Welt : Tödlicher Streit um den Namen des Kindes

BIRGIT SCHÖNAU

In Süditalien werden Großväter rabiat, wenn die Tradition nicht fortgesetzt wird VON BIRGIT SCHÖNAU

Am Namenstag seiner Enkeltochter drehte Aniello Di Maio durch.Bewaffnet mit einer Pistole marschierte der 62jährige pensionierte Polizist in den Laden seiner Schwiegertochter Adelaide im süditalienischen Montesarchio.Die junge Frau an der Verkaufstheke hatte noch nicht einmal Zeit, ihn zu begrüßen.Aniello Di Maio schoß sofort.Adelaide war auf der Stelle tot.Der Großvater hatte nicht ertragen, daß Adelaide ihrer neugeborenen Tochter den Namen Angela gegeben hatte. Zweimal hatte Adelaide sich gefügt und für ihre beiden ersten Kinder Namen aus der Familie ihres Mannes akzeptiert, wie es die Tradition in Süditalien will.Auch bei der jüngsten Enkeltochter meldete Großvater Aniello Ansprüche an.Sie sollte Elisa heißen, wie seine Frau.Aber diesmal weigerte sich die Schwiegertochter.Sie wollte die Kleine Angela nennen, nach ihrer eigenen Mutter.Der Streit gipfelte in einem grotesken Kompromiß: Das neugeborene Mädchen wurde auf dem Standesamt als Elisa angemeldet - um den Opa zu beruhigen - und zu Hause nur Angela genannt, um die Mutter zufriedenzustellen.Dann aber beging Adelaide einen tödlichen Fehler: Sie lud zum ersten Namenstag ihrer Tochter ausgerechnet am Festtag der heiligen Angela ein, was den Großvater in Raserei versetzte. Was wie ein Stück aus dem Mittelalter erscheint, ist in vielen süditalienischen Familien noch heute Normalität: Enkelkinder werden als Besitz der Familie des Mannes betrachtet und müssen deshalb die seit Generationen gebräuchlichen Vornamen tragen.Kürzlich ging ein Großvater mit dem Messer auf seinen Sohn los, weil dieser sich geweigert hatte, dem Filius den Vornamen des Großvaters zu geben.Der Brauch, die Enkelkinder nach den Großeltern zu benennen, sei seit dem 12.Jahrhundert in Neapel und Umgebung verbreitet, erklärte der Anthropologe Alfonso Di Nola."Zuwiderhandlungen werden oft als Beleidigungen des Sippenoberhauptes, also des Großvaters, geahndet." Di Nolas Kollege Luigi Lombardi Satriani sprach von einer "Sehnsucht nach Unsterblichkeit". In Süditalien sind deshalb Giuseppe, Giovanni, Francesco und Antonio die am meisten verbreiteten Namen.Die Mädchen heißen Maria, Anna, Francesca und Antonella.Auf dem Standesamt von Neapel erschien neulich erregt ein junger Professor.Er hatte sich nach tagelangen Diskussionen gegen seine Frau durchgesetzt und wollte seinem ersten Sohn die Namen beider Großväter geben: Armando Gerardo Ottone.Der junge Vater hielt das für eine weise Entscheidung, die er seinen Kollegen sogar im Internet kundtat.Doch seine Frau wurde so wütend, daß sie mit Scheidung drohte.Zerknirscht mußte der Ehemann den Namen für den Sohn wieder ändern lassen.Zum Glück verstand das der Standesbeamte.Er bot dem entnervten Vater erst einmal einen Espresso an.Jetzt heißt der kleine Neapolitaner Alberto.Dabei wäre Armando Gerardo Ottone doch viel schöner gewesen.

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