit Schulkindern.

Augenzeugen berichten, dass Hunderte von Autos und Lkws in Flammen standen, Tiere brannten und es nach verbrannten Reifen stank. Nur mühsam konnten die Hilfskräfte in diesem Untergangsszenario ihre Arbeit verrichten. „Ein nie zuvor gesehener Unfall“, kommentieren sie einhellig.

Die Szenen des Unfalls, an dem über 250 Fahrzeuge beteiligt waren, wurden von den Augenzeugen als „apokalyptisch“ bezeichnet. Viele Autofahrer, die sich am Ende der Unfallkolonne befanden, berichteten von lebensgefährlichen Auffahrunfällen. Immer wieder fuhren Autos und Lkws auf die stehende Unfallkolonne auf. „Ich war gerade unversehrt aus meinem Auto ausgestiegen, als ich voller Schrecken einen Lkw kommen sah, der mein Auto mitriss“, sagte ein anderer Augenzeuge, „Es ist ein Wunder, dass ich noch lebe.“ Unter den Opfern ist auch ein Feuerwehrmann, der gerade auf dem Weg zur Arbeit war. Die Po-Ebene verwandelt sich im Herbst und Winter, wenn ein Hochdruckgebiet über Norditalien liegt, zu einer tödlichen Nebelfalle. Immer wieder kommt es dabei zu verheerenden Unfällen. Um dieses Problem halbwegs in den Griff zu bekommen, haben Verkehrsexperten unterschiedliche Präventivmaßnahmen vorgeschlagen. Doch das Problem bleibt bestehen, weil viele Autofahrer bei Nebel mit überhöhter Geschwindigkeit fahren. Der stellvertretende Transportminister Mario Tassone schlug angesichts der erneuten vielen Opfer radikale Maßnahmen vor. „Bei geringer Sicht durch Nebel muss die Autobahn gesperrt werden“, sagte Tassone. Bei der Häufigkeit des Nebels im Herbst und Winter hätte diese Radikalmaßnahme jedoch schwerwiegende wirtschaftliche Konsequenzen. Denn der Güterverkehr insbesondere im Nordosten Italiens, der der Motor der italienischen Wirtschaft ist, erfolgt hauptsächlich auf Rädern.

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