Welt : Toleranz auf Italienisch

Thomas Migge

Die Mutter glaubte ihren Ohren nicht. Sagte ihr doch die Tochter, gerade eben aus dem Kindergarten zurückgekommen, dass man in der kommenden Weihnachtszeit keine Weihnachtslieder singen werde. Das habe die "maestra", die Kindergartenmutter ihren Schützlingen mitgeteilt.

Die aufgebrachte Mutter, Mitglied der rechten Partei Nationale Allianz, hervorgegangen aus der neofaschistischen Partei MSI, war so entsetzt, dass sie sich umgehend mit der Stadtverwaltung von Biella in Verbindung setzte. Gianluca Susta, linksdemokratischer Bürgermeister der piemontesischen Kleinstadt westlich von Mailand, sah sich gezwungen, den Fall des "Verbots von Weihnachtsliedern", so die Tageszeitung "La Stampa", zum Diskussionsthema im Stadtrat zu machen.

Die empörte Frau hatte bereits ihre Parteifreunde alarmiert und die bombardierten Susta mit Telefonanrufen, in denen sie ihren Ärger über die Entscheidung des Kindergartens zum Ausdruck brachten.

Die Kindergärtnerin erklärte ihre Entscheidung auf einer Versammlung mit den Eltern der ihnen anvertrauten Kleinen. Gezeigt wurde der Film, der beim letzten Weihnachtsfest im vergangenen Jahr gedreht wurde. Einige Kinder sitzen schweigsam in einer Ecke während die anderen "Oh du fröhliche" und "O Tannenbaum" singen. Die Kinder sind Moslems oder werden nicht christlich erzogen und würden sich, so eine Mutter, die die Entscheidung der Kindergartenleitung gut findet, "ganz unwohl fühlen in dieser christlich dominierten Umgebung". Um diesen Kindern in diesem Jahr keinen Grund zur Traurigkeit zu geben, so die Begründung für das Weihnachtsliedverbot, werden andere Lieder gesungen, Lieder, so eine Kindergärtnerin, in denen von Toleranz die Rede ist.

Die rechte Opposition im Stadtrat kämpft jetzt für das christliche Weihnachtsliedgut. Linkswählenden Eltern hingegen gefällt das neue Erziehungskonzept. Sie setzen sich für die Toleranzlieder ein und in Biella gibt es kein anderes Thema mehr, dass die Öffentlichkeit so sehr in Wallung versetzt.

Im lombardischen Telgate geht man noch einen Schritt weiter. Der Stadtrat entschied, dass in allen öffentlichen Gebäuden und auf den Plätzen keine Krippen und Weihnachtsbäume aufgestellt werden. Stattdessen will man mit allen nichtchristlichen Mitbürgern ein "Fest der Toleranz" feiern.

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